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freizeit Reise
09/04/2020

Wussten Sie, dass man im Baltikum auf Dünen wandern kann?

Im Hafen der Hexen, Dichter und Wanderdünen: Ein Lokalaugenschein auf der Kurischen Nehrung im Litauen.

von Stefan Hofer

Irgendwie weiß man bei Reiseführer Gediminas Gidras nie, wo sein detailreiches Geschichtswissen endet und die litauische Welt der Fantasie beginnt. Besonders hier, entlang des Märchenpfads am Hexenberg südlich der Siedlung Juodkrante. Drachen, Hexen und Teufel bevölkern den Waldpfad – natürlich nur in Form überlebensgroßer Holzskulpturen.

„Bei Hexen wachsen Brennnesseln auf dem Grab, bei guten Feen Blumen“, sagt der studierte Historiker. Schmunzelt, setzt nach: „In Litauen sind die Friedhöfe gepflegt, überall nur Blumen.“ Bei dieser, nicht nur für Kinder, amüsanten Wanderung im Kiefernwald vergisst man fast, dass man sich auf einer außergewöhnlichen Halbinsel befindet – der Kurischen Nehrung.

Eine Nehrung ist ein schmaler, lang gestreckter Landstreifen, im konkreten Fall die 98 Kilometer lange Halbinsel, die Ostsee und Kurische Haff voneinander trennt – und an ihrer schmalsten Stelle nur 380 Meter breit ist. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs gehört der nördliche Teil zu Litauen, der südliche zum russischen Oblast Kaliningrad. Schon früher, seit Mitte des 19. Jahrhunderts, waren Juodkrante und Nida (Nidden) als Bade- und Kurorte über das Baltikum hinaus beliebt.

Ferienhaus eines Nobelpreisträgers

Der bekannteste Sommerfrischler der Region war Schriftsteller Thomas Mann („Buddenbrooks“). Dem Literaturnobelpreisträger gefiel die eigentümliche, mit Ruhe beseelte Landschaft um Nida so gut, dass er sich ein Ferienhaus errichten und möblieren ließ. Allein der traumhafte „Italienblick“ vom höher gelegenen Feriendomizil auf das ruhige Wasser der Kurischen Haff ist einen Besuch wert. Das Glück währte drei Sommer. Thomas Mann konnte diese Aussicht 1932 das letzte Mal genießen. Dann kamen die Nazis, Mann emigrierte, die Familie kehrte nie wieder nach Nida zurück. Nach wechselvoller Geschichte ist das Haus – mit Reed gedeckt und im baltisch-skandinavischen Stil gehalten – heute ein Museum.

Dünenwanderungen

Heute liegt das charmante Fischerdörfchen Nida an der Grenze zum russischen Teil, ist Fixpunkt vieler Baltikum-Reisen. Vor allem die bis zu sechzig Meter hohen, teils unbewachsenen Sanddünen, durch Rodungen und Kahlschlag der Nadelwälder in früheren Jahrhunderten entstanden, locken Urlauber. Früher begruben Wanderdünen sogar Ortschaften, mit Bepflanzungen wurde dies gestoppt. Zugegeben, wer weiß schon, dass man im kühlen Baltikum Wüstenwanderungen auf Dünen machen kann?

Erreicht man Nida per Schiff von der Kurischen Haff aus, rücken am Hafen hinter schicken Booten sofort die liebevoll restaurierten und bunt gestrichenen Holzhäuser ins Blickfeld. In den Lokalen an der Hauptstraße stärkt man sich mit Borschtsch und Cepelinai (gefüllte Erdäpfelknödel). Gidras, in der Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen, erzählt dabei von seiner Kindheit, als er mit der Tante am kurischen Ostseebad Palanga war. Die Sowjets sind längst verschwunden, die Dünen geblieben.

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