freizeit
07/18/2015

Die Zukunft schmeckt indisch

Der Sommer, Madrasrind und scharfes Hendl

von Ernst Molden

Vor ein paar Tagen haben wir die Zukunft betreten. Von der Zukunft trennte uns
jenes Datum Anfang Juli, an dem ich mit den fabelhaften Herren Soyka, Wirth und Prozorov in der Staatsoper spielen durfte, beim Jazzfest. So ein Datum ist wie der Ötscher: Man sieht es von Weitem und die Welt teilt sich in das, was davor liegt, und das, was dahinter liegt.
Ich war nervös vor diesem Auftritt, und Liebste und Brut waren es mit mir. Aber jetzt ist es vorbei, es hatte gefühlte sechzig Grad in der Oper, und, ja, danke, es war leiwand.
Und jetzt die Zukunft: Die Brut teilte sich auf zwei Omas auf und verreiste in verschiedene Richtungen. Die Liebste flog zu ihrem Schwesterlein nach Berlin. Aber noch ehe ich den Leichenwagen startete, um sie nach Schwechat zu scheiben, probierten wir abschiedshalber das neue Beisl in unserem Block aus, an der Petrusgassenecke, ein Inder. An der Stelle dieses Beisls befanden sich dereinst andere Beisln. Sie gingen schlecht, aber sie boten auch eher nicht so gute Sachen an. Doch so wie seine Vorgänger kriegte jetzt auch der Inder seine Chance. Ich bestellte Lamm in der Sauce des Nordens, und siehe da, es schmeckte wahnsinnig gut. Und auch die Liebste war von ihrem Madrasgemüse entzückt. Ein Paradeissupperl bekamen wir ungefragt dazu. Die Liebste flog davon, und ich blieb als letzter Aufrechter in Erdberg, um ein paar Arbeitstage wegzuplanieren. Täglich schritt ich zum Inder. Am zweiten Tag aß ich Madrasrind, am dritten irgendein sehr scharfes Murgh, also ein Hendl.
Ich habe die Zukunft betreten. Sie schmeckt indisch. Ich vermisse Brut und Liebste. Aber wenigstens Letztere ist bald wieder da und derweil hab ich mein Beisl. Als ich nach dem letzten Besuch zahlte, wurde mir bewusst, welche Schönheit das gerade verzogene Gewitter über die Landstraßer Haupt gebreitet hatte. Die Straße glänzte vom Regen, darauf sanken die duftenden Lindenblüten. Die Wolkenbäuche im Westen waren messingfarben und im Osten stand ein Regenbogen. Irgendwo in Simmering, an seinem Ende, wartete ein Topf Gold auf mich.

Ich ließ ihn warten, ging heim und rief mein Baby in Berlin an.

ernst.molden@kurier.at