freizeit
10/01/2014

Baba, Sommer.

Ein letztes Mal noch Sommer: In Podo und Kritzi.

von Ernst Molden

Unsere Ausflugsdestinationen haben es dann wirklich geschafft, wenn ihre Namen in den familieneigenen Diminutiv umgewandelt sind. Fahrma nach Kritzi, sagen wir schon weit länger als ein Jahrzehnt, wenn die Reise ins Strombad Kritzendorf gehen soll. Und jetzt schreiben wir mindestens das dritte Jahr, in dem wir nicht mehr nach Podersdorf am See ausfliegen, sondern, richtig: nach Podo. Podo, auf der orientalischen Seite des Neusiedlersees gelegen ist ein wunderbarer Ort, um den Sommer in den Herbst fließen zu lassen. Kürbisse, Trauben, kleine, graue Wellen. Moste und Stürme. Die fünfzig Zehen der Familie wühlen im schwefeligen Gatsch am Grunde des seichten Riesengewässers, während am Himmel scheinbar unendliche Starenschwärme kryptographische Botschaften schreiben. Kurz: Wir sind gern hier. Dieses Jahr schafften wir sogar zwei Sonntage. Erst kamen nur wir fünf, kurz nach den Ferien, voll von Güldenheit und Erholung. Zusammen mit den jüngeren Kindern watete ich zum „Sumpf des Grauens“ vor der Schilfinsel (wo der Gatsch besonders fäult), mit dem älteren Sohn führte ich, mich auf der Pritsche räkelnd, ein Apple vs. Microsoft-Gespräch, der Liebsten hingegen flüsterte ich zärtliche Zwei- oder Dreisilber ins Ohr. Es war gut, heiß, noch Sommer. Zwei Wochen drauf kamen wir wieder, mit dem Gumpendorfern. Die Gumpendorfer waren genauso hin wie wir, zwei Wochen des Schulanfangs, der neuen, sperrigen Jobs, des, ohja: Alltags lagen hinter uns allen. Ich brütete auch bereits an jener Grippe, die ich (für Sie gottlob unmerklich) auslebe, während ich dies hier schreibe. Irgendwann zog ich mein Gesicht aus dem Steinbeckbuch und sagte zur Liebsten: Ich hoffe, die Gumpendorfer finden nicht fad, wie ich heute bin. Nach einer langen Weile in der spät gilbenden Sonne kam die Liebste zurück und sagte: Die Gumpendorfer sagen, es ist herrlich, daß du so bist, sie sind nämlich genauso. Beim Seewirt aß ich ein Wurzelfleisch vom Wels, was ich noch nie gegessen hatte und was definitiv etwas machte mit mir. Ein Pfeil aus Graugänsen passierte den Leuchtturm von Podo. Wir kehrten heim. Am Abend wurde ich unmissverständlich krank. Ende Sommer des Vierzehnerjahres.

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