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freizeit
04/25/2020

Roland Düringer zur Krise: "Man muss vorbereitet sein"

Der Kabarettist Roland Düringer, 56, war immer ein kritischer Geist. Im Interview erzählt er, was die Krise mit uns macht und warum man mit wachen Augen durchs Leben gehen muss.

von Barbara Reiter

Gespräche mit Roland Düringer sind etwas Besonderes. Seine Sicht auf die Dinge ist anders, sie erweitert den eigenen Horizont, regt zum Nachdenken an. Deshalb spricht die freizeit mit ihm über die aktuelle Zeit, die so viel Verunsicherung bringt. Düringer hat vor vielen Jahren dem Schlaraffenland „Leb wohl“ gesagt und sich der Kunst des Weglassens zugewandt.

Im Interview erzählt er, warum ein Plan B für jeden so wichtig ist, was ihn an der Frisur des Innenministers stört und was die Krise Positives bewirken kann.

 

Roland Düringer

Immer wieder ein interessanter Gesprächspartner: Beim Interview mit Barbara Reiter 2017

Und noch einmal einige Jahre zuvor im Doppel-Interview mit Kollegen Gunkl

Herr Düringer, als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, meinten Sie: „Irgendwann kracht’s.“ Fühlen Sie sich jetzt als Visionär?

Als Visionär verstehe ich jemanden, der eine Vorhersage für etwas treffen kann, was noch nicht da ist und irgendwann erfüllt sich das. Ich hab’ ja nur das, was ich beobachtet habe bewertet und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Illusion, in der wir alle leben, nicht ewig halten kann. Wir haben uns ein Schlaraffenland gebaut, das auf einem fragilen Fundament steht. Wenn irgendetwas Unvorhergesehenes passiert, was nicht passt, haben wir Folgen, wie wir sie jetzt sehen.

Wann haben Sie sich in diese Richtung das erste Mal Gedanken gemacht?

Ich bin eigentlich durch eine persönliche Analyse draufgekommen, der ich mich Anfang der 2000er-Jahre unterzogen habe. Meine Annahme war, dass ich nicht davon ausgehen kann, dass sich Menschen bis an mein Lebensende Karten für den Düringer kaufen werden, um den reden zu hören. Das ist vollkommen illusorisch. Aber was ist dann der Plan B für mein Leben? Sich solche Gedanken zu machen, war eigentlich ein normaler Vorgang, solange Menschen noch selbst Dinge beobachtet haben und wach waren. Jetzt sind wir eingelullt in diese Illusion, die vor allem eines nicht zulässt: und das sind Fehler.

Einen Fehler zuzugeben, steht in unserer Gesellschaft leider für Schwäche.

Kein Politiker wird zugeben: Ich habe einen Fehler gemacht, auch die Wissenschafter nicht. Dabei geht  es in der Wissenschaft eigentlich darum, unterschiedliche Standpunkte zu vergleichen und, wenn man auf etwas Besseres draufkommt, zu sagen: Gott sei Dank, ich habe mich geirrt! Es geht ja nicht um mich, sondern darum, dass wir jetzt mehr wissen. Da gibt es ein  schönes Beispiel aus der Philosophie. Angenommen, Sie haben eine makellose weiße Schneedecke und möchten einen Schneemann bauen: Die Schneedecke wird nicht makellos bleiben, wenn man etwas Anderes kreieren will. Sie müssen den Schnee für den Schneemann ja irgendwo hernehmen. Wir sind aber nicht mehr bereit, Fehler zu machen, um etwas Neues entstehen zu lassen. Das gilt im Moment für viele Bereiche, fürchte ich.

Wissenschafter sind in dieser Krise zu einer ungemeinen Autorität geworden. Ist das aus Ihrer Sicht  gut oder schlecht?

Die Wissenschafter, die Experten, das sind die Götter von heute. Früher, bei der Pest, hat man noch gesagt: Die Pest ist eine Strafe Gottes. Das fällt in einer humanistisch aufgeklärten Gesellschaft flach. Ich tendiere ja zu sagen, dass sich die Natur jetzt einfach zu wehren beginnt, aber das ist nicht der der allgemeine Glaube. Der allgemeine Glaube ist, dass die Wissenschaft jetzt letztendlich die Autorität ist. Das wird auch immer kommuniziert, wenn die Regierung schön frisiert vor die Medien tritt. Wissen Sie, was ich den Herrn Innenminister fragen würde, wenn ich kritischer Journalist wäre?

Geht die Frage in Richtung Frisur?

Genau! Ich würde sagen: Herr Minister, jetzt sitze ich seit Wochen bei den Pressekonferenzen, meine Frau ist Friseurin, ihr Geschäft ist zu, man muss zwei Meter Abstand halten zu anderen Menschen. Meine  Frage an Sie ist: Tragen Sie Perücke? Schneiden Sie sich die Haare selbst, ist Ihre Frau Friseurin? Oder kommt da  jemand von außen und schneidet Ihnen die Haare? Wenn dem  so ist, muss ich davon ausgehen, dass Sie zu den fünf Prozent Unbelehrbaren gehören in diesem Land und ich werde Ihnen die Polizei schicken müssen. Genau das würde ich dem ins Gesicht sagen.

Auch Moderatoren werden nach wie vor frisiert und geschminkt, wie es scheint.

Denen muss offenbar jemand zur Hand gehen, aber wohl nicht aus zwei Metern Entfernung mit der Gartenschere. Das sind so ganz banale Fragen, die ich einmal stellen würde. Zu den Autoritäten ist übrigens noch zu sagen, dass man sich immer die Frage stellen muss, woher eine Autorität kommt. Was ist deren Hintergrund?

Sie haben vor 15 Jahren beschlossen, einen anderen Weg zu gehen, ein einfacheres Leben zu führen, das Glück nicht im Außen zu suchen. Ein schöner Satz, ...

... den jeder kennt, aber nur wenige umsetzen. Ich habe es halt durchgezogen in vielen Bereichen und bin total zufrieden damit. Ich tue das aber nicht, um anderen zu zeigen, wie super ich bin, weil ich mit wenig auskomme, Feuer machen oder ein Tier zerlegen kann, sondern weil es mir als Mensch guttut. Ich fühle mich so näher mit dem verbunden, was Menschsein für mich eigentlich ist. Es geht nicht um dieses ganze Blinki-Blinki, das wir rund um uns geschaffen haben. Jetzt, wo einiges zusammenbricht, sehen wir, dass das nur Illusion ist.

Es kann doch auch sein, dass wir die Krise überstehen und Normalität einkehrt?

Das sind so Sätze: Wir werden zur Normalität zurückkehren. Für mich ist das, was als Krieg gegen das Virus verkauft wird, ein ganz anderer. Es ist ja auch echt vertrottelt, gegen etwas, was in der Natur ist, einen Krieg zu führen. Der wahre Krieg, der gerade passiert, ist einer der Hedgefonds und Konzerne gegen die mittelständischen Unternehmen auf der Welt. Die großen haben Gewinne, der Mittelstand wird zerstört. Das ist meine persönliche Meinung.

Wenn dem so wäre, müssten wir alle bei null anfangen. Ist es möglich, mit unserem Hintergrund noch „sein Glück“ zu finden?

Das geht nur dann, wenn man darauf vorbereitet ist. Man muss einen Schalter umlegen. Wenn wir nur an das glauben, was rund um uns ist, dann passiert etwas, was man Kleinhirnmodus nennt. Dann kennt der Mensch nur noch drei Möglichkeiten: Angriff, Flucht oder Totstellen. Ich wünsche mir das nicht herbei,  sondern möchte das einfach einmal in den Raum stellen. Sagen wir so: Ein Soldat, der auf ein Feuergefecht trainiert ist, wird  nicht erschrecken, wenn ein Schuss fällt, ein normaler Mensch schon. Dann wird er nicht vernünftig agieren. Wenn wir aber vorbereitet sind, wird uns ein Ereignis, egal welches, nicht so hart treffen.

Können Sie ohne das System gut leben?

Da muss man fragen, was das System ist? Ich bin an keine Systeme angeschlossen, die mich fremdversorgen und kann mit meiner Frau ein recht geschmeidiges Leben führen.

Was, wenn ich das geschmeidige Leben auch will und bei Ihnen vor der Türe stehe?

Wenn man eine Alarmanlage haben möchte und in ein Geschäft geht, wird man den Verkäufer  fragen: Welche Alarmanlage soll ich kaufen? Und er wird sagen: „Die Bessere als der Nachbar.“ Damit ist Ihre Frage hoffentlich beantwortet, ohne, dass ich etwas gesagt habe.

Gut, ich komme nicht zu Ihnen. Sie haben aber noch eine Mutter und eine Tochter. Reicht denn das, was Sie haben  für alle?

Für meine Mutter nicht. Meine Mutter ist 85. Es geht ihr gut, sie ist noch selbstständig und ich komme gerade von ihr, weil ich für sie einkaufen war. Aber 85 ist ein stolzes Alter und wenn es vorbei ist, ist es vorbei.  Was meine Tochter betrifft,  lebt sie in einer anderen Welt als ich und wird das auch  weiterleben. Ich würde mir nicht anmaßen, meiner Tochter, die 19 Jahre alt ist, zu sagen, wie sie ihr Leben gestalten soll.

Offenbar sind Sie ein Meister im Loslassen.

Nachdem ich weder meine Mutter noch meine Tochter besitze, brauche ich nix loszulassen. Was haben mich meine Eltern interessiert, als ich  18 oder 19 war?

Man liebt seine Angehörigen aber doch ...

Und deswegen muss ich Ihnen das eigene Leben aufzwingen? Das ist das, was ich von meinen Eltern gehört habe. „Ich meine es mit dir nur gut.“ Das habe ich noch nie zu meiner Tochter gesagt. Ich würde vieles, was sie macht, anders machen, aber es ist gut, wie  es ist.

Was kann diese Krise Positives bewirken?

Die nächsten zwei, drei Jahre können hart werden, aber es können schneller gute Dinge daraus entstehen, als wir gedacht haben. Dass wir über den Zwang zur Mobilität nachdenken oder über den Umgang mit Tieren. Vielleicht schaffen wir es in den nächsten zehn Jahren, einen Fleischersatz herzustellen – für alle, die das wollen – damit  man nicht Abermilliarden Tiere in Konzentrationslagern quälen muss. Und ich wünsche mir wieder wirkliche Meinungsfreiheit. Im Moment leben wir im Meinungsfaschismus. Jeder, der eine andere Meinung hat, ist böse. Man muss dafür kämpfen, dass jeder wieder seine Meinung sagen darf, auch wenn ich diese vielleicht völlig falsch finde. Es ist  durchaus möglich, dass vieles besser wird.

Vielleicht brauchen wir gar keinen Plan B?

Das ist doch vollkommen egal. Ich sitze gerade in Wien im Auto und die Sonne scheint. Angenommen, ich würde heute mit dem Motorrad Richtung Westen fahren und Sie fragen mich: „Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass es in Vorarlberg regnet?“ Es ist wurscht, weil ich hab’ die Regenkombi im Gepäck! Wenn es regnet, ziehe ich die Regenkombi an und sonst halt nicht.

Werden Sie in Ihr aktuelles Stück „Africa Twinis“ für den Herbst Corona einbauen?

Nein, das ist ein Theaterstück. Man lässt das Corona-Virus ja auch nicht in den Hamlet einfließen. Meine Geschichte hat nix mit Corona zu tun. Die einzige Parallele ist die Angst vor der Realität.

Roland Düringer, 56,  wurde 1963 in Wien geboren und absolvierte eine HTL. Er begleitete seinen Vater, einen Garderobier, schon als Kind ins Burgtheater und entdeckte dort seine Liebe zur Schauspielerei. Die Begegnung mit Alfred Dorfer war der Beginn der Kabarett-Gruppe „Schlabarett“, die 1985 mit ihrem ersten Programm „Atompilz von links“ durchstartete. In den 1990ern erlebte Düringer seinen Kabarett-Höhepunkt, machte Erfolgsfilme wie „Hinterholz 8“ und spielte vor Tausenden Menschen. Später begeisterte er mit der Sitcom „MA 2412“ oder dem Kinofilm „Poppitz“. Düringer beschloss allerdings auch, seinem Leben eine neue Richtung zu geben und übte Kritik an der Konsumgesellschaft. Anfang 2013 startete er ein Experiment und stellte sein Leben auf minimale Bedürfnisse um. Das ermöglicht ihm heute, ein autarkes Leben zu führen. Düringer hat eine Tochter (19) und ist verheiratet.

Info: Vor der Corona-Krise stand Roland Düringer mit seinem aktuellen Programm „Africa Twinis“ auf der Bühne.

www.dueringer.at

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