freizeit
04/01/2014

Österreichrad

Warum mein Rad mit einem Troll vergleichbar ist.

von Ernst Molden

Der Liebsten, der armen, habens das Rad gefladert. Und weil nur das Beste für sie gut genug ist, hab ich ihr das Patagoniaradl geborgt, bis sie wieder ein eigenes hat. Für mich bedeutet das, daß ich nunmehr auf dem Österreichrad fahre, das mir im Vorjahr der Hütteldorfer Freund W. geschenkt hat. Die Geschichte geht so: W. und seine Liebste G. waren mit uns in Kritzendorf. Fährt ein schönes altes Herrenradl vorbei. Sag ich: „Schön“. Steht der W., der als hochspezialisierter Handwerker weit herumkommt, zwei Wochen später da und stellt mir das Österreichrad hin. Auf einer Baustelle habe er es entdeckt, und der Besitzer habe gesagt: Nimms mit! Erbaut zwischen 1978 und 1982 in den RWC-Radfabriken, waren solche, wie man damals sagte, sportlichen Herrenräder der feuchte Traum jedes Adosleszenten meiner Generation: Leicht, zwölfgängig, schnell, aber mit bequemem geraden Lenker. Seit dieser Schenkung stand das Österreichrad, still auf seine Chance wartend, in unserem Radlhüttl. Und nun : Den Gitarrensack am Rücken stieg ich auf, fuhr über die Baum bis zur Schlachthaus und bemerkte sofort entscheidende Veränderungen. Trotz geradem Lenker zwang mich das Österreichrad in ungewohnt-gebeugte Posistion, der Gitarrensack hing also nicht firm an meinen Schultern sondern scheuerte auf meinem Rücken hin und her wie ein mich von hinten begattender Troll. Überdies gehen bei meinem Stammrad nur noch der schwerste und der leichteste Gang, was zu einer angenehmen Optionslosigkeit führt. Hier standen mir nun viel zu viele Gänge zur Verfügung, ratlos schaltete ich hin und her, schwankte und wurde lärmend auffällig. Als ich die Schlachthaus hinabrollte, merkte ich auch, daß ich keinen Rücktritt hatte und mit der Hand bremsen mußte. Beinahe hätte mir das erst eine 18er Garnitur in voller Fahrt beigebracht. Bei meiner Rückkehr beschloß ich, auf dem Österreichrad nur noch Ukulelen zu transportieren. Ich fühle mich sportlich, sagte ich der Liebsten zusammenfassend über diese Ausfahrt. Sie berichtete mir bedauernd, daß das Patagonia-Radl leider einen Patschen hätte. Wir kamen überein, daß die Struktur gerade bröckelt.

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