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freizeit
09/19/2019

Wie findet man das Glück? Mit Prominenten auf Spurensuche

Wir streben nach Glück – und fragen uns doch immer wieder: Geht da noch mehr? Die "freizeit" hat Prominente befragt, was es wirklich zum Genuss des Lebens braucht.

von Andreas Bovelino

Wo findet man das Glück? Und vor allem: Wie kommt man da hin? Eine Frage, die den Menschen seit Anbeginn der Welt antreibt. Sein ganzes Leben lang. Durch Stürme, tropische Hitze, Feuer und Eis, über Meere und Kontinente. Wahrscheinlich hat sie uns sogar auf den Mond gebracht. Vielleicht führt sie uns irgendwann einmal in andere Welten, fremde Sonnensysteme, ein neues Universum ...

Bis dahin sind wir allerdings hier, auf der Erde, in einem hübschen Häuschen oder einer Altbauwohnung, einem Gemeindebau oder einer Studenten-WG. Die Suche fällt also individuell aus, nicht jeder wird zu den Sternen fliegen. Man versucht sich  im Bungee-Jumpen oder im Yoga, die nötige Erfahrung kann  ja auch in uns selbst stecken, man opfert sich auf für seinen Hund oder genießt Fernreisen, flirtet auf Teufel komm raus, trollt im Internet, goustiert sich durch sämtliche Köstlichkeiten der zeitgemäßen Kulinarik, tanzt zu Beats, deren Bässe einem durch die Fußsohlen die Hirnrinde massieren, verliebt sich, sekkiert die Nachbarin oder schläft neben seinen Kindern ein, während man ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte vorliest. Denn: Die Wege zum Glück sind vielfältig, mit etlichen Sackgassen ist zu rechnen ...

„Meine eigene Erfahrung zeigt, dass mich im Allgemeinen viele und gute soziale Beziehungen glücklicher machen als das Alleinsein. Studien sagen dasselbe“, sagt Stefan Sagmeister, 56-jähriger österreichischer Designer von Weltruf und Dozent an der School of Visual Arts in New York. Man kann ihn durchaus als Experten auch in den Belangen „Genuss & Glück“ sehen.

In Wien gibt es den berühmten Satz: ,Des Glück is a Vogerl'. Dem entgegengesetzt ist: ,Jeder ist seines Glückes Schmied' ...

Stefan Sagmeister | zieht daraus seine eigenen Schlüsse...

Er hat nicht nur für Lou Reed und die Rolling Stones CD-Covers entworfen und im Vorjahr den österreichischen Beitrag zur Architektur-Biennale in Venedig gestaltet – seit mehr als 15 Jahren geht er in seinen Werken immer wieder der Frage nach: „Was macht uns glücklich oder zumindest glücklicher?“ Eine seiner großen Ausstellungen im MAK in Wien hieß entsprechend „Happy Show“. Um die Schönheit, „Beauty“, drehte sich alles im vergangenen Jahr, und damit sorgt er heuer auch in Frankfurt für Furore.  Kann er uns denn seine Glücksfrage auch beantworten?   „In Wien gibt es den berühmten Satz: Des Glück is a Vogerl. Das heißt ja doch,  es kommt und geht, wie es will, man kann es nicht beeinflussen. Dem entgegengesetzt ist: Jeder ist seines  Glückes Schmied, also die Eigenverantwortlichkeit. Ich persönlich glaube, es ist so: Der Schmied hat ein Vogerl.“

Zu viel Ernst schadet also bei der Glückssuche? „Das Glück lässt sich nicht direkt verfolgen, es muss sich von selber einstellen. Allerdings können Situationen und Lebensbedingungen gestaltet werden, in denen die Chancen, dass es von selbst kommt, erhöht werden…“

Gut, also nicht nur aufs Vogerl warten, sondern Bedingungen schaffen, die es eventuell anlocken. Ohne dabei zu verbissen den Hammer zu schwingen, sonst verschrecken wir das zarte, scheue  Ding nur. Doch, das hat was!Ein einfaches Rezept?Und es scheint schon immer wieder der Genuss zu sein, der das Glück zum Vorschein bringt.  Relativ egal, wie der aussieht, oder zumindest sehr individuell. Es muss jedenfalls nicht immer Kaviar sein. Also nicht unbedingt. „Ich hab ein kleines Rezept in Bali versucht“, verrät Stefan Sagmeister:

„Dazu nehme man ein Smartphone, gefüllt mit einer Reihe von neuen, guten Liedern (die noch keine alten Erinnerungen hervorrufen), einen gelben Motorroller, eine unbefahrene schöne Straße, mixe diese Zugaben und fahre ohne Ziel, nur um des Fahrens willen, über die Insel. Das hat bisher jedes Mal einen richtigen Glücksmoment hervorgerufen, inklusive Gänsehaut.“

Wie sieht es allerdings im alltäglichen Gebrauch aus, genießen wir denn  genug? Irgendwie scheint es uns selbst doch immer ein wenig zu wenig? Vielleicht ist es andererseits auch zu viel, wie Kritiker mit erhobenem Zeigefinger meinen. Immer mehr Freizeit, viel zu viel Freizeit, viel zu viele Angebote, früher gab’s das auch nicht und da war doch alles besser.

Glück als Verpflichtung

Aber kann man das denn überhaupt: Zu viel genießen? Für den alten Epikur waren vor 2300 Jahren Genuss und Glück die höchsten Güter, Schmerz das schlimmste Übel. Und jetzt kommt’s: Genuss war für ihn und seine Anhänger  nicht einfach nur Spaß, sondern eine moralische Verpflichtung!

Das klingt doch richtig gut. Andererseits ist es ja dann auch schon wieder blöd, wenn man muss, weil man dann oft erst recht nicht mag – und wie soll sich denn da Genuss oder gar Glück einstellen? Da hat Sophie Rois schon recht, wenn sie das zu bedenken gibt und sich mehr über verbotene Freuden freut.

Aufgewachsen in Zeiten von FKK und dem Befehl zur sexuellen Befreiung, schlage ich drei Kreuze und bin froh um die Reste katholischer Scham und Verklemmung, die mich beherrschen. Als aufgeklärter katholischer Atheist weiß ich natürlich, dass das Gefühl der Schuld ein Schwindel ist, aber ein Schwindel, der den Rahmen schafft für den Genuss meiner heidnischen Vergnügungen.

Sophie Rois

Überhaupt: Ist es nicht so, dass der verbotene Genuss eigentlich der prickelndste ist?

Der Sufi-Mystiker Fakhr al-Din al-Razi definierte vor knapp 1.000 Jahren zwei Hauptgruppen des Genusses: die des Sinnlichen und die des Geistigen. Schließlich  kam er  zu dem so erschütternden wie zeitgemäßen Schluss, dass wahre, vollkommene und andauernde  Befriedigung für den Menschen unmöglich sei. Weil wir eben so angelegt sind, immer und immer wieder aufs Neue zu begehren, kaum dass wir  etwas bekommen haben.

So gesehen kein Wunder, dass wir immer höher, schneller und weiter hinaus wollen. Auf die Frage, warum wir uns der Todesgefahr aussetzen, auf über 8.000 Meter hohe Berge zu klettern, antwortet Reinhold Messner mit einem zufriedenen Lächeln: „Weil sie da sind. Und weil wir es können – oder wissen wollen, ob wir es können. Das Glück, so fährt  er fort, stelle sich auch keinesfalls oben auf dem Gipfel ein, das sei nur eine Mär, die von heroisierenden Schriftstellern erfunden wurde. Das Glück finde sich in der Wand, im eisigen Steilhang, bei der Grat-Überquerung. In jedem Schritt, der gelingt, und ihn weiterbringt. „Auf dem Gipfel?“, lacht er, „Auf dem Gipfel denkst nur dran, dass du wieder runter musst. Und nichts erreicht hast, bevor du auch lebend  unten angekommen bist.“

„Es gibt ja nicht nur verrückte Menschen wie uns Bergsteiger, es gibt zum Glück schon auch ein paar g’scheite!“

Reinhold Messner

Das Gefühl des Verlorenseins zwischen Himmel und Erde lässt Messner, so wie andere Extrembergsteiger, den Wert des Lebens erkennen. Genau in dem Moment, in dem es verletzlich auf der Waagschale liegt. Und dieses Erkennen lässt ihn die täglichen Freuden seines Landgutes, das Bewusstsein, alles, was seine Großfamilie braucht, auch selber produzieren zu können, noch viel intensiver genießen. In Ruhe und Frieden. Bis er dann doch wieder hinauf muss. Höher diesmal. Weiter ... 

Ein Genussrezept, das sicher nicht für jeden maßgeschneidert ist. „Es gibt ja nicht nur verrückte Menschen wie uns Bergsteiger, es gibt zum Glück schon auch ein paar g’scheite“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Genau. Wobei die Sache mit der Erkenntnis schon ganz gut klingt. Aber vielleicht lässt sich die ja auch auf ungefährlichere Art finden?

Ein richtig g’scheiter Mensch war ganz sicher der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer. Was er genau vom Bergsteigen hielt, wissen wir nicht. Aber seine Haltung zum Genuss ist doch eher ernüchternd: Der war, wie das Glück selbst, für ihn ein negatives Ereignis. Nicht weil es per se unangenehm wäre, sondern weil wir allzu rasch wieder unzufrieden sind, wie schon sein Sufi-Kollege Jahrhunderte zuvor festgestellt hat – und noch dazu das Glück  oft von Leid abgelöst wird, das umso ärger empfunden wird, je glücklicher wir vorher waren. Uff. Dass „wir da sind, um glücklich zu sein“, war für ihn der angeborene Irrtum des Menschen. Uffuff, der Mann war wirklich konsequent nicht gut drauf.

„Die Sache mit dem Motorroller auf Bali ist allerdings schon ganz einfach wiederholbar“, sagt Stefan Sagmeister. Und gibt dann zu bedenken: „Aber wahrscheinlich nicht endlos.“ Vielleicht sind es ja auch einfach die Pausen dazwischen, die wichtig sind. Weil etwas, das wir nicht jeden Tag tun oder erleben oder genießen können, uns so viel wichtiger erscheint als das, mit dem wir täglich zu tun haben ...

Und so finden wir Menschen eben immer wieder etwas Neues. Oder etwas Neues findet uns. Mit Luxus, da sind sich praktisch alle einig, haben Glück und Genuss nur bedingt zu tun. Regisseur Peter Keglevic genießt am Land das Gefühl, nichts zu versäumen. Und seine guten Schuhe. Schauspielerin Susanne Wuest genießt wie Stefan Sagmeister die Arbeit und die Unabhängigkeit, versucht Stress als etwas Negatives zu vermeiden, während Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff gerade den Stress genießt und zu bedenken gibt, dass es doch immer auch die Downs sind, die uns dazu bringen, die Ups besonders zu schätzen.

Wichtig ist, dass man eine Balance findet, ein Gleichgewicht, in dem man ruhen kann, die richtigen Prioritäten setzt und auf sich und seine Umgebung gut achtet. Stress, egal aus welcher Richtung, widerspricht Wohlbefinden immer. Das ist etwas, mit dem ich selber jeden Tag versuche, aufs Neue umzugehen. Filmemachen ist nicht nur mein Beruf. Es macht mich glücklich.

Schauspielerin Susanne Wüst

Stefan Sagmeister hat für sich drei unterschiedliche Arten von Glück gefunden. „Mein Lieblingsversuch einer Definition teilt das Glück nach Zeitdauer ein: Da gibt es das ganz kurze, wie den sekundenlangen Glücksmoment  – meine Motorrollergänsehaut ist zum Beispiel so einer. Dann gibt’s das mittellange Glück, wie die Zufriedenheit,  die kann auch stundenlang anhalten.  Und dann das ganz lange Glück: Das erfährt man, wenn es einem gelingt, genau das zu finden, was man mit seinem Leben machen will – den Lebenszweck“, erklärt der Künstler, Kunstdozent und Rockstar unter den internationalen Designern.

1500 Wege zum Glück

Der Bedarf, das Verlangen nach Glück, steigt jedenfalls beständig an, vielleicht auch tatsächlich, weil wir immer mehr Freizeit haben. Knapp 1500 deutschsprachige Bücher bekommt man vorgeschlagen, wenn man online nach Glücksratgebern sucht. Der Markt ist da, weil die Sehnsucht da ist und führt zu käuflichen Versprechungen, die den „Glückscode“ garantieren oder uns das „Glück auf Bestellung“ anpreisen.
Geht das denn? Natürlich nicht. Allein die acht Menschen, die wir befragt haben, und deren Fähigkeit, das Leben zu genießen, wir für gegeben halten, weil sie erfolgreich und gut sind, haben völlig unterschiedliche Herangehensweisen, was ihr persönliches Glück betrifft.

Und so genießt der Bergsteiger die Gefahr in der Wand, der Verliebte sein Verliebtsein, der Bungee-Jumper das Gefühl des Fallens und der Raver das Kribbeln, wenn er die Musik nicht nur hört, sondern  spürt.  Und ja, der Internet-Troll würde  sicher das Trollen schmerzhaft vermissen und die böse Nachbarin wäre todunglücklich, wenn ihre Lieblingsfeindin umziehen würde. Hoffentlich ist das Glück der jungen Mutter grenzenlos, die beim Versuch ihr Kind zu Bett zu bringen, selbst neben ihm einschläft, obwohl sie weiß, dass die Freunde, die gerade zu Besuch sind, wochenlang darüber lästern werden, dass sie wieder einmal nicht zurückgekommen ist.

Vielleicht haben die Philosophen ja Recht, und das Glück bleibt immer flüchtig.  Als restlos zufriedene Menschen wären wir auch nicht auf den Mond gekommen oder auf den Mount Everest. Und wer hätte einen Eiffelturm gebaut oder eine Mona Lisa gemalt?

Aber so rastlos die Natur des Menschen auch sein mag, es sind immer die Moment, die zählen. Momente, in dem wir das Glück spüren. Denn sie lassen  das Glück auch dann noch weiterleben, wenn wir uns an sie erinnern.

Egal ob nach zehn, 20 oder 30 Jahren.

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