Vespa & Co - sie rollen und rollen und rollen

Die Perchtoldsdorfer Vesparunde: MIt Julia auf dem rosa Roller in the lead. Dahinter Georg Nigl, Catharina Schmidt und Andreas Gwozsz, Fürs Foto darf's auch einmal ohne Helm sein
Der Kult um die Scooter: Ob Oldtimer oder neu und im Vintage-Look, das Rollerfieber greift quer durch alle Schichten und Generationen um sich. Denn Roller sind günstig, praktisch und tragen zur Entschleunigung des Alltags bei.

Wie der Herr, so seine Maschin’: perfekt frisiert. Wenn Georg Nigl aus Perchtoldsdorf auf seine weiße Vespa steigt, fällt zweierlei auf: Sie ist nicht mehr die Jüngste und auch ihr Spruch ist nicht ohne. „Okay, ein paar Kratzer hat sie schon abgekriegt, ist ja auch aus 1976 – mein Jahrgang“, sagt der Winzer. Und: „Ich bin original, sie nicht mehr ganz.“ Man hört’s. Vespa, was wäre die Welt ohne sie? Auf jeden Fall um eine große Historie und viele, viele Histörchen ärmer.

Man denke nur an die Grandezza alter Fotos mit Audrey Hepburn, Sophia Loren oder Marcello Mastroianni auf der Sitzbank des legendären Motorrollers. Oder an die Konflikte zwischen Mods und Rockern im England der frühen 1960er-Jahre: Vespas und Lambrettas contra schweres Gerät. Oder an die vielen Versuche asiatischer Zweiradhersteller, vom mediterranen Lebensgefühl des Bella Vita mitzunaschen. Nicht zufällig nennt Honda einen seiner Roller „Forza“.


Apropos Stärke. Andreas Gwozdz, 45, Mitorganisator des Perchtoldsdorfer Vespatreffens: "Wenn die ersten Sonnenstrahlen vom Himmel lachen, findet man mein Auto in der Garage geparkt und mich bei einer Ausfahrt auf meiner Vespa." Was heißt, Ausfahrt, Vespista Catharina Schmidt weiß von einem befreundeten Quartett, das im Vorjahr mit Mopeds der Marken KTM Ponny und Puch Daisy von Neunkirchen bis nach Mallorca fuhr. „Sie waren zwei Wochen unterwegs, zwei Wochen!“ Ist ja gar nichts! Der Australier Peter Moore war mit einem 40 Jahre alten Exemplar drei Monate auf Tour – von Mailand nach Rom. Das gönnte er sich zum Vierziger. Sein Reisebericht „The 40-Year-Old Vespa Virgin“ ist ein Renner im Internet. Für den Gegenwert von ein paar Liter Benzingemisch zum Runterladen. Oder ganz gratis im Online-Bookstore "Kobo".

Andreas Gwozdz hat mitgeholfen, den Perchtoldsdorfer Marktplatz in eine Piazza zu verwandeln. „Dieses Jahr war das 2. Treffen in Perchtoldsdorf. Was anfangs als Zusammenkunft unter 20, vielleicht auch 40 Freunden geplant war, lockte im zweiten Jahr Ende Juni bereits mehr als 300 Vespisti in den schönen Weinort südlich von Wien. Tendenz steigend. Wir machen weiter, die Stimmung und die vielen positiven Rückmeldungen haben uns gezeigt, dass es eine große Vespafamilie gibt, die sich gerne trifft. Und wir sind die Gastgeber dieses Familientreffens.

Was die Rollerenthusiasten eint, ist auch ein Gefühl. Im Kultbuch „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ wurde es schon vor Jahrzehnten treffend beschrieben: „Man ist mitten drin in der Szene, anstatt sie nur zu betrachten, und das Gefühl der Gegenwärtigkeit ist überwältigend.“ Muss wohl so sein. Seit ihrem Debüt 1946 wurden mehr als 18 Millionen Vespas verkauft. Und das in beinahe unveränderter Form. Natürlich musste das Konzept Zweirad in diesen knapp sieben Jahrzehnten manche Tiefs wegstecken. Erstmals schon in den 1960er-Jahren, als viele vom Roller auf den ersten, lange angesparten Kleinwagen umstiegen.

Parkpickerl und die Verstopfung der Innenstädte haben den Roller-Boom der letzten Jahre herbeigeführt. Ungeachtet diverser verregneter Sommer. Die hält man ohnehin mit passender Bekleidung in Schach. Der Wiener Anwalt Thomas Mondl hat für diesen Fall ein US-Fallschirmspringercape aus den 50er-Jahren im Gepäckfach. „Und wenn der Regen doch zu stark ist, nehme ich einfach ein Taxi.“


Dieser einfache und pragmatische Zugang ist es auch, der die Vespa-Gemeinde von den auf Tempo bedachten Benzinbrüdern der Motorrad- und Superbike-Szene unterscheidet. Was noch auffällt: Zum Vespafahren ist es nie zu spät.

Christof Neunteufel vom Lambretta Club Austria erzählt von einem 91-jährigen Enthusiasten, der im Juni zum Ebensee gebrettert ist.
Nur eine Frage der Zeit, bis der Roller-Kult auch auf die einheimischen alten Eisen übergreift. Seit Josef Hader mit einer DS 50 durch den Film „Das ewige Leben“ knatterte, ist wieder ein G’riss um Puchs und KTM Ponnys. Sogar Rollerfahrer aus der Neuen Welt haben Blut geleckt.


Im „Puchklub“-Forum im Internet suchte ein in Bayern lebendes Paar aus den USA vor kurzem nach Rat. „Meine Frau hat die 1977er Puch Maxi S, ich reite eine Vespa Superbravo“, so ein gewisser Bobbie. „Wir lieben unsere Mopeds. Wir fahren zum Spaß, möchten aber ein wenig mehr Geschwindigkeit. 50 km/h würden für eine schöne, langsame Fahrt durch Bayern perfekt sein.“
Na dann, have fun!

Seit 1946 wird der Kultroller Vespa in Pontedera bei Pisa entwickelt und gebaut. Ziel des ehemaligen Flugzeugherstellers Piaggio war, Nachkriegs-Italien zu motorisieren. Innerhalb weniger Jahre wurde die „Wespe“ zum Hit. Schon 1953 wurde sie zum Filmstar. Im selben Jahr gründete sich auch der Vespa Club Wien, der erste ein- schlägige Club Österreichs.


Heute gibt es neben dem internationalen Vespa World Club insgesamt 56 nationale Clubs und 780 Ortsclubs mit mehr als 67.000 Mitgliedern. Die letzten Vespa World Days fanden Mitte Juni in Biograd an der kroatischen Küste statt. Mit dabei waren mehr als 5000 Vespa- Fans aus der ganzen Welt.


Ebenfalls Mitte Juni trafen sich in Ebensee, OÖ., 850 Teilnehmer der zweiten italienischen Kultmarke – Lambretta. Der 1945 im Mailänder Stadtteil Lambrate konstruierte Roller wurde von der Firma Innocenti bis 1971 produziert. Seither wird das legendäre Zweirad um viel Geld auf Oldtimerbörsen gehandelt, aber auch in mehreren Erdteilen in Lizenz gefertigt.

Der erste Boom war in den Jahren des Wirtschaftswunders. Dann wollte man sich einen ersten Kleinwagen leisten. Jetzt sind nicht nur die Innenstädte entweder verstopft oder für Fahrer ohne Parkpickerl unattraktiv geworden. Mit einem motorisierten Zweirad als Zweit- oder Drittmobil lässt sich dieses Manko ohne viel Aufwand ausgleichen.

Wer sich das wirklich überlegt, sollte auf jeden Fall eine Auffrischung seiner Motorrad-Kenntnisse bzw. ein Fahrsicherheitstraining beim ÖAMTC zur Erlangung des 11 Codes absolvieren (seit November 1997 besteht die Möglichkeit, ein 125 ccm-Motorrad mit einem Führerschein der Klasse B zu lenken, ohne eine Motorrad-Prüfung ablegen zu müssen).

Retro-Aura mit CVT-Automatik: Die Kremser Firma KSR vertreibt einen lizenzierten Lambretta-Nachbau aus Asien. Ossi Moto in der Rosinagasse 7 in Wien 15 bietet den Vier-Takter derzeit zum Aktionspreis von 2.990,- Euro an

Von 1945 bis 1971 wurden von diesem Motorroller vier Millionen Stück produziert: Lambretta. Die Bezeichnung wurde nach dem Mailänder Ortsteil Lambrate gewählt - und unter Sammlern und Fahrern mit Retro-Feeling liegen die Lambretta hoch im Kurs. Bei der "Euro-Lambretta 2015" in Ebensee Mitte Juni fanden sich über 850 Teilnehmer aus 17 Nationen ein. Der älteste davon war 91 Jahre alt

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