Lindy Hop

Die Liebste und ich lernen tanzen, und zwar den Lindy Hop, eine Form des Swing, die seit Längerem ein Revival feiert. Dass wir das tun, ist eine Sensation, also intern, also für uns. Vor mehr als zehn Jahren, als die Brut noch nackt, blind und hilfsbedürftig in der Schlafkammer lag, wollten wir einmal Tango tanzen, aber das ging sich klarerweise hinten und vorne nicht aus. Heuer im Sommer waren wir im Strombad von Kritzi auf einem Fest, und da spielte diese wahnsinnig gute Dreißigerjahre-Musik und dazu tanzten diese kinetisch wahnsinnig begabten Menschen in schönen Dreißigerjahre-Gewändern. Magnetisch angezogen näherten die Liebste und ich uns der Tanzfläche und begannen unwillkürlich zu zucken, worauf der Erstgeborene sprach: „Hörts sofort auf, ihr seids peinlich.“ Dann wies er auf die Tänzer und fügte hinzu: „Die können das nämlich!“ So ließen wir es bleiben, aber heimlich steckten wir eine Visitkarte des Veranstalters ein, auf der Kurse angeboten wurden. Hah, und jetzt lernen wir den Hop, bereits den fünften Donnerstag! Der Lindy Hop, benannt zu Ehren von Charles Lindberghs Atlantiküberflug, ist ein doch recht schneller Tanz, und das führt dann dazu, dass mein Baby und ich schon nach den ersten Minuten völlig durchgerüttelt und verschwitzt sind. Immerhin gehören wir doch zu den, äh, Nestoren des Kurses. Auch haben unsere Stammlehrer Elizabeth und Marcus andere Sachen gelehrt, als die auch hochtalentierten Ersatzlehrer Christiane und Toby beim letzten Mal. Aber der Rest der Klasse, also die vielen viel Jüngeren, tun sich eh auch hart, und alle hoppen allen auf die Zechen, schon weil alle dauernd mit allen tanzen müssen. Aber es ist lustig, die Schritte merkt man sich mit „Uh-aah“ und „Shu-ba-dah“. Am Ende der Stunde sind wir in Partylaune, kehren aber trotzdem heim. Dort beschwert sich dann die Drittgeborene über ihre Brüder, der Zweitgeborene hat seine Schultasche noch nicht gepackt, und unsere Partylaune verraucht. Aber nicht ganz: Gegen Mitternacht legen wir meine einschlägige Lieblingsband, The Hot Club Of Cowtown, auf und wiederholen noch ein bisschen den Stoff. Dann öffnet sich die Tür, der Erstgeborene tritt ein, sagt nichts, verdreht aber doch die Augen.

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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