freizeit
05/12/2015

Bestimmte Artikel

von Ernst Molden

Yeah, Stadionbad. Mit meinem noch immer leicht schmerzenden Handgelenk, ich danke für die Anteilnahme, strebe ich am 4. Mai, in der Kühle des zeitigen Vormittages dem Grand Bleu des Wiener Praters zu. Die Saisonkarte funktioniert, das Drehkreuz rotiert. Selbst noch von blasser Farbe, grüßt der Bademeister. Aha: Das Sportbecken ist von algengrüner Farbe und durch diverse Absperrungen streng von mir getrennt. Die letzte Baustelle, sagt ein anderer Bademeister. Morgen sei alles wieder gut. Den anderen Early Birds gleich, steige ich also ins Wasserballbecken. Hier brauche ich 30 statt 20 Längen für meinen ewiggleichen Kilometer. Je weiter man zählen muss, umso leichter irrt man sich. Aber wurscht: Es ist sooo schön. Die Kastaniendolden haben den Höhepunkt erreicht. Der Wind, der einmal in diese, dann in jene Richtung bläst, trägt überfällige weiße und pinke Blütenblätter fast waagrecht über die Beckenlandschaft, einem himmlischen Perlvorhang gleich. Bei Länge sechzehn fallen mir zwei Fahnenmasten auf, die entweder von mir bisher unbemerkt geblieben oder tatsächlich neu sind. Auf den weißen Fahnen befinden sich rätselhafte blaue Flächen und der Schriftzug „Das NEUE Wiener Stadionbad“. Zuerst schaue ich nervös herum, finde aber gottlob nix Neues. Dann, bei Länge neunzehn, kippe ich auf etwas anderes hinein, nämlich auf den bestimmten Artikel. DAS neue Wiener Stadionbad. Der bestimmte Artikel, einsilbigstes Alleinstellungsmerkmal der Welt, meint: Wir sind hier im eigentlichen, im ultimativen, im einzig wahren unter den hunderten Wiener Stadionbädern. Die Fleischhauereikette Radatz macht das ähnlich. Da liegt ein Leberknödel in der Vitrine und daneben steht ein Taferl: DER Leberknödel. Sein Nachbar: DER Markknochen. Vis-à-vis: DIE Pikantwurst. Wir brauchen Orientierung in einer unübersichtlichen Welt. Es lohnt sich, erst DEN Leberknödel schlechthin zu verzehren, und SICH dann in DAS Stadionbad schlechthin zu begeben. Mit derlei Sophistereien verrinnen die verbleibenden Längen wie eine Kette aus Leberknödeln. Ich beende das Bad. Im Abgang begrüße ich die Skulptur „Das Weib“.

ernst.molden@kurier.at

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