freizeit
04/28/2015

Tod der Pappel

von Ernst Molden

Erst vorgestern war ich in der Bierinsel im Prater gesessen, hatte ein Semmerl ins formidable Gulasch getunkt und mir eingebildet, dass hier die Welt noch in Ordnung sei. War sie aber nicht. Daheim fand ich ein Mail von Leserin Irene, die schrieb: „Sehr geehrter Herr Molden – darf ich mir heute erlauben, Ihnen nur kurz zu sagen, dass die große Silberpappel beim Lusthauswasser gestern umgefallen ist. Ich bin so traurig.“ Ich fasste es nicht. So friedlich hatte alles ausgesehen. Schon heute sattelte ich das Patagonia-Radl und fuhr noch einmal hin. Es war ein unglaublicher Anblick: Dort wo am Ende der Lusthauswiese der Weg abschüssig zum Wasser führt, schien der Wald auf einmal völlig zugewachsen. Wo es hell vom Gestade heraufschimmern sollte, war völlige Dunkelheit. Erst allmählich begriff ich: Das riesenhafte Dunkle, das war der Baum. In den vergangenen Jahren, seit sie die kapitale Pappel mit diesem Sicherheitsverhau umgeben hatten, hatte ich mir öfter vorgestellt, wie sie bei ihrem Umfallen gerade noch innerhalb des Zauns aufschlagen würde. Aber nein: Ihr Leichnam streckte sich weit über den Zaun, weit auch über den Hohlweg, bis hin zum Ufer. Er hatte kleine Bäume und Büsche einfach umgerissen. Er lag da wie ein von der Zeit besiegter Titan. Und überall auf seinem Stamm, und auf seinen mächtigen Ästen krabbelten Volksschüler herum, die nicht packen konnten, dass ein so großer Baum existieren konnte. „Man kann super klettern“, sagte ein Mädchen, „aber es ist so schade um die schöne Pappel.“ Nun musste ich den gefallenen Riesen umrunden, um in mein Sommerbüro am Wasser zu kommen. Auf der Uferseite ging es nicht. So schob ich das Radl über ein kleines Wegerl in den Wald hinein. Das Wegerl mäanderte hin und her, die Sonne kam einmal von dieser, einmal von jener Seite. Ich war entzückt. Ich war hier noch nie gewesen, ich genoss das Wegerl und den Wald. Ich sah Blüten in allen Farben von Altrosa bis Schneeweiß. Das alles war irgendwie ein Geschenk des toten Baums. Dann erreichte ich das Ufer und mein Büro. Die Frösche quakten. Ich hockte mich hin und schrieb, was Sie jetzt lesen.

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