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freizeit
03/21/2020

Schauspielstar Heike Makatsch: "Manchmal muss man auch darben"

Heike Makatsch war das Viva-Girlie der Nation, heute ist sie eine gefragte Charakterdarstellerin und hat gute Chancen auf die ROMY 2020 als beste Schauspielerin. Ein Anruf.

von Barbara Reiter

Ein Interview in Zeiten des Corona-Virus zu führen, geht so: Man telefoniert, was in diesem Fall sehr, sehr schade ist. Als Teil der Viva-geprägten Generation der 1990er-Jahre, wäre es für die Interviewerin etwas Besonderes gewesen, Heike Makatsch einmal persönlich kennenzulernen. Sie war die große Schwester, die jeder haben wollte und holt die Jahre der Unbeschwertheit aus der Erinnerung zurück. Außerdem hat sie sich von der TV-Moderatorin zur Charakterdarstellerin entwickelt und ist für die ROMY 2020 als „beliebteste Schauspielerin“ nominiert.

Punkt zehn Uhr klingelt das Handy. „Hallo, hier ist Heike Makatsch“. Unmittelbar stellt sich das Gefühl ein, die große Schwester ist wieder da.

Frau Makatsch, da Sie schon einmal für den Emmy, den Fernseh-Oscar nominiert waren, muss man Sie fragen: Hätte die ROMY mithalten können?

Heike Makatsch: Ich bin nicht abgebrüht, was Preise angeht und fühle mich sehr geehrt. So viele Preise waren es auch nicht. Und jedes Mal denke ich mir wieder: Das muss ein Missverständnis sein! Wie kann mir diese Ehre zuteil werden? Man erwartet nicht, für einen Preis nominiert zu werden.

Warum so bescheiden? Sie prägen seit Jahren die Fernsehlandschaft, haben es zur Charakterdarstellerin gebracht.

Es ist wirklich nicht so, dass ich chronisch bescheiden bin, aber es ist immer wieder eine Überraschung, wenn man nominiert wird. Solche Dinge kommen ja auch nicht immer logisch, sondern sehr oft überraschend und ganz plötzlich.

Die ROMY-Jury hat Sie für Ihre Rolle im Musicalfilm „Ich war noch niemals in New York“ nominiert. Die Kritiken waren gemischt. Sind Sie auf diesen Film stolz?

Es ist ein Film, der mir sehr am Herzen liegt und der für mein Verständnis mehr hätte erreichen können. Aber die Reise ist noch nicht zu Ende. „Ich war noch niemals in New York“ kam erst vor fünf Monaten ins Kino und wird demnächst im Pay-TV gezeigt. Da kommt noch was, ganz sicher. Es ist ein berührender und trotz seiner Leichtigkeit auch tiefgehender Film.

Es gab schon einmal einen Film, der Ihnen sehr am Herzen lag, aber beim Publikum nicht so ankam. „Hilde“, die Biografie der Schauspielerin Hildegard Knef ...

Es ist nicht so, dass ich mir als Schauspielerin meine Filme nochmals ansehe, aber „Hilde“ habe ich vor Kurzem beim Ophüls-Preis auf der Kinoleinwand sehen dürfen. Da habe ich gedacht: Was für ein toller Film! Ich merke auch immer wieder, dass er den Zuschauern im Gedächtnis ist, weil ich immer wieder darauf angesprochen werde.

Sie wurden in  den 1990er-Jahren als Viva-Moderatorin bekannt. Damals war Popularität eine andere, weil jeder dasselbe Programm geschaut hat. Wie nehmen Sie das in Streaming-Zeiten wahr?

Dass man in der Öffentlichkeit steht, war für mich immer etwas, das für mich persönlich nicht so spürbar war.

Warum? Sie waren damals ein Shootingstar und omnipräsent.

Und doch bestehen 90 Prozent meines Lebens aus einem wuseligen Alltag, der sich  in keiner Weise von dem meines Nachbarn unterscheidet oder abhebt. Mir war wichtig, zu den Menschen meines Kiez’ dazuzugehören. Wenn das bedeutet, dass ich es verdränge, einen gewissen Bekanntheitsgrad zu haben, verdränge ich gerne.

Heike, die Hausfrau von nebenan, die halt ein bisschen schauspielert quasi ..

Ich sehe mich am liebsten als Mutter, Hausfrau und leidenschaftlich berufstätig und nicht als öffentliche Person. Verstehen Sie?

Einerseits ja, andererseits nein. Die Kassa muss ja klingeln.

Ich will damit sagen, ob und wie meine Popularität in medialen Streamingzeiten Schwankungen unterliegt, ist mir weder sehr wichtig, noch spüre ich es direkt. Der Erfolg eines Künstlerlebens ist von so vielen Faktoren abhängig, die zum Teil nicht in meiner Hand liegen – ob Streaming, Alter, Marktlage oder Zeitgeist. Deshalb war es mir immer wichtig, die Bestätigung und den Wert meiner Existenz unabhängig davon in anderen Lebensbereichen zu finden.

Da könnte man sagen: Die Makatsch hat leicht reden. Hat ja sogar in internationalen Produktionen gespielt. Da gibt es nicht viele – einen Daniel Brühl und Sie.

Ich würde das mit Brühls Karriere nicht vergleichen. Daniel arbeitet ja fast ausschließlich international. Bei mir waren das kleine Ausflüge in Nebenrollen.

Jetzt klingen Sie schon wieder bescheiden. Denken Sie doch an „Tatsächlich Liebe“.

Ich will das nicht schmälern. „Love Actually“ hat sich zu einem echten Weihnachtsklassiker gemausert, und für mich ist es wirklich großes Glück, dass ich dabei sein konnte.

War das der Karriere geschuldet, dass Sie damals für einige Jahre nach London gezogen sind?

Ich bin tatsächlich der Liebe wegen nach England gezogen – eher ein waghalsiger Schritt, die Karriere betreffend. Zum Arbeiten bin ich damals meistens nach Deutschland zurückgeflogen, hin und her gependelt also. Aber natürlich habe ich vor Ort dann auch meine Fühler ausgestreckt und dadurch in einigen englischen Produktionen gespielt. (Anm.: Makatsch war damals mit Schauspieler Daniel Craig liiert).

Mittlerweile haben Sie in mehr als 50 Filmen gespielt. Stört es Sie, dass Sie trotzdem zu Castings gehen müssen?

Es kommt immer auf das Projekt an, aber eigentlich finde ich den Prozess von Castings nachvollziehbar. Bei einem Casting wird ja weniger geschaut, ob jemand schauspielen kann, sondern es werden Konstellationen abgeklopft. Haben Schauspieler untereinander gute Vibes, besetzt man eine Rolle mit einem jüngeren oder einem reiferen Darsteller und  wie harmoniert man mit dem Regisseur?

Es gibt Schauspieler, die oft mit demselben Regisseur arbeiten. Das wäre doch das Praktischste, nicht?

So eine kongeniale Kooperation ist natürlich toll und es gibt Regisseure, mit denen ich mehrfach gearbeitet habe. Aber so eine Zusammenarbeit wie mit einem Petzold, der anscheinend in seinen Schauspielerinnen immer wieder seine Muse findet und sie mehrfach hintereinander besetzt, wo blindes Verständnis zwischeneinander wachsen kann, das stelle ich mir inspirierend vor. (Anm.: gemeint sind Regisseur Christian Petzold und Schauspielerin Nina Hoss).

Warum sind Sie eigentlich in keiner Serie der Streaming-Anbieter zu sehen?

Babylon Berlin“ hätte toll zu Ihrem Typ gepasst?Natürlich ist es für einen Schauspieler großartig, wenn er richtig in seine Rolle reinschlüpfen und sie über mehrere Staffeln entwickeln kann. Und „Babylon Berlin“ zeichnet sich durch tolle Regisseure, Wahnsinnsgeschichten und die besten Maskenbildner, Bühnenbauer und Schauspieler aus. Ich freue mich, dass ich diese Art Kontinuität nun bei meiner Tatortfigur Ellen Berlinger erleben darf.

Bisher gab es zwei Tatorts mit Ihnen, zuletzt 2018. Wann kommt der nächste?

Nach den Osterferien war geplant, den dritten Tatort zu drehen. Wir werden sehen. Wir haben ein spannendes Buch entwickelt und mit Catalina Molina eine sehr interessante, österreichische Regisseurin gewinnen können.

Sie haben in der Vergangenheit auch schon mit Stefan Ruzowitzky und Xaver Schwarzenberger gedreht. Mögen Sie die Österreicher?

Das sind beides tolle Regisseure, die ich sehr schätze. Den Ruzowitzky mag ich als Menschen total. Genauso wie den Xaver, der mir meinen schönsten Film beschert hat und auf den mich die Leute heute noch ansprechen, obwohl es solange her ist. Der Film hat Herzen geöffnet (Anm.: „Margarete Steiff“ aus 2005, der Makatsch auch die Emmy-Nominierung eingebracht hat).

Wenn man Ihre Filmliste durchsieht, waren da viele gute Filme dabei. Haben Sie ein gutes Händchen für die Auswahl?

Ehrlich gesagt ist das ein magischer Prozess, wenn man so will. Einmal setzt man total auf einen Film und er versickert dann, ein anderes Mal nimmt man eine Rolle an, weil man einfach wieder arbeiten will und es wird schließlich ein Riesenerfolg. Ich habe eine starke Intuition, aber die ist nicht immer gekoppelt mit der Kinokasse. Das Wichtigste ist, Projekte anzunehmen, hinter denen man stehen kann.

Eigentlich ist es Luxus, wenn man sich selber treu bleiben kann. Oft ist der finanzielle Druck halt größer.

Ich hatte das Glück, mit vielen tollen Filmprojekten gesegnet zu sein. Aber diese Angebote kann man sich auch nicht backen. Ich bin abhängig von Dritten, die mich besetzen oder mir ein Drehbuch schicken. Manchmal muss man auch darben und Nein sagen, auch wenn es passend wäre, gerade etwas zu tun zu haben. Es gibt immer wieder Durststrecken, dann kommen die Angebote wieder geballt. Man muss sich als Filmschaffender daran gewöhnen. Es setzt sich aber immer wieder etwas in Bewegung, auch wenn es nicht immer so ist, dass man ins Schwarze trifft und das bekommt, was man schon immer machen wollte.

Sie haben schon einmal ein Drehbuch für einen Film geschrieben. Das macht unabhängig oder fehlt Ihnen als dreifache Mama dafür einfach die Zeit?

Das war 2006 und hat damals in die Zeit gepasst. Ich habe das Drehbuch für den Film „Schwesterherz“ gemeinsam mit meiner Freundin, der Schriftstellerin Johanna Adorjan geschrieben. Wir waren damals gemeinsam im Urlaub und hatten ähnliche Lebensfragen. Wir wollten aber nicht als Drehbuchautorinnen in die Geschichte eingehen. Aber manchmal denke ich mir schon, wenn mich nochmal die Muse küsst, mach’ ich das!

Wie haben Sie Kinder und Karriere unter einen Hut gekriegt?

Da versuche ich nicht zu sehr ins Detail zu gehen, weil ich meine Kinder gerne aus der Öffentlichkeit heraushalte. Was ich sagen kann, ist, dass es eine sehr erfüllende, aber natürlich auch energiebeanspruchende Aufgabe ist. Aber ich habe viel davon – Energie! Ich freue mich, dass so viele verschiedene Facetten des Lebens von mir bewältigt werden wollen.

Zwei Fragen hätte ich noch. Eine harmlose und eine zweite. Welche zuerst?

Da bin ich mal gespannt. Die harmlose.

Wären Sie zur leider abgesagten Romy-Gala am 18. April gekommen oder hätten Sie sich per Videobotschaft gemeldet wie andere Ihrer deutschen Kollegen?

Natürlich wäre ich nach Wien gekommen. Ich hatte doch schon ein Kleid!

Die zweite Frage werden Sie mir um die Ohren hauen: Freuen Sie sich auf den letzten Bond mit Daniel Craig im November?

Ich haue Ihnen die Fragen ganz sicher nicht um die Ohren, sondern beantworte sie ganz einfach nicht.

Heike Makatsch, 48, wurde 1971 als Tochter einer Grundschullehrerin und des Ex-Eishockey-Nationaltorwarts Rainer Makatsch in Düsseldorf geboren. Bekanntheit erlangte sie ab 1993 als Moderatorin des Musiksenders VIVA und stieg 1996 in die Schauspielerei ein. Ihr erster Film „Männerpension“, bracht ihr den bayrischen Filmpreis als beste Nachwuchsdarstellerin ein. Ab 1998 lebte Makatsch in London und  war acht Jahre mit Bond-Darsteller Daniel Craig liiert. Nach der Trennung kehrte sie nach Deutschland zurück und war in „Margarete Steiff“, „Hilde“ oder „Das Pubertier“ zu sehen. Seit 2016 ist sie auch Tatort-Kommissarin.

Makatsch hat drei Kinder: zwei Töchter mit Musiker Max Schröder, von dem sie seit 2014 getrennt ist.Seither ist sie mit dem Vater ihrer  dritten Tochter,  Schauspieler Trystan  Pütter, 39, liiert. Makatsch wurde für ihre Rolle in „Ich war noch niemals in New York“ als beliebteste Schauspielerin für die ROMY nominiert.

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