freizeit
13.10.2018

Schwedenkrimi im Kino: Zwischen Gut & Böse

Mit "Intrigo - Tod eines Autors" gibt es erstmals Spannung von Håkan Nesser im Kino. Der Autor & Benno Fürmann im Interview

Für 20 Millionen Leser ist er Spannungslieferant und Philosoph zugleich: Håkan Nesser, der im Jahr 1950 in Kumla/ Schweden geborene Bauernsohn, der nach Jahren als Lehrer seinen Job quittierte und sich  für die Schriftstellerei entschied. Seither gilt der Natur-, Menschen- und Pferdefreund  als einer der wichtigsten Autoren Skandinaviens. Sechs seiner Krimis wurden  bereits für das schwedische Fernsehen verfilmt. Mit „Intrigo – Tod eines Autors“ gibt es jetzt unter der Regie von „Millennium“-Regisseur Daniel Alfredson den ersten Nesser für die große Kinoleinwand. Weitere sollen folgen.

Die Story: Ein Autor ( Benno Fürmann) erhält eine mysteriöse Anfrage. Er soll ein Buch-Manuskript eines renommierten aber bereits verstorbenen Schriftstellers übersetzen, der jedoch vor seinem Tod verfügt hat, dass das Manuskript unter keinen Umständen in seiner ursprünglichen Sprache veröffentlicht werden darf. Je tiefer der Autor und Übersetzer in die Materie eintaucht, desto mysteriöser wird der Auftrag. Er sucht Rat bei einem Kollegen (Ben Kingsley) und erkennt, dass der fiktive Stoff zahlreiche Parallelen zu seinem  eigenen Leben aufweist – besonders, was das Verschwinden seiner Frau betrifft ...

 

Ein Spiel mit Fakten, Fiktion, Vergangenem und Fantasie.   Vielleicht auch ein Hinweis, dass sich der 68-jährige Erfolgsautor  demnächst in die Pension verabschiedet? Immerhin lautet der Filmtitel „Tod eines Autors“ ...  


Beim -Interview im  Soho House Berlin winkt Nesser ab: „Die Geschichten, die nun verfilmt wurden“, erzählt er, „habe ich geschrieben, lange bevor ich mit den Krimireihen um die Ermittler Van Veeteren und Gunnar Barbarotti bekannt wurde.“

 
„Intrigo“ ist als Trilogie geplant, alle drei Teile spielen in Nessers fiktivem namenlosen  Land mit seiner Hauptstadt Maardam. „Und wenn einmal alle drei Teile etwa  auf Netflix laufen und Sie sie  in Folge anschauen, werden Sie merken, wie sehr sie miteinander verbunden sind“, so der Erfolgsautor.


So wie auch Nesser nach wie vor mit all seinen Figuren verbunden zu sein scheint. Von dem etwas mürrischen Van Veeteren hat er sich zwar schon vor 15, von dem unbeschwerteren Gunnar Barbarotti vor sechs Jahren verabschiedet. „Aber“, meint er freudig, „in diesem Herbst kommt in Schweden  mein neues Buch  heraus: Es geht um ein erstes Zusammentreffen von Van Veeteren und Barbarotti. Da werde ich mich wieder auf Lesereisen einstellen müssen.“ 


Wäre Nesser seinem erlernten Beruf als Lehrer treu geblieben, könnte er längst schon in Pension sein. „Stimmt. Ich war mehr als 20 Jahre Lehrer“, unterstreicht der asketisch wirkende Schriftsteller seine pädagogischen Ambitionen. „Ich habe gerne unterrichtet. Aber es ist leichter, ein junger Lehrer zu sein als ein alter.“

Auch für den Umstand, dass in seinen Geschichten immer wieder Lehrer auftauchen, hat der Schriftsteller eine passende Erklärung parat: „Manchmal bewährt es sich eben doch, über das zu schreiben, worin man sich auskennt.“ Was ebenso für ihn feststeht: „Die Guten sollen gewinnen, nicht wahr. Das ist es doch, wovon  Krimis  handeln. Es geht um die Balance zwischen Gut und Böse.“

Herr Nesser, warum haben es die Skandinavier eigentlich so mit den Krimis?

Eine gute Frage. Sie wird mir immer wieder gestellt. Aber vorwiegend in deutschsprachigen Ländern. Vielleicht weil Astrid Lindgren hier so populär ist und Henning Mankell und ich in den Neunziger Jahren mit etwas Neuem, dem Schwedenkrimi als Markenzeichen, durchstarteten. Jetzt gilt der Skandinavienkrimi auch in England als Markenzeichen

Sie gelten als der Philosoph des Genres.

Ja, stimmt. Mankell und Stieg Larsson sind die politischen Autoren, bei ihnen geht es brutaler zu. Zum Glück ist der Krimi ein reichhaltiges Genre. Es lässt sich auf verschiedene Weise beackern. Und das Erstaunliche dabei ist: Es gedeiht nach wie vor. Ich dachte ja schon, dass sich der Krimi noch in den Neunziger Jahren totgeschrieben habe. Aber, nein, der Skandinavienkrimi lebt. Und wie! Sogar Schottland will  noir sein.

Was inspiriert Sie? Meldungen aus dem Chronikteil von Zeitungen? Die aktuelle Politik?

Weder noch. Natürlich regt einen manches an, aber ich bin nicht gut darin, nach Fakten Ausschau zu halten. Ich will einfach eine Geschichte erzählen.

Die Leser begeistert das offenbar. Sie haben Millionen davon.

Ja. Und mitunter erfahre ich sogar von Lesern, die jedes meine Bücher verschlungen haben. Ich verstehe das, ich bin auch nach gewissen Autoren süchtig.

Krimiautoren zählen wohl nicht dazu. Ich habe den Eindruck, Sie sind eher nach klassischer Musik als nach Kriminesern süchtig. In dem mit Ben Kingsley, Benno Fürmann und Veronica Ferres verfilmten Krimi "Intrigo - Tod eines Autors" spielt etwa ein Konzert eine große Rolle, besser gesagt: ein lautes Husten während des Konzerts.

Die Erzählung "Tod eines Autors" beginnt fast damit. Bei der Verfilmung ist das dramaturgisch anders gelöst, aber eines bleibt: Es ist ein für die Story sehr wichtiger Hustenanfall. Mehr will ich nicht verraten.

  Aber vielleicht können Sie dieses Rätsel aufklären: In Ihrem mit Paula Polanski verfassten Krimi "Strafe" bekommt Ihr Alter ego Post aus Österreich. Wie das?

Ich liebe Österreich. Wahrscheinlich war das ausschlaggebend dafür. Denn im Moment kann ich mich nicht daran erinnern, dass dies der Fall war. Man vergisst einfach, was man so geschrieben hat. Aber wenn Sie es mir sagen, stimmt es wahrscheinlich.   

Mit "Tod eines Autors" kommt demnächst der Auftakt der "Intrigo"-Reihe in unsere Kinos. In Los Angeles hat ein Filmfirma kürzlich die Rechte an Ihrem Roman "Die Lebenden und die Toten von Watford" gekauft. Ihre Fans wollen wohl künftig noch mehr von Ihnen lesen.

Ja. Aber ich kann immer noch in Pension gehen. In diesem Herbst erscheint in Schweden mein Buch über das Aufeinandertreffen von Van Veteeren und Barbarotti. Ich werde mich wohl wieder auf ausgedehnte Lesereisen begeben müssen. Nächstes Jahr werde ich dann eine Krankheit vortäuschen und sagen: ,Sorry, ich bin sick und kann jetzt nicht reisen.' Na,ja, wenn es auf Deutsch erscheint, ist eine Lesetour durch Österreich, der Schweiz und Deutschland unausweichlich. Es ist noch nicht definitiv entschieden. Aber eines ist sicher: Wenn nichts anliegt, bleibe ich in Schweden. Und da verbringe ich die Zeit mit meinen Pferden. Mit meiner Frau habe ich drei Isländer sowie drei andere Pferde. 

Ich möchte zwar nicht sechzehn Stunden am Tag Heu fressen, aber ich sage Ihnen, ansonsten fühlt sich ein Pferdeleben auch für Menschen durchaus erstrebenswert an.   

   

Der deutsche Schauspieler Benno Fürmann ("Anatomie", "Der fast perfekte Mann", "Babylon Berlin") stand wie Hakan Nesser in Berlin für ein Interview zur Verfügung.

: Herr Fürmann, gratuliere, der Film ist wahnsinnig toll. Die Geschichte zieht einen richtig rein.

Benno Fürmann: Toll, dass Sie das sagen. Das höre ich gern.

 Der häufige Wechsel zwischen Realität, Fiktion und den Zeitebenen macht die Story aber etwas kompliziert.  Ich bin mir nicht sicher, ob ich auch alles verstanden habe ...

Fragen Sie einmal, wie es mir beim Drehbuchlesen ging.

 Sie verkörpern einen Übersetzer, der auf einer einsamen Insel den Rat eines Schriftstellers einholt. Ihr Gegenüber ist ein Weltstar. Hat Ihnen das Angst gemacht?  Ben Kingsley ist doch ein  ganz Großer.  

 Angst nicht, aber Respekt. Wenn man mit berühmten Schauspielern arbeitet, ist es schwierig, so zu tun, als ob das jetzt X sei, und ich spiele Y. Sir Ben Kingsley kommt schon als Sir Ben Kingsley zur Tür rein. Das Gesicht kennt man nun einmal. Aber am Ende des Tages muss die Arbeit trotzdem gemacht werden.

Ben Kingsley ist im Film, wie man ihn kennt, aber alle Überraschungsmomente in diesem Psychothriller sind bei Ihnen. SIE sind der Star.

Schön zu hören. Ich habe wesentlich mehr Szenen als er. Und ich bin auch total dankbar für diese Rolle. Ich habe den Übersetzer David  sehr gerne
gespielt – weil er für uns alle steht. David, ein Mensch, der in einem entscheidenden Moment so reagiert, wie er es sich später nicht mehr erklären kann. Du wirst von einer Frau verlassen und reagierst – aber nicht mit Gewalt, sondern mit einer feigen Aktion, die gewaltige Folgen nach sich zieht.

 Ein kleiner Auszug aus Ihrer Filmbio: Sie haben Komisches für Leander Haussmann gespielt, den jungen Bubi Scholz gegeben und  zeigen nun in der Verfilmung eines  Nesser-Romans Hintergründiges. Ist das nun ein Weg mit vielen Umwegen oder doch ein geradliniger?

Geradlinig ist doch langweilig. Es macht Spaß, sowohl Komödie als auch  Drama zu machen. Vielleicht ziehe ich ja das Leise vor, aber es macht mir auch sehr große  Freude, vor der Kamera einmal einen Wutausbruch zu haben und ein Zimmer zu zerdeppern. Wann darf man das denn schon?

Ihre eigene Vorgeschichte klingt  ja selbst wie ein Film ...

Sie war auch ungewöhnlich. Der frühe Verlust der Eltern,  die Pubertät geradezu eine Katastrophe  mit Sitzenbleiben usw. Aber ich glaube, dass wir gut daran tun, bei der Lebensführung die Dinge anzunehmen, die mit uns passieren. Manchmal machen sie Spaß und manchmal keinen. Dass das Leben nicht linear verläuft, ist auch klar. Klarheit haben nur die wenigsten.

 Um Klarheit zu haben: Wird es eine „Intrigo“-Fortsetzung auch mit Ihnen geben? Es ist ja immerhin eine Trilogie ...
Ja, es ist ein Trilogie. Aber ich bin raus.
 
 Nein! Echt jetzt?  
Ja, find’ ich auch schade.

 Ich dachte, mit der Verlegerin, gespielt von Veronica Ferres, wären Anknüpfungspunkte da, um die Story weiterzuspinnen.  
 So in der Art, eine kleine Reise zu einer kleinen Insel, wo ich sie dann auf perfide Weise töte?

 Oh, Gott, so weit habe ich nicht gedacht!  
Wer weiß, gleich habe ich Lunch mit Håkan Nesser. Der Mann ist ja äußerst kreativ bei dem, was er zu Papier bringt. Ich wäre
 jedenfalls jederzeit dabei.

 Vielleicht schreibt er Sie ja noch rein.
 Ich glaube, ich werde eine Flasche Weißwein bestellen, um ihn gefügiger zu machen …