© Klobouk Alexandra

Kolumne
04/22/2021

Seilers Gehen: Syrische Süßigkeiten in der Leopoldstadt

Von schmackhaften Versuchungen bis zum Blütenmeer der Obstbäume und schmerzhaften Erinnerungen.

Im zweiten Bezirk ist einiges los. Zuerst einmal habe ich mich verliebt. Ich habe mich verliebt, als ich am Praterstern plötzlich vor dem Schaufenster eines Geschäfts namens „Aleppo Sweets“ stand, einem kleinen Café, dessen Betrieb derzeit coronamäßig unterbrochen ist, samt einer Theke voll syrischer Süßigkeiten, die meisten in der Kombination von Pistazien, Honig und Blätterteig. Ich kaufte ein paar Kostproben ein, und – was soll ich sagen: ein paar Minuten später kehrte ich zurück, um mir größere Mengen zu besorgen. Da war kein Spiegel, aber ich wusste: ich hatte Herzen in den Augen.

Später erschrak ich. Als ich in der Ernst-Renz-Gasse unter einem Wohnbau durchspazierte, sah ich plötzlich am Fenster, direkt neben einer monumentalen, außen an der Waschbetonfassade montierten Klimaanlage, ein menschliches Gerippe stehen und versonnen in die Weite schauen. Mein Herz schlug bis zum Hals. Wahrscheinlich war es übertrieben, den Blick eines Gerippes deuten zu wollen, zumal es ja gar keine Augen hat, aber andererseits: Welches Gerippe braucht eine Klimaanlage? Ich machte, dass ich weiterkam, natürlich nicht, ohne ein Beweisfoto anzufertigen.

In der Haidgasse sah ich zu, wie das schöne Schild vom „Gasthaus zum Sieg“ hinter einem mit Werbetransparenten bespannten Gerüst verschwand und dachte mir, dass eigentlich das benachbarte Gebäude, das denkmalgeschützte Pabsthaus aus dem 17. Jahrhundert, in dessen Dachgeschoss Wohnungen für Millionen verkauft werden, einen neuen Anstrich vertragen würde. Ich begann mir außerdem Sorgen zu machen, ob diese Tschocherln und Wirtshäuser, wenn sie endlich dürfen, auch wirklich wieder aufsperren werden. Mir wäre es leid um jedes einzelne.

Neue Fassaden 

Ich ging über den Karmelitermarkt, holte mir beim „Lieblingsfisch“ meinen Lieblingsfisch, einen wild gefangenen Branzino, den ich im Pergamentpapier zuzubereiten gedachte. Dann ging ich die Hollandstraße entlang, wo ich gegenüber dem Raiffeisenhaus beobachtete, wie die Hausfassade, auf der zuletzt eine vergnügte Wodkaflasche abgebildet war, umgestaltet wurde. Die neue türkis-orange Fassadenbemalung verspricht jetzt keine rauschhaften Höhenflüge, sondern Finanzberatung. Verbessert hat sich die Fassade nicht, wie ich fand.

Nachdem ich den Donaukanal überquert hatte, zog es mich in den kleinen Hof unterhalb der Ruprechtskirche, wo sich der Eingang zum „Jazzland“ befindet. Hier war der Attentäter vom 2. November gestorben. Alle Spuren davon sind inzwischen beseitigt, nichts erinnert mehr an das gewaltsame Ende seines Anschlags. Es war ruhig, und ich betrachtete das Blütenmeer der Obstbäume, die den Platz rosa färbten und die romanische Ruprechtskirche auf ihren Kronen schweben ließen, hoch über den schmerzhaften Erinnerungen. Aus dem Turmfenster hing eine Regenbogenfahne. Sie verspricht Menschen aller Geschlechter und Neigungen ihren kirchlichen Segen, und das fand ich eine angemessene und heutige Botschaft.

Ich naschte noch ein paar Aleppo-Sweets, schloss die Augen und spürte, wie sich die Erde bunt und behutsam weiterdrehte.

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