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freizeit
09/09/2019

Wie Frauen das Fernsehen zum besseren Kino machen

Hollywood ist noch immer ein Hort der Männerbünde, in Venedig sind gerade einmal ZWEI Filme von Frauen im Bewerb. Dafür regieren Frauen die TV-Serien. Und das ist gut so.

von Andreas Bovelino

Was haben Katharine Hepburn, Barbara Stanwyck und die Hauptdarstellerinnen in gut 300 beliebten Hollywood-Filmen gemeinsam? Sie wurden allesamt auf der Leinwand von Männern übers Knie gelegt. Um sie zur „Räson zu bringen“, ihnen zu zeigen, wer die Hosen an hat. 

Ein  Szenarium, das durchaus auch angewandt wurde, um aufmüpfige Schauspielerinnen wie Katharine Hepburn zu disziplinieren – und sowohl beim männlichen  als auch beim weiblichen Kinopublikum bis weit in die 1960er ausgesprochen beliebt war. So war sexy damals!

Doppelt erschreckend, wenn man bedenkt, dass es noch gar nicht weit zurückliegt. Und gerade die #metoo-Bewegung zeigte, dass es noch genügend Dinosaurier unter mächtigen Männern gibt, für die Frauen auch heute kaum mehr als Objekte ihrer Allmachtsfantasien sind...

Revolution!

Aber: Das sollte mal jemand mit den aktuellen Leading Ladies versuchen. Und obwohl einige Hollywood-Produzenten noch immer von den alten Zeiten träumen und beim aktuellen Filmfestival in Venedig gerade einmal ZWEI Regisseurinnen  eingeladen wurden, haben Frauen mittlerweile  doch das vielleicht wichtigste und zukunftsträchtigste Terrain in Sachen Film fest in der Hand: In einer Art „samtenen Revolution“ gelang es ambitionierten Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Kamerafrauen und Produzentinnen, mehr und mehr Fernseh-Serien entscheidend zu gestalten. Tatsächlich ist es so, dass in einigen Erfolgsshows derart starke Frauen-Riegen am Werk sind, dass hre männlichen Kollegen als bloße Stichwortgeber fungieren. Bestenfalls noch als Love-Interest, falls sie hübsch genug sind.

Am auffälligsten ist das bei großen TV-Shows wie der mit Spannung erwarteten Premiere für „Apple TV+“, dem neuen Anbieter, der HBO, Sky, Netflix und Amazon Konkurrenz machen soll: „The Morning Show“ von Reese Witherspoon und Jennifer Anniston, nichts weniger als die teuerste TV-Produktion aller Zeiten.

Oder natürlich „Big Little Lies“, das nicht nur von den Best-Buddies Reese Witherspoon und Nicole Kidman produziert wurde, sondern auch mit einem weiblichen Power-Cast aufwartet, der jeden männlichen Wichtigtuer ganz einfach platt macht: Neben den beiden Chefinnen brillieren Zoe Kravitz, Laura Dern, Shailene Woodley und die göttliche Meryl Streep  in dieser packenden Story. Die natürlich auch von einer Frau geschrieben wurde: Liane Moriarty.

Frauen können alles

Dabei lassen Frauen sich längst nicht mehr auf klassische Rollentypen wie Großstadtneurotikerin, Klatschreporterin oder gar Ehefrau festnageln. Sie machen alles. Und zwar gut. Superheldin? Check, Jessica Jones rules! Erbarmungslose Rächerin? Check („Westworld“, „Revenge“). Skrupellose Managerin, Politikerin, Computernerd – checkcheckcheck. Und die Wodka saufende Journalistin (check!) Amy Adams sieht sich in „Sharp Objects“  nicht nur einer monströs matriarchalischen Mutter (check!) und einem erbärmlichen Waschlappen von Stiefvater gegenüber, sondern einer eiskalten Serienmörderin (umwerfend gut: die damals erst 18-jährige, rollschuhfahrende Eliza Scanlen).

Denn auch die Rolle des unfassbar Bösen, des Diabolischen ist längst nicht mehr für Männer reserviert. Faszinierend interpretiert etwa von Ruth Wilson, die sich auch für den ansonst unschlagbaren Inspektor „Luther“ (Idris Elba) als zu raffiniert erweist.

Und  von der blutjungen Britin Jody Comer, die uns als Superbösewichtin Vilanelle in „Killing Eve“ das Fürchten lehrt und das Kunststück zustande bringt, dabei trotzdem witzig zu sein. So viel sei hier verraten, ohne zu spoilern: Diese Damen morden alles andere als „weiblich“,  nichts mit heimtückisch und Gift – hier geht’s richtig zur Sache.

Apropos „Killing Eve“: Ein Paradebeispiel für die neue Frauenpower, die den Serienmarkt bestimmt und richtig spannend macht. Geschrieben und produziert von der genialen Phoebe Waller-Bridge, die in ihrer eigenen Serie „Flea Bag“ auch als Schauspielerin Preise abgeräumt hat. Killerin ist besagte Jody Comer, die von der Geheimdienst-Mitarbeiterin Sandra Oh, genau, das ist die biestige Chirurgin aus „Grey’s Anatomy“, gejagt wird. Die natürlich eine strenge Chefin hat, nämlich die grandiose Fiona Shaw.

Die ihrerseits mit dem lästigen Phänomen, dass Frauen über 50 keine spannenden Rollen mehr bekommen, kurzen Prozess macht. Die 61-jährige Irin ist in „Killing Eve“ nicht nur die absolute Queen of Cool, sie erfreut sich auch eines durchaus aktiven Sexlebens.

(Alb)Traum vom starken Mann

Freilich werden auch heute Frauen auf die ihnen von einem fernen Patriarchat zugeteilten Rollen reduziert, wie in der anfangs zumindest für männliche Besucher perfekten „Wie damals“-Idylle der HBO-Serie „Westworld“ (Autorin: Lisa Joy). Aber dann ist blutige Rache garantiert. Durch einen fantastischen Frauen-Cast um Evan Rachel-Wood und Thandie Newton.

Und wenn dann jemand wie die 42-jährige  Regisseurin, Kamerafrau und Produzentin Reed Morano  eine ultimativ misogyne Zukunftsvision wie  Margaret Atwoods „Report der Magd“ verfilmt – kommt  nichts weniger dabei heraus als eine der besten Fernsehserien aller Zeiten. Wobei auch die vielen Gastregisseurinnen – Floria Sigismondi, Kari Skogland, Amma Asante oder Deniz Gamze Ergüven – keinen Millimeter an Qualität verlieren. Wie war das nochmal in Venedig? Man konnte ernsthaft nicht mehr als zwei Filmemacherinnen finden?

Bezeichnend auch, dass sogar im Terror-Patriarchat von „Report der Magd“ die Männer nur schattenhafte Figuren  sind. Es sind die Frauen, mit denen wir mitfiebern- und -leiden. Und wenn in einer beklemmenden Szene einer der führenden Politiker des Landes seine Frau mit einem Ledergürtel züchtigt, hat das mit sexy nichts zu tun, sondern ist so schrecklich, wie Gewalt eben ist.