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freizeit
04/26/2021

Versunkene Welten – die Magie der Unterwasserstädte

Für immer in den Fluten verschwunden – der Mythos von Atlantis beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden. Versunken sind aber tatsächlich viele Städte und Dörfer – aus den unterschiedlichsten Gründen.

von Andreas Bovelino

Wie verzaubert liegen sie da. Still, unberührt von der Zeit und all den Dingen, um die die Welt sich so hektisch dreht. Versunkene Städte und Dörfer in der blauen Tiefe von Seen und Meeren.

Atlantis kommt einem da in den Sinn, natürlich, die legendäre Stadt aus Gold und Silber, die vor Jahrtausenden in den Fluten versank. Nur ein altes Märchen? Vielleicht, aber immerhin hat es kein geringerer als Platon in die Welt gesetzt, und der Philosoph galt nicht gerade als Scherzkeks, im Gegenteil. Und hat er in seinen Schriften nicht immer wieder betont, dass die Geschichte von Atlantis keineswegs erfunden, sondern absolut und ohne Einschränkungen wahr sei?

Ein Rätsel, das Abenteurer seit Jahrhunderten ebenso antreibt wie Schriftsteller und Wissenschaftler. Welche Insel kann Platon nur gemeint haben? Gefunden wurde Atlantis dennoch nie, dafür – oder vielleicht gerade deswegen – wurde es zu einem der größten Mythen der Menschheit.

Taucht Atlantis wieder auf?

Wo das „italienische Atlantis“ liegt, wie die Toskaner augenzwinkernd das Städtchen Fabbriche di Careggine nennen, weiß man dagegen ganz genau. Denn es kommt immer wieder zum Vorschein, taucht aus dem Lago di Vagli auf und wird dann für kurze Zeit zu einer staunend besuchten Attraktion. Außerdem ist es noch nicht so lange her, dass die hübsche mittelalterliche Stadt versunken ist.

Es war auch nicht der Zorn der Götter, der den Untergang besiegelte, sondern die Unterschriften einiger Politiker und der Betreiber eines italienischen Elektrizitätskonzerns, die an dieser Stelle 1953 den größten Stausee der Toskana planten. Eben, den Lago di Vagli.

Warum Fabbriche dann immer wieder auftaucht? Für Wartungsarbeiten wird das Wasser hin und wieder abgelassen und wie Lorenza Giorgi, die Tochter eines Politikers aus der dafür zuständigen Nachbargemeinde Vagli di Sotto ausplauderte, ist es nach beinahe 30 Jahren genau heuer wieder so weit. Wenn es nach dem Willen der jungen Dame und Verbündeten geht, könnte es diesmal zu einer echten Sensation kommen: Gemeinsam mit einer Umweltschutz-Organisation setzt sie sich dafür ein, dass der Stausee nicht wieder gefüllt wird.

Renaturalisierung ist angesagt, und die Betreiberfirma soll entsprechend Bereitschaft signalisiert haben. Wird die mittelalterliche Stadt, die im 13. Jahrhundert von Schmieden aus Brescia gegründet worden war, wieder auferstehen? Die Sache bleibt spannend.

Fortschritt fordert Opfer

Das „Stausee-Schicksal“ ereilte in den Wirtschaftswunder-Jahren auch andere Orte. Zu verlockend schienen die Gewinnmöglichkeiten, zu groß war der Fortschrittsglaube.

Und so ist einige Kilometer weiter nördlich im Vinschgau seit knapp 70 Jahren ein Kirchturm, der aus dem Reschensee ragt, eine wahre Touristenattraktion. Der die einheimischen Bewohner der am See gelegenen Gemeinde Graun mit eher gemischten Gefühlen gegenüberstehen: Liegen am Grunde des Sees doch die Häuser ihrer Großeltern begraben, die das Heimatdorf in den frühen 1950er-Jahren verlassen mussten. In Spanien ist es die Kirche Sant Roma, die seit den 1960er-Jahren im Bezirk Barcelona aus einem Stausee ragt. Mehr als 1.000 Jahre alt, ein faszinierender Zeuge aus einer anderen Zeit. Oder ein mahnender Finger?

Kraft der Natur

Während etwa auch das bulgarische Dorf Zapalnya in einem Stausee versunken ist, aus dem nur die kleine Kirche, die auf einem Hügel gebaut war, so malerisch herausragt, sind viele alte Städte auch durch natürliche Ereignisse aus unserem Blickfeld verschwunden. Das römische Baiae zum Beispiel, vor 2.000 Jahren ein mondäner Badeort bei Neapel, heute zu einem großen Teil weit unter dem Meeresspiegel. Und vor allem bei Tauch-Touristen sehr beliebt.

Küstenlinien veränderten sich immer, manchmal ganz allmählich, manchmal durchaus rasant. So erklärt uns zumindest eine Theorie das „Überlaufen“ des Schwarzen Meeres, das 5.600 v. Chr. Europa von Asien trennte und dem etliche Siedlungen zum Opfer gefallen sind.

Manche sanken langsam ab, wie Baiae oder das bronzezeitliche Pavlopetri, das an der Südküste Lakoniens den Tauchern das Bild einer mehr als 3.000 Jahre alten Stadt eröffnet.

Und manche fielen Naturkatastrophen wie Erdbeben zum Opfer, etwa Kekova in der Türkei oder Teile des weltberühmten Alexandrien in Ägypten, die nach verheerenden Erdbeben verschwanden. Genau wie das dank Piratenkapitän Jack Sparrow nicht minder bekannte Port Royal in Jamaika.

Aber auch die jüngere Geschichte kennt Orte, die zum Erstaunen aller und gänzlich ungeplant vom Erdboden verschwunden sind. Das gefürchtete Sowjetgefängnis von Rummu im heutigen Estland ging erst vor wenigen Jahren unter, als Grundwasser in einen stillgelegten Steinbruch eindrang, und ist heute mit seinen beklemmenden Zellen und Stacheldraht bewehrten Mauern ein – nicht ganz ungefährlicher – Hotspot für Taucher.

Villa Epecuén, ein Seebad in Argentinien, versank vor 25 Jahren, beinahe wie von Gabriel García Márquez erfunden, in einem Regen biblischen Ausmaßes. Heute sinkt der Wasserspiegel und gibt Teile der Stadt wieder frei. Alles ist so, wie es die Menschen fluchtartig verlassen hatten, geparkte Autos, Supermärkte, Häuser, private Gegenstände. Ein gespenstischer Anblick, dabei gleichzeitig beinahe magisch.

Ein See kommt und geht

Auch gleich vor unserer Haustür zeigt die Natur ihre Kraft – und ihre Einzigartigkeit. In der Steiermark in der Nähe von Bruck an der Mur, füllt sich jedes Jahr im Frühling der „Grüne See“ mit klarem Schmelzwasser. Durch zerriebenes Gestein, das vom Schmelzwasser mitgeführt wird, erhält er seine beeindruckende Farbe, durch besondere thermische Bedingungen ist er meist spiegelglatt. Sogar Hollywood-Beau Ashton Kutcher outete sich auf Facebook als Fan des „Grünen Sees“.

Im Herbst zieht sich das Wasser zurück und das Tal ist begehbar. Bis zur nächsten Schneeschmelze, wenn der See Wiesen und Wanderwege, Bänke und Zäune wieder bedeckt. Keine sagenhafte Stadt, kein goldenes Atlantis – aber doch atemberaubend schön.

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