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freizeit
05/05/2019

Venedig - Schönheit auf allen Kanälen!

Am 11. Mai öffnet die Kunst-Biennale in Venedig ihre Pforten. Warum das einen Besuch der Lagunenstadt noch reizvoller macht. Und warum wir uns alle mehr an Giacomo Casanova orientieren sollten.

Ist es das Licht? Wie es, tausendfach gebrochen und reflektiert durch die unzähligen Wellen der Kanäle, die Fassaden der Paläste erstrahlen lässt? Ocker, Weiß und natürlich das berühmte Rot. Oder ist es die Art, wie das Wasser sich an die Häuser schmiegt?

Vielleicht ist es ja auch der besondere Geruch, nach Meer und Moder, nach altem Glanz und malerischem Verfall, nach Weite, großer Welt und dunklen Gassen, längst vergessenen Geheimnissen, der Venedig so unwiderstehlich macht. Fest steht: Die Magie ist da. Gleich nach dem Verlassen der Stazione Santa Lucia, des Bahnhofs, es braucht nur ein paar Schritte. Natürlich über die Scalzi Brücke und nicht die  moderne Costituzione, Ehrensache, auch wenn sie steil ist und der Trolley gleich zu Beginn zeigt, dass er nicht für diese Stadt gemacht wurde.

Die schönste Stadt der Welt?
Wir verzeihen das Ungemach gerne, denn immerhin ist Venedig die schönste Stadt der Welt. Ja doch, wer sollte ihr denn schon Konkurrenz machen, der Serenissima, der „Durchlauchtesten“? Alles andere ist Stückwerk, schöne Ecken hier und da – Venedig ist ... mehr als eine Stadt, und viel mehr als die hübsche Fotokulisse, für die eilige Tagestouristen sie halten. Venedig ist ein Gesamtkunstwerk – aber eines, das lebt und spürbar wird, wenn man sich darauf einlässt. Eine alte Göttin der Veneter vielleicht, die  hier schon vor mehr als 2.000 Jahren einen Ort fanden, der sie vor allen Feinden schützte.

Ihrem Zauber  kann man sich höchstens dadurch entziehen, dass man sich in einer Touristenherde von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit treiben lässt, um  nach einer überteuerten Portion frittierter Meeresfrüchte wieder auf sein Schiff gekarrt zu werden. Vielleicht nicht einmal dann, denn auch die klassischen Tourismus-Standards haben es in sich. Die Rialto-Brücke mag zu Tode fotografiert worden sein – sie ist aber eben immer noch unglaublich! Fast 500 Jahre alt und einfach perfekt …

Dann ein Bellini in der berühmten Harry’s Bar gleich beim Markusplatz? Natürlich! Sauteuer, aber doch ein Muss. Immerhin wurde genau hier der „Bellini“ aus trockenem Prosecco und Pfirsichmark erfunden, und als Tourist ist man in guter Gesellschaft, nämlich ein offizieller Nachfolger solcher Größen wie Orson Welles, Truman Capote und Ernest Hemingway, der die Bar sogar in seinem Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ verewigt hat.

Machen wir’s wie Casanova!

Oder ein Espresso an der Bar des ehrwürdigen Caffè Florian, des ältesten Kaffeehauses in ganz Italien. Wo auch schon Giacomo Casanova, der vielleicht berühmteste, auf jeden Fall aber berüchtigtste Venezianer „die Frauen hofiert hat“, wie die Kellner es hier so hübsch umschreiben.

Überhaupt: Giacomo Casanova! Die Leichtigkeit ernst nehmen und den Ernst mit leichter Hand bewältigen – niemand verkörpert die Essenz dieser Stadt so wie er. Und zumindest in einem Aspekt kann jeder Besucher sich den großen Verführer zum Vorbild nehmen: ER war immer neugierig, was hinter der nächsten Ecke auf ihn wartete, verbrachte ebenso viel Zeit in den Palazzi seiner reichsten Bekannten, wie in den Wirtshäusern, die er schon seit seiner Jugend in der ärmlichen Calle de le Muneghe in San Marco kennengelernt hatte. Grafen, Studenten und Schauspieler, Händler und Philosophen – der „Chevalier“ kannte keine Berührungsängste.

Mit Venezianern genießen

So kommt man heute, wenn man den atemberaubend prunkvollen Dogenpalast hinter sich lässt,  die Gallerie dell'Accademia und das Peggy Guggenheim Museum genügend gewürdigt hat, mitten im Touristentrubel des Fondamenta delle  Zattere zu einem Chioschetto, an dem die Einheimischen in aller Gelassenheit die Aussicht auf die Giudecca bei einem kühlen Glas Aperol Spritz genießen. Und man sollte sich die Zeit nehmen, sich ihnen anzuschließen. Genau wie bei „Nico“, gleich in der Nähe, dem Lieblingseisgeschäft der Hälfte der Venezianer...

Nur einmal ums Eck und man lässt den unendlichen Menschenstrom fast ganz hinter sich, steht vor der Osteria Al Squero, wo die Jugend  die Spätnachmittage bei Spritz und herrlichen Cicchetti, fantasievoll belegten Brötchen, feiert und man auch als Tourist durchaus mal auf eine Spritztour im privaten Motorboot eingeladen werden kann. Direkt gegenüber übrigens die älteste aktive Gondel-Werkstatt der Stadt.

Noch etwas weiter den Rio de San Trovaso hinauf dann die beinahe schon berühmte Cantine del Vino già Schiavi mit den vielleicht besten Brötchen der Stadt. Und herrlichem Wein. Alles zu einem Bruchteil der Preise in den Touristen-Tempeln, versteht sich.

Am extracoolen Campo Santa Margherita im Studentenviertel Dorsoduros sinkt der Aperol-Spritz-Index überhaupt auf ein Viertel des Preises der Lokale in San-Marco-Nähe. Und das Caffè Rosso ist nicht nur hip, sondern dazu noch richtig lässig. Beinahe zu jeder Tageszeit – hier lässt es sich auch richtig gut spät und pikant frühstücken ...

Wiege für Ruhm und Glanz
Sogar die Strada Nova, quasi die Mariahilfer der Lagunenstadt, versprüht einen eigenen Charme – und bringt uns ihrerseits ein wenig näher ans Arsenale, die riesige alte Werft für die venezianische Kriegsflotte, Wiege für Ruhm und Glanz der Stadt seit dem Mittelalter. Hier und noch etwas weiter südöstlich in den „Giardini“ sind die Zentren der „Biennale“, der weltberühmten Kunst- und Architektur-Schau Venedigs. Am 11. Mai wird die heurige Kunst-Biennale eröffnet, und allein die spektakulären Locations sind schon jeden Besuch wert.

Noch ein nicht zu verachtendes Highlight bietet die Biennale bis zu ihrem Ende am 24. November: Weil der Ausstellungsraum in Arsenale und Giardini zwar groß, aber doch begrenzt ist, werden viele Schauen in die  Palazzi der Lagunenstadt ausgelagert. Wie ein magischer Schlüssel öffnet sie auf diese Art bei freiem Eintritt die sonst fest verschlossenen Pforten der alten Gemäuer. Und ermöglicht Rundgänge durch Räume, in denen lange vor uns Menschen in prachtvollen Renaissance-Roben und verspielten Rokoko-Gewändern tatsächlich lebten und liebten und nicht nur für Fotografen posierten oder Texte aufsagten. Alles echt und zum Anfassen.

Der Palazzo Bembo etwa, venezianisch rot, mit den typischen byzantinischen Elementen, die Venedig ein oft orientalisch anmutendes Flair verleihen. In dem eine mächtige Patrizier-Familie seit dem 14. Jahrhundert die Geschicke der Stadt bestimmte, Intrigen spann und Bündnisse knüpfte. Der Blick aus den hohen, Serail-artigen Fenstern auf den Canal Grande ist atemberaubend. Oder der Palazzo Mora, Familiensitz Andrea Contarinis, mächtiger Doge von Venedig im 14. Jahrhundert und Haudegen alter Schule, der noch mit 70 Jahren seine Truppen persönlich in die Schlacht von Chioggia gegen die verhassten Genueser führte. Bartolomeo Mora, der reiche Anwalt und Gelehrte und eventuelle Liebhaber der umtriebigen britischen Aristokratin Mary Wordley Montagu, deren Beschreibungen türkischer Harems ganz Europa in erotische Ekstase versetzt hatte, erwarb den Palast der Contarinis zu Beginn des 18. Jahrhunderts  und legte noch einmal ordentlich Prunk nach.

Der letzte Doge
Der kolossale Palast Dolfin Manin, in dem ein unglücklicher Doge namens Ludovico Manin seine letzten Jahre verbrachte, nachdem die Herrn Cobenzl und Bonaparte 1797 mit dem Frieden von Campoformio der Republik Venedig ein Ende gesetzt hatten. Und die Lagunenstadt bis 1866 österreichisch machten. Oder der etwas schlichter wirkende Palazzo Zenobio, der mitten in einer Stadt aus Stein und Wasser einen Garten bietet, in dem man sich verlieren möchte.

Wenn es dann Abend wird in Venedig, wenn die Tagestouristen wieder verschwunden sind, scheint die Stadt  entspannt durchzuatmen. Jetzt ein Drink in einer der erst kürzlich aufgekommenen Sky-Bars. Ein spektakulärer Blick, wie ihn früher nur die Patrizierinnen und Kurtisanen genossen, wenn sie sich auf den Altanen, hölzernen Plattformen auf den Dächern der Häuser, die Haare „venezianisch blond“ färbten.

Venedig bei Nacht
Ein  romantisches Abendessen in der schicken Osteria da Codroma oder ein fröhliches bei Marisa, die nur ein Menü für ihre Gäste kocht, das dafür aber ausgezeichnet. Oder ein paar letzte Gläschen in entspannter Runde an einem der Kanäle, dessen Glucksen man jetzt tatsächlich hören kann.

Da und dort stolpert man auf einem Campo unverhofft in ein sommerliches Open-Air-Konzert mit lokalen Musikern. Blues und Rock oder World und Jazz unter dem venezianischen Sternenhimmel mit einer beleuchteten mittelalterlichen Kirche als Kulisse. So schön, dass es kitschig wäre, würde jemand dieses Bild erfinden, versuchen, es zu inszenieren. Aber hier, in dieser magischen Stadt ist es einfach wahr. Und  man tanzt und plaudert die halbe Nacht mit den gastfreundlichen Organisatoren des Kulturvereins, der die Veranstaltung für einen guten Zweck auf die Beine gestellt hat ...

So oder so, elegant oder volksnah, entspannt oder prickelnd – Giacomo Casanova hätten wohl alle Möglichkeiten gefallen, einen venezianischen Abend zu verbringen. Auch heute noch.

HOTELTIPPS:

17. Villa F, Giudecca
Ab auf die Insel: Der volle Luxus einer Villa aus dem 16. Jahrhundert.
villafvenezia.com

18. Hotel Aman
Vom Canal Grande direkt in die Rezeption des Palazzo. Grande!
aman.com/resorts/aman-venice

19. Locanda Fiorita
Verträumt im Herzen der Stadt.  Und einfach wunderschön.
locandafiorita.com

 

Vier Tage, vier Routen:

Donnerstag:

1. Caffè Florian
Touristisch? Ja, aber hier trank schon Casanova seinen Kaffee.
 www.caffeflorian.com

2. Dogenpalast
Tour mit Seufzerbrücke  & Co.  sollte man schon online buchen:
palazzoducale.visitmuve.it/de/home

3. Harry’s Bar
Hier wurde der Bellini erfunden. Sauteuer, wirkt aber ...  
www.cipriani.com
 
4. Osteria Bacareto
Nach den Touri-Hotspots: Ein familiäres Abendessen. Und gut.
bacareto.it/it/contatti

Freitag

5. Pasticceria Tonolo  
Italian Style Breakfast: Etwas kleines Süßes zum Start in den Tag.
pasticceria-tonolo-venezia.business.site

6. Giardini della Biennale
Mit dem Boot zur Biennale, dann zum Markt auf der Insel Sacca Fiosola.   
www.labiennale.org

7. Chioschetto Zattere
Die Venezianer lieben den kleinen Kiosk. Best „Spritz“ Location.
Fondamenta Zattere Al Ponte Lungo, 1406

8. Antiche Carampane
Für viele Einheimische die beste klassische Trattoria der Stadt.
www.antichecarampane.com

Samstag

9. Pasticceria Nobile
Die kleinen süßen Dinger Venedigs machen regelrecht süchtig ...
www.pasticcerianobile.it

10. Jüdisches Viertel
Eine eigene Welt, gar nicht weit vom Bahnhof entfernt. Einfach eintauchen.
Campo di Ghetto Nove

11. Trattoria dalla Marisa
Die Chefin kocht – und zwar nur ein Menü.  Rustikal, gut. Reservieren!
Fondamenta S. Giobbe, 652,
Tel. +39 041 720211

 
12. Paradiso Perduto
Ziemlich hip, sehr klass – oft mit Live-Musik, immer mit gutem Wein.
www.ilparadisoperduto.wordpress.com

Sonntag

13. Pasticceria Rosa Salva
Nur noch eine klitzekleine süße Kleinigkeit ...
www.rosasalva.it

14. Peggy Guggenheim Museum
Wie auch die Biennale zeigt: In Venedig ist Platz für die Moderne.
www.guggenheim-venice.it

15. Cantine del Vino gia Schiavi
Von Kennern kultisch verehrte Weinbar mit superguten Brötchen.
www.cantinaschiavi.com

16. Osteria da Codroma
Den Tag beim Abendessen romantisch ausklingen lassen ...
Fondamenta Briati, 2540