© Gilbert Novy

freizeit
02/28/2015

Karl Markovics über Hollywood

Karl Markovics gehört nicht nur seit vielen Jahren zu Österreichs sympathischsten Schauspielern, sondern glänzt inzwischen auch als Drehbuchautor und Regisseur. Warum er keine Komödien mag, gerne auch einmal gratis schauspielert – und Tobias Moretti gut verstehen kann ...

von Barbara Reiter

freizeit: Herr Markovics, lassen Sie uns kurz über die Oscars 2015 reden. Vor einer Woche bekam „Grand Budapest Hotel“ vier Oscars und ist damit nach „Die Fälscher“ der zweite Oscar-Film, in dem Sie mitspielen. Haben Sie ein Gespür für außergewöhnliche Filme?

Karl Markovics: Schön, wenn Sie das so sehen. „Grand Budapest Hotel“ war lustig zu drehen. Wes Anderson ist kein typischer Hollywood-Regisseur, weil er nicht mit den großen Studios arbeitet und das Glück hat, für seine Projekte immer irgendwelche Geldgeber zu finden. Bei ihm drehen Stars auch mehr oder weniger ohne Gage. Ich bin sicher, dass Harvey Keitel in etwa so viel bekommen hat wie ich.

Was bringt es, umsonst zu spielen, wenn man doch schon einen Namen hat?

In Amerika ist ein Wes-Anderson-Film mit keinem anderen vergleichbar. Er hat mittlerweile einen Status und es gehört zum guten Ton jedes wichtigen US-Schauspielers, in seinem Lebenslauf stehen zu haben: „Ich habe mit Wes Anderson gedreht“. Bei Lars von Trier ist es ähnlich. Man wird auch nicht reich und es kommen nicht wahnsinnig viele Leute ins Kino, aber fürs Renommee ist es wichtig.

Die Reisekosten hat Herr Anderson aber schon bezahlt?

Natürlich, das war wie ein bezahlter Kurz-Urlaub. Ich war eine Woche dort und hatte vier Drehtage. Tatsächlich wurden wir als Schauspieler sehr verwöhnt. Anderson hatte für die Drehzeit in Görlitz nur für uns ein kleines Privathotel gemietet. Er hatte zwei italienische Privatköche dabei, die rund um die Uhr tolle Sachen gekocht haben. Nach dem Dreh saßen Wes Anderson, Ralph Fiennes, Harvey Keitel, Willem Dafoe und Herr Karl Markovics beim Abendessen zusammen und bekamen die feinsten Speisen serviert.

Beim Wort Oscar werden Erinnerungen an den Film „Die Fälscher“ wach. Sie waren als Hauptdarsteller damals, 2008, beim großen Triumph dabei. Denken Sie ab und zu noch daran?

Manchmal, so aufregend war es ja nicht.

Das ist schwer zu glauben.

Eines war schon spannend: Wenn bei uns eine Filmpremiere stattfindet, denkt man sich: „Uh, da ist Mario Adorf!“ Oder: „Wow, da steht Tobias Moretti!“ Damit war’s das. Aber bei den Oscars ist jeder berühmt, egal wohin man schaut – Quentin Tarantino, Meryl Streep, Jack Nicholson... Sogar am Klo. Plötzlich stehen Sie neben Javier Bardem, der beim Pieseln auch noch den Oscar in der Hand hat. Nur Sie sind der einzige Dillo. Eine verkehrte Welt. Aber nach 15 Minuten relativiert sich das und man denkt: „Gut, dann ist das halt die Emma Thompson oder der Robert De Niro. Irgendwo müssen die ja auch sein.

Was war mit Ihrer Hollywood-Karriere?

Ich hätte sicher nicht Nein gesagt, wenn Angebote von großartigen Regisseuren wie Polanski oder Cronenberg gekommen wären. Aber ich wäre für die Karriere nie fix nach Hollywood gegangen. Das Hauptaugenmerk liegt bei mir ja auf eigenen Filmen, die ich dort nie drehen könnte. Wir haben in Österreich zum Glück ein Filmfördersystem, wo nicht der Produzent, sondern der Regisseur den Film bestimmt und seine Vision voll und ganz umsetzen kann. In Hollywood hätte ich zwar 50 Mal mehr Budget, dafür aber um denselben Faktor weniger Freiheit bei meiner Arbeit.

War es eigentlich auch eine rationale Überlegung, dass Sie nun Drehbuchautor und Regisseur sind? Weil man nicht mehr nur auf gute Rollenangebote warten muss?

Wegen dem zusätzlichen Standbein war es nicht. Im Gegenteil: Je älter ich werde, desto interessantere Rollen bekomme ich angeboten. Mir ging es um die Drehbücher, weil man die guten, die jährlich erscheinen, an einer Hand abzählen kann. Gute Regisseure findet man wie Sand am Meer, es gibt auch genug gute Schauspieler, aber es ist wirklich schwierig, ein gutes Drehbuch zu finden.

Plötzlich stehen Sie neben Javier Bardem, der beim Pieseln auch noch den Oscar in der Hand hat. An der Bar steht Clint Eastwood, nur Sie sind der einzige Dillo.

Warum haben Sie in Ihren eigenen Filmen bisher nicht mitgespielt?

Das kann schon noch passieren. Ich schreibe gerade an einer Geschichte, wo ich mir überlege, auch vor der Kamera zu stehen. Wie Clint Eastwood – der führt auch Regie und steht vor der Kamera. Bei meinem dritten Film habe ich dann vielleicht schon genug Sicherheit, um mir das zuzutrauen.

Sie behandeln gerne schwierige Themen. In Ihrem Film „Superwelt“ begegnet eine Supermarktkassiererin Gott. Dabei stellt sie sich die Frage: „Warum bin ich da?“ Ist es nicht besser, das Leben zu genießen anstatt zu viel darüber nachzudenken?

Ich glaube, beides ist möglich. Es kann sein, dass man in seinem Leben an den Punkt kommt, wo man dringend Antwort auf Fragen wie diese braucht. Vielleicht kommt man auch nie dorthin. Es ist sicher auch schwierig, nur den einen Sinn im Leben zu finden. Aber die meisten von uns überlegen sich zumindest irgendwann einmal, ob sie den eingeschlagenen Weg weitergehen oder woanders hin möchten. Ihr Debüt-Film „Atmen“ war ebenfalls sehr anspruchsvoll.

Könnten Sie mit leichteren Themen nicht mehr Zuschauer erreichen?

„Atmen“ war weiß Gott kein einfacher Film und meines Erachtens noch schwieriger zu konsumieren als „Superwelt“. Aber für ein Land wie Österreich waren 100.000 Zuschauer ein großer Erfolg. Wenn wir das mit „Superwelt“ auch schaffen, wage ich zu behaupten, dass ich der österreichische Regisseur bin, der beweist, dass man Arthaus-Filme auch für viele Menschen machen kann. Es war immer mein Ziel, auch Leute in anspruchsvolle Filme zu bekommen, die sich sonst so einen Film nicht anschauen würden.

Was sicher auch an Ihrem Namen liegt.

Ja, ich habe das Glück, als massenbekannter Schauspieler Leute neugierig zu machen, die in keinen Haneke-, Jessica-Hausner- oder Ulrich-Seidl-Film gehen würden, weil sie von vornherein die Meinung haben: „Das ist anstrengend, das ist schiach oder das macht mir Angst.“ Aber den Karl Markovics mögen viele Leute. Die sagen vielleicht: „Des is a sympathischer Bursch. Vielleicht ist der Film nicht so arg.“

Arg ist, dass Ihre Hauptdarstellerin aus heiterem Himmel nicht mehr mit ihrem Leben zufrieden ist. Geht es den Menschen in unserer Wohlstandsgesellschaft zu gut?

Es gibt reale Ansprüche und reale Sorgen. Unglücklich werden wir durch die falschen Ansprüche und durch Sorgen. Das ist so schade und das zeigt sich ja auch im Film. Es geht nicht um eine Gegend im Krieg, auch nicht um eine Beziehung, die in Trümmern liegt oder um einen Menschen mit einem riesigen Leidensdruck. Es geht um eine Frau, die vor sich hinlebt und die realisiert, dass ihr Leben endlich ist, weil sie mit 50 schon länger gelebt hat als sie noch leben wird. Das ist spätestens der Punkt in der Existenz, wo man sich fragt: „War es das oder gibt’s noch was anderes, um am Ende zu sagen: Es hat sich gelohnt zu leben.“

Sie sind im August 2013 fünfzig Jahre alt geworden. Hatten Sie damals auch das Bedürfnis nach neuen Inhalten?

Es war nicht so, dass mir langweilig war und ich mir dachte: Was könnte ich noch machen? Ich habe immer schon geschrieben und mein Wunschtraum war es, meine eigenen Geschichten zu realisieren. Ob als Theaterstück, Film oder Roman war lange Zeit nicht klar. Ich glaube, es hat ein gewisses Alter und den Anstoß durch meine Frau gebraucht, um das umzusetzen. Ich dachte auch lange Zeit, meine Geschichten wären nicht gut genug, um damit rauszugehen.

Haben Sie im Vorfeld mit Menschen über den Sinn des Lebens gesprochen?

Ja. Generell können wir alle unser Leben als etwas betrachten, was uns nicht genügt, ohne zu wissen, was uns eigentlich fehlt. Wir können dasselbe Leben aber auch als erfüllend betrachten, weil wir in dem aufgehen, was wir tun. Unter den Menschen, mit denen ich gesprochen habe, gibt es nicht wenige, die einen scheinbar langweiligen Job haben und trotzdem glücklich sind. Dafür sagen andere, mit einem scheinbar anspruchsvollen Job, dass sie ihr Leben nicht ertragen. Daran sieht man, wie wichtig und gleichzeitig schwierig es ist, in einer Art Rendezvous mit dem Schicksal zu einem Selbstverständnis für sein Dasein zu gelangen, das einen gelöst und glücklich sein lässt.

Würde es Sie nicht reizen, beim nächsten Mal einen lustigen Film zu drehen?

Österreichische Regisseure, die triste Filme machen, gibt es ja einige. Es kommt nicht von ungefähr, dass große Regisseure wie Michael Haneke keine Komödien machen. Das ist nochmal eine Stufe drüber. Es gibt nichts Schwierigeres. Obwohl wir da eine Tradition haben. Billy Wilder etwa war ja auch Österreicher. Aber es stimmt schon. Ich habe das Gefühl, dass gerade eine schwierige Zeit für Komödien ist. Das Lachen bleibt einem im Hals stecken.

Lassen Sie uns über etwas Erfreuliches reden. Ihre Anfänge zum Beispiel. Oder reden Sie über Kommissar Rex ebenso ungern wie Ihr Kollege Tobias Moretti?

Trauen Sie sich nur. Aber ich kann Tobias verstehen. Man wird oft festgenagelt. Wie sehen Sie Ihre Rolle im Rückblick? Das war meine erste Fernseharbeit überhaupt, und ich habe mir damals gesagt: „Wann kriegst du bei uns schon die Gelegenheit, so viel zu drehen?“ Ich konnte so viele Erfahrungen sammeln. Es war auch die erste Serie dieser Art in Österreich, die nicht auf ganz so billigem Niveau, sondern qualitativ war. Und sehr beliebt beim Publikum. Bei den Dreharbeiten ist einmal ein riesiges Verkehrschaos entstanden. Das werde ich nie vergessen. Anfangs haben wir ein Jahr unter Ausschluss der Öffentlichkeit gedreht. Die Serie kannte ja keiner, weil sie noch nicht im Fernsehen lief. Als wir aber dabei waren, die zweite Staffel zu drehen, wurde der Pilotfilm ausgestrahlt. Am nächsten Tag standen am Set im 23. Bezirk plötzlich 300 Schaulustige auf der Straße – ohne Übertreibung. Es war Mittag, die Schule war gerade aus und es konnten keine Busse mehr fahren. Das war unglaublich.

Rex hat Ihrer Seriosität nie geschadet?

Natürlich wird man schnell in eine Schublade gesteckt. Ich weiß auch, wie lange es gebraucht hat, um im Filmbereich Fuß zu fassen. Die Arroganz jener Leute, die glauben, Kunst zu machen, ist in Österreich irrsinnig groß. Aber es war mir immer egal, was die Leute über mich denken, weil ich wusste, was ich wollte und was ich kann.

Obwohl Sie familiär nicht vorbelastet sind. Ihre Mutter war Verkäuferin, Ihr Vater Bus-Chauffeur. Hatten Ihre Eltern nie Einwände gegen die Schauspielerei?

Glücklich waren sie nicht, aber wenn ich eine Stärke habe, ist es, unmissverständlich zu zeigen, dass ich meine Freiheit und Unabhängigkeit will. Meine Eltern wussten, dass sie mich zu nichts zwingen können. Ich bin mit 18 von einem Tag auf den anderen von zuhause ausgezogen und habe im Serapionstheater angefangen. Das war sicher nicht leicht für meine Eltern, vor allem für meine Mutter. Ich war einfach weg. Aber sie mussten mir weder ein Studium noch eine Wohnung finanzieren.

Wie ist Ihr Verhältnis heute?

Mein Vater ist vor fast 20 Jahren verstorben. „Kommissar Rex“ hat er noch erlebt, „Stockinger“ und all meine Filme nicht mehr. Meine Mutter freut sich und ist stolz. Aber ich weiß nicht, ob sie mit all dem besonders viel anfangen kann.

Was würden Sie ihr sagen, wenn sie Sie fragen würde, was Sie an Ihrer Arbeit am meisten interessiert?

Es sind meine eigenen Sachen, weil die Leute dann sehen, wie ich die Welt sehe. Einen eigenen Film zu machen, ist eigentlich das Wahrhaftigste, das man über sich erzählen kann.

Ihr aktueller Film „Superwelt“ wurde gerade bei der Berlinale gezeigt und vom Publikum gefeiert, Sie sind ein begehrter Mann und müssen weiter. Haben Sie dennoch ein paar letzte Worte für uns?

Ich mag keine letzten Worte. Vielleicht gibt es ja bald wieder ein Interview. Deshalb sage ich: Bis zum nächsten Mal!

Der Echte

Karl Markovics, 51, wurde in Wien geboren, scheiterte aber früh an einer Wiener Institution – dem Max-Reinhardt-Seminar. Zum Glück, könnte man heute behaupten. Das Serapionstheater (ab 1982) und das Wiener Ensemble (ab 1987) bereiteten ihn daraufhin perfekt auf seine Ausnahmerollen vor. Die erste Filmrolle hatte er 1991 in „Hund und Katz“ von Michael Sturminger. Einem breiten Publikum wurde er 1994 in der ORF-Serie „Kommissar Rex“ bekannt - als schrulliger Bezirksinspektor Stockinger. Die Hauptrolle in Stefan Ruzowitzkys Die Fälscher brachte ihn 2008 auf die Bühne der Oscar-Gala. Sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor gab er 2011 mit „Atmen“. Markovics ist mit der Theaterschauspielerin Stephanie Taussig verheiratet und Vater zweier adoptierter Kinder.

www.superwelt.at

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