freizeit
01/24/2015

Der coole Alte

von Ernst Molden

Das Alter sei ein Massaker, sagte der coole alte Herr Philip Roth. Ich gehe die Raben runter, Richtung U3 Kardinal Nagl. Ich muss zum guten Zahnarzt H. Der soll wieder einmal ein kaputtes Stück Natur aus meinem Mund gegen ein funktionierendes Stück Künstlichkeit austauschen. Das Alter ist ein Massaker. Was tun? In der Raben komme ich an dem kleinen, altertümlichen Fitnesscenter vorbei, dessen Schaukästen noch aus der Zeit der positiven Sichtweise auf Anabolika stammen. Nein, dort zieht es mich nicht hin. Ein Haus weiter allerdings, beim schwebenden Operationssaal des Herz Jesu Krankenhauses, wo es heißt, dass dort die richtig guten Handchirurgen arbeiten, dort würde ich schon vorbeischauen, wenn irgendein Reißen mich am Gitarrenspiel hindern sollte. Seltsam. Mit 25 erreicht der Mensch den physischen Zenit, habe ich einmal gelesen, dann geht es downhill. Nun, im Wartezimmer des guten Zahnarztes H., denke ich über jenen alten Herrn nach, der ich einmal sein möchte. Als ich ein Bub war, waren die meisten alten Herren uncool, autoritär, hubertusbemäntelt und von zylindrischer oder kegelförmiger Gestalt. Wenn sich so ein alter Herr umdrehte, um mit einem zu schimpfen, drehte sich stets der ganze Rumpf, das Genick nämlich, gut eingebettet in Kropf oder Goderl, war eine starre Sache. Ein paar alte Herren allerdings waren anders. Einen traf ich täglich am gymnasialen Schulweg im D-Wagen. Er war schlank und voller Lachfalten, und hatte ein wie mit dem Bleistift gezogenes Schnurrbärtchen. Statt Hubertus trug er eine eng geschnittene, sportliche Windjacke. Während die uncoolen Altersgenossen schon beim Einsteigen brüllten, man solle ihnen Sitzplätze freimachen, hakte dieser coole Sir sich locker im Haltegriff ein. Boten wir ihm Platz an, lehnte er dankend ab. Kurz bevor Zahnarzt H. mich drannimmt, fällt mir ein, was diesen alten Herrn so cool machte. Einmal nämlich sah ich ihn mit seiner alten Lady in den D einsteigen. Und die war zart und federleicht, sie lächelte genau so charmant, lebenslustig und freundlich wie er. Das hielt ihn zusammen. Erlöst denke ich an die Liebste und marschiere in den Behandlungsraum, um mir Nummero fünf links unten schleifen zu lassen.

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