freizeit
06/20/2015

Die Österreich-Lagune

von Ernst Molden

Ich pflege – wenn auch nur nach vorherigem Lobgesang auf meine entzückende, unfade Brut – manchmal darüber zu jammern, dass die Liebste und ich als Eltern dreier schulpflichtiger Kinder in der gewissen Hauptsaisonfalle sitzen. Sprich: Feriales Wegfahren ja, aber nur dann, wenn alle fahren, also in den Ferien. Dann träume ich von vergangenen Fahrten mit der Liebsten: der Altweibersommer auf den Liparischen Inseln, der hondurianische Advent, Ragusa im Mai. Alles vor der Fortpflanzung.
Aber heuer machte der Herrgott ein Frohnleichnams-Fensterl auf, und so nützten wir die Chance und fuhren am Vorabend dieses urösterreichischen gegenreformatorischen Feiertags nach Grado, wohin uns meine liebe Mama geladen hatte. Natürlich war es Selbstbetrug, denn selbstverständlich waren alle österreichischen Eltern durch dasselbe Fensterl geklettert und saßen jetzt in Grado. Der pittoreske Strand, in dem wie in einem riesigen Bananen-Split Tausende Sonnenschirmchen steckten, war eine einzige Österreich- Lagune von gegenreformatorischer Gemütlichkeit. Hauptsächlich waren es Wiener und Grazer – oder doch eher Grazer und Wiener? Ich stellte fest, dass die geld- und trinkgeldgeilen Gradenser Badewaschln den Strand nach Lust, Laune und Willkür zu belegen schienen. Mochten sie Wiener eher nicht, dann vermieteten sie einer Familie aus der Bundeshauptstadt einen Schirm zwischen sieben Grazer Familien. Oder umgekehrt. Am zweiten Tag trafen wir meinen Linzer Freund Kurti, der in Grado eine kleines Häuserl bewohnt und sich angesichts der Tausenden Wienergrazer ein wenig verloren fühlte, so sagte er. Gleichsam wäre die Nebensaison auch nicht mehr, was sie einmal war. Am dritten Tag erreichten hunderttausend Quallen nach ihrer Drift durch Suezkanal, Libysches, Ionisches und Adriatisches Meer die Lagune. Aber als sie die hunderttausend Österreicher sahen, zuckten sie mit ihren Tentakeln und kehrten wieder um. Am Sonntag fuhren wir mit unserem rassigen Leichenwagen wieder heim. Anhand der Kennzeichen erkannten wir, dass doch auch noch andere Österreicher dagewesen waren. Besonders aggressiv fuhren interessanterweise Salzburger und Sankt Pöltner.

ernst.molden@kurier.at