freizeit
01/28/2014

Raureif

Ein Ausflug an den Ort, wo Herr Guido seine Jugend verschwendet hat

von Ernst Molden

Große Familiengeflechte wie die zusammengefassten Sippen von der Liebsten und von mir bedingen eins: Es gibt zahlreiche Familienanlässe. So viele, dass der eine Anlass den nächsten unter sich begräbt. So ist etwa mein eigener Geburtstag relativ bedeutungslos geworden, seitdem mein Erstgeborener vier Tage davor auf die Welt gekommen ist. Jahr für Jahr begraben die Festwochen des Erstgeborenen-Geburtstages den kleinen Kirtag meines eigenen Wiegenfestes. Andrerseits hat heuer das Begräbnis meines Vaters den Geburtstag der Liebsten ebenfalls ein bisschen verschüttet. Feiern wir ihn halt nach, letzte Woche, in den Weinbergen bei Gumpoldskirchen, mit Brut und Schwiegermutter. Wir parken an der Weinstraße und schlagen den Weg ein, den mir Kolumnistenkollege und Freund Guido genannt hat.Endlich ist der Schnee gekommen, oben auf den Hügeln des Anningers liegt er herum, weiter unten regiert der Raureif. Raureif in den Furchen der Wein- gärten, Raureif auf den Zweigerln der Hagebutten, Raureif auf den Ästen der Nussbäume. Es knirscht und knackt. Es ist grau, weiß, eiskalt und schön. So ist der Jänner, wie wir ihn lieben, jenes unbeschriebene Blatt, das er heuer gar nicht war. Der Weg ist nicht allzu weit, aber bei dieser Kälte genau richtig. Auf einmal kurvt er nach rechts, und es riecht nach einem Holzfeuer. Wie ein Tier des Waldes liegt die Hütte an dessen Rand. Drinnen brennen Kerzen, denn das Tageslicht, das durch das bekreuzte Fenster fällt, ist wenig. Tag, sage ich, Herr Guido schickt uns, er sagt, er habe hier seine Jugend verschwendet. – Über das Wort Verschwenden muss ich mit ihm reden, sagt die Wirtin, und wir dürfen rein.

Zusammengefasst: Die Veigl-Hütte (hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen) ist die Schönste unter den Wienerwaldhütten. Und wir haben im vergangenen Jahr ein paar schöne gesehen. Aber hier... Kein Wasser, kein Strom. Aber Aufstrichbrote, und was für welche! Heißer Birnensaft, Glühbirne genannt. Guter, milder Schnaps. Und die einzige bundreine Westerngitarre, die es auf allen Hütten der Welt gibt. Ich kann ihnen nur eines raten: Glauben Sie dem Herrn Guido, wenn er Ihnen etwas sagt.

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