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freizeit
01/12/2020

Urlaub zuhause: Erlebnisse als Tourist auf bekanntem Terrain

Von berühmt bis berüchtigt: Reportage einer etwas anderen Besichtigungstour, mit Sinn für Dramatik.

von Bernhard Praschl

Manche Menschen reisen sehr weit, um ganz nahe bei sich zu sein. Sie nehmen unfassbare Strapazen auf sich, um dem Alltäglichen zu entkommen, um sich endlich „zu spüren“.

Sie tauchen mit Haien im Pazifik, kitzeln Krokodile in den Everglades in Florida, springen  verwegen aus Flugzeugen und Helikoptern. Nervenkitzel total. So als gäbe es zur Befriedigung dieses Gefühls nichts Näherliegendes. Und zwar genau vor der eigenen Haustüre.

Nicht nur die Generation Greta wird davon begeistert sein: Man kann sehr wohl klimaschonend auf Tour gehen und sich dabei auf einen ganz neuen Trip begeben.

Etwa wenn man sich vornimmt, das abzuhaken, was sonst nur Hardcore-Touristen in den Sinn kommt: Zum Beispiel Wien aus der Vogelperspektive zu sehen und das ausgerechnet von der oberen Plattform des Südturms des Stephansdoms aus.

 

Stairway to Heaven

343 Stufen himmelwärts klingt jetzt nicht unbedingt nach dem ganz großen Abenteuer. Aber stellen Sie sich vor, dass Sie in einem wirklich engen Schacht stecken, von unten ständig neue Gruppen von Chinesen, Briten oder  Koreanern drängen und von oben der Gegenverkehr auf seinen Platz auf der engen Wendeltreppe pocht. Und schon bewegen Sie sich in Richtung Panikattacke.

"Oh, my god"

So wie, nennen wir sie Mrs. Smith, die zehn Stufen über uns zu delirieren beginnt. Sie keucht: „Oh, my god“. Sie schnauft: „Wait a minute.“ Sie jammert: „It’s too much.“ Aber was soll sie schon groß machen? Nämlich jetzt. Wir befinden uns auf halber Strecke. Gastfreundschaft hin oder her, aber für klaustrophobische Gefühle ist es jetzt wirklich zu spät.

Das hat Mrs. Smith dann auch kapiert und sich nach kurzem Innehalten weiter an die Spitze gekämpft. Warum auch nicht? Ein Stephansdom ist ja kein Mount Everest. Die Bezwingung des Südturms ist dennoch eine Tortur. Oben winkt kein Gipfelkreuz und kein Abzeichen. Stattdessen muss man rasch wieder absteigen, da der Besucherstrom von unten nicht nachlässt und die Aussicht von der  Türmerstube in nebeliger Höh’ rasch inhaliert ist.

Goodbye

Goodbye Escape Room ohne Notausgang, wir müssen weitere Stationen auf unserer Städtetour in eigener Sache abklappern. Also zu einem Ort, der meist hektisch und ohne Muße betreten wird – der stille Ort. Angesichts der Jugendstiltoilette am Graben hingegen staunt man laut über die Geschmackssicherheit dieser praktischen Einrichtung. Sogar Adolf Loos soll  bei der Gestaltung mitgemischt haben.

Indoor-Fotos von dieser Sehenswürdigkeit zu schießen, empfiehlt sich nicht. Das könnte dem ein oder anderen Benutzer dann doch zu seltsam vorkommen.

Also weiter, immer weiter

Mit dem gelben Trolley im Schlepptau fallen wir nicht weiter auf. Seit der Tourismus so nachhaltig boomt, zählen Menschen, die ihr Reisegepäck emsig hinter sich herziehen, zum gewohnten Stadtbild.

So auch auf der Augustinerstraße. Nach einschlägiger Vorbereitung auf diesen besonderen Städtetrip ist uns die  Adresse Nr. 12 ins Auge gestochen. Hier soll einst eine hochwohlgeborene Dame ihr Unwesen getrieben haben: Gräfin Elisabeth (Erzsébet) Báthory-Nádasdy.

Die Fassade des viergeschossigen Bürgerhauses liefert nicht den geringsten Hinweis auf die ruchlose Geschichte  des „Ungarischen Hauses“. Weder Gedenktafel noch eine Inschrift deuten auf die furchtbare Legende hin, die angeblich  sogar Bram Stoker zu seinem Roman „Dracula“ inspiriert hatte.

Vampirella gesucht

Aber die ungewöhnliche Häufung von Gästen im düsteren Gothic-Look lässt keine Zweifel aufkommen. Es muss schon was dran sein an der unfassbaren Story, die in vielen  Reiseführern und einigen Horrorkrimis und -filmen mit Titeln wie „Die dunkle Gräfin“ oder „Bathory“ von der Augustinerstraße 12 kolportiert wird.

Genau hier  soll an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert besagte Gräfin viele junge Mädchen aus problematischen Familienverhältnissen als Hausmädchen eingestellt und der Reihe nach getötet haben.  Danach badete sie in deren Blut, um  nicht nur schöner, sondern auch jünger auszusehen.

Für diese mörderischen Gelüste  mussten hunderte junge Mädchen ihr Leben lassen. Erschütternd, seit einem Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde 1988 gilt Gräfin Elisabeth (Erzsébet) Báthory-Nádasdy als die größte Serienmörderin aller Zeiten.

TATATATAAA in die Tasten

Apropos mittelalterlicher Spuk. Unter Touristen hat sich schon herumgesprochen, dass dieser auch der Ballgasse gut zu Gesicht stünde. Deren Katzenkopfpflaster ist allerdings auch der Grund, warum Touristen mit lärmenden Trolleys hier ähnlich schief angeschaut werden wie Raucher in der Nichtraucherzone.   

Also weiter in die Annagasse. Sie ist wie geschaffen für ein festliches Finale. Zur Feier des ungewöhnlichen Touristentages in der eigenen Stadt – und weil das Beethoven-Jahr noch jung ist – kann man im  „Haus der Musik“ im Hof en passant ein herzhaftes TATATATAAA auf die Tasten knallen.

Falls man das wirklich vorhat, aber zuerst bei der Kasse um den Schlüssel für den Deckel der Klaviatur bitten.