© Getty Images/iStockphoto/Antonio Guillem/IStock

Sex-Kolumne
11/14/2019

Warum sich immer mehr Frauen Zahnpasta in den Schritt schmieren

Wenn es darum geht, jünger oder straffer zu wirken, ist der Mensch recht einfallsreich. Um "fit im Schritt" zu sein, greifen manche Damen nun angeblich sogar zur Zahnpasta. Abgesehen davon, dass das schädlich ist, stellt sich die Frage: Warum nur – warum???

von Gabriele Kuhn

Okay, dann muss man jetzt auch davor warnen: Liebe Frauen, schmiert euch, wenn’s irgendwie geht, keine Zahnpasta in die Vagina – auch wenn gerade wo steht, dass das Gwyneth Paltrow oder Kendall Jenner macht und das voll cool ist.

--- Durchatmen. Wundern. Fragen über Fragen.---

Warum schreibe ich das nur, um Himmels willen? Und wird hier womöglich bald stehen, dass es besser sei, sich keinen Backrohrreiniger irgendwo draufzutun, nur weil davon was angeblich größer wird? Zurück zur Vaginal-Dental-Kur: Die, lese ich, gilt als Trend, weil sie angeblich verengend wirkt. Vor allem britische Frauenärzte warnen davor – gefährlich! Um ehrlich zu sein, habe ich ja zum Thema Muschiverjüngung schon allerlei gelesen, gehört und dazu den Kopf geschüttelt, aber das setzt dem Thema noch eins drauf. Und wieder einmal gilt die Formel: Eng + straff = geil = von Männern begehrt.

Weise Frauen wollen keine enge Vagina, sondern eine starke und kraftvolle.

Alsdann machen wir sie eng, enger, am engsten, wenn’s sein muss mit einer Tube Zahnpolitur, extra weiß. Vielleicht gesellt sich ja noch ein gewisser Bleaching-Effekt dazu?  Dazu kurz rüber zu Amazon, schauen, was es da so gibt: „New Lady“ etwa, den  Vagina-Stick: „Geschlechtsverkehr wie beim allerersten Mal“, „Jungfrau Effekt“, „revolutionäre Vaginalstraffung in nur wenigen Minuten“.  Kundinnen, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch: „Vaginal Virgin“, die Verengungscreme oder „Shunga. Hold me tight.“ Der Vollständigkeit halber: Produkte dieser Art, angeblich aus Kräutern gemacht und, eh klar, „nach uralter Rezeptur“, sind ebenfalls nicht harmlos, trocknen die Vaginalschleimhaut aus und  können ätzende Chemikalien enthalten. So weit die Fakten. Doch wie kommt es überhaupt zu solchem Schwachsinn? Wovon träumen Frauen wie Männer da, welche Bilder geistern durch unsere Köpfe? Dass guter Sex mit einer „ausgeleierten“ Vagina nicht mehr funktioniert, er in ihr womöglich verloren geht und dass das alles tatsächlich mit  einem Wunderdings für da unten wieder so wird, wie „er“ es angeblich mag? Ihr Traum von der superengen Vagina ist im Grunde ja auch nichts anderes als seine Sehnsucht nach einem Riesen-Penis. Abgesehen davon, dass sich dabei erst alles wieder auf das schlichte Lust-Prinzip „Rein-raus“ reduziert. So als wäre Sex nur wirklich Sex, wenn er in ihr steckt.

Spannend ist  außerdem, wie wenig Frauen über ihre eigene Anatomie wissen. Was macht eine Scheide wirklich „eng“? Die Muskeln, im Zusammenspiel mit dem Körperbau. Konkret geht es dabei um den Beckenboden, der aus mehreren Schichten besteht und auch die Vagina umschließt: Je fitter und trainierter dieses Powerpaket ist, desto mehr Spielraum ist da, in jede Richtung. Die Vagina ist ein Wunderding: flexibel und dehnbar, was auch das Wunder Geburt ermöglicht. Apropos: Der Trend zum Wunschkaiserschnitt beruht  u. a. auf dem Wunsch, die „Vagina zu retten“. Denn natürlich verändert die Geburt eines Kindes einiges – man ist  dann keine 17-Jährige mehr, sondern  erwachsene Frau und Mutter. Das Training von Beckenboden, Gesäß und Beckenmuskulatur ist aber sowieso ein Leben lang wichtig.

Weil am Ende gilt: Weise Frauen wollen keine enge Vagina, sondern eine starke und kraftvolle.

FRAUENFILM. „My Name Is Clitoris“ heißt eine Dokumentation, die bei der „DOK Leipzig“ erstmals gezeigt wurde. Dafür sprachen die Regisseurinnen Daphné Leblond und Lisa Monet mit jungen Frauen über ihre Sexualität. Dabei zeigt sich sehr schön, wie wenig manche über ihren eigenen Körper wissen – und vieles, mangels Aufklärung, erst spät entdeckten. Wäre schön, bekäme man den Film auch in Österreich zu sehen.