freizeit
02/28/2015

Schreiende Brut

von Ernst Molden

Meine Liebste und ich, wir haben ein sich wandelndes Verhältnis zu fremden kleinen Kindern, die schreien. Als unsere Brut noch klein war und selbst zu jedem Anlass aus Leibeskräften schrie, da hörten wir die anderen Kinder nicht. So will es der innere Plan der Arterhaltung. Das Ohr ist auf den eigenen Nachwuchs fixiert. Wenn dieser Nachwuchs schreit, sucht man nach Lösungen, um das Ende dieses Geschreis herbeizuführen. Dahinter liegt Stille. Keine absolute Stille. Es können Blasmusikkapellen vorbeimarschieren, Bomben zur Explosion gelangen, Felshänge ins Tal donnern – für die, äh, jungen Eltern wird all das Stille sein, solang die eigene Brut verstummt. Als vor nunmehr sieben, acht Jahren das hausgemachte, ununterbrochene Gebrüll weniger zu werden begann, wurden wir auf ein anderes Geräusch aufmerksam. Das Geräusch fremder kleiner Kinder, die schreien. Und, ja, wir spürten diese ein bisschen garstige Genugtuung, dass ein anderes Kind hier gerade an der Zermürbung seiner Erzeuger arbeitete. Wieder ein paar Jahre später, wo am oberen Altersende der Brut nunmehr wieder pubertär gebrüllt wird, da können wir mit den Kleinkindeltern wieder Mitleid empfinden: Ihr seids arm, denken wir, aber es geht vorbei, oder wenigstens wird es anders. Solche Gedanken und Gefühle gingen mir durch Seele und Hirn, als ich letzte Woche im Kabarett Niedermair saß, wo zwei Freunde aus der Musiker- familie mich zu ihrem „Elternabend“ eingeladen hatten: Eine gute Idee. Eltern kleiner Wiener können hier am Nachmittag ein Konzert besuchen, der Musiker spielt, die Kinder dürfen brüllen, und die Eltern müssen sich nicht genieren. Da saßen entzückende Kinder und trotz ihrer Fix-und-Fertigkeit hochsympathische Eltern. Ich spielte meine Lieder, ein paar Kinder, längst nicht alle, brüllten, und ich holte aus den Tiefen meines emotionalen Werkzeugkastens diese Ungerührtheit hervor, die ich mir vor Jahren zugelegt habe. Nach dem Konzert, an der Bar, sagte ein lieber Gschderml: „Ut! Tarre!“ zu mir. – „So ist es, mein Freund“, antwortete ich und ging heim zu meinen eigenen Kindern, von denen eins schon bei meinem Eintreten neun Euro von mir verlangte.

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