freizeit
06/23/2014

Der Horo

Ein Horo-Anruf glich einem Ritterschlag.

von Ernst Molden

Zwei Wiener Journalisten haben mir wirklich was beigebracht. Der eine war der Metzger. Josef Metzger war Mitte, Ende der Achtziger allmächtiger Sport- und (!) Lokalchef der „Presse“. Ein ewig schnüffelnder, wühlender, niemals zufriedener Spürhund des chronikalen Journalismus, der seinen Lehrlingen, also auch mir, unvollkommene Geschichten grantig aus der Hand riss und sie selbst perfektionierte, während man gedemütigt danebensaß und mit roten Ohren sehr viel lernte. Der andere, den ich nur wenige Jahre später traf, war das Gegenteil. Einer, der scheinbar nichts selbst machte, außer zuzulassen, was er für vielversprechend hielt. Ein großer Ermöglicher und Feingeist, dessen Leistung darin bestand, Themen zu erkennen und bisweilen den richtigen Schreiber oder die richtige Schreiberin mit einem solchen Thema zu verheiraten, ein Compositeur des Feuilletons. Die Rede ist von Michael Horowitz, dem Begründer und Chefredakteur des Magazins, das Sie gerade lesen. Das Vierteljahrhundert, das Michael Horowitz die freizeit jetzt leitet, ist für ein Wiener Printmedium, nicht nur in diesen unsicheren Zeiten, eine Ewigkeit. Dass der Horo, wie wir ihn mehrheitlich nennen, sich nunmehr um sich selbst kümmern will, gönnen wir ihm natürlich. Ein Jammer ist es trotzdem. Wer soll den jungen Menschen das Zulassen beibringen? Für die freizeit und den Horo arbeitete ich immer wieder, sporadisch, spärlich, sparsam, aber mit Genuss. Als ich Redaktionen längst mied und so unverlässliche Dinge wie Schauspiel, Roman oder Lied herstellte, rief er trotzdem immer wieder in meiner verwahrlosten Wohnung an. Und im Gegensatz zu allen anderen Leuten aus dieser, äh, entspannteren Phase meines Lebens wagte ich es nie, ihm abzusagen. Ein Horo-Anruf, stets von seiner wunderbar auratischen Sekretärin Christine Hons eingeleitet, glich einem Ritterschlag. Ich dämpfte die Tschik aus, verließ das Bett, zog ein Sakko an und machte mich an die Arbeit. Es wird seltsam sein, jetzt einfach weiterzuschreiben, Woche für Woche, in und trotz Horos Abwesenheit. Aber ich habe keinen anderslautenden Befehl bekommen. Irgendwann in nächster Zeit möchte ich mit Michael Horowitz zum Heurigen gehen. Er muss es nur zulassen.

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