Der Miroir d’Eau sorgt zwischen Fluss und Innenstadt für außergewöhnliche Spiegeleffekte.

© Jörg-Brosche Claudia

freizeit Reise
10/17/2020

Stadt, Wein, Fluss: Bordeaux, die Metropole der Lebenslust

Prachtvoll und imperial wie Paris, aber kompakt und überschaubar, grün und umweltbewusst, modern und innovativ am Rand und insgesamt sehr vinophil.

Klar: Wer an  die Stadt Bordeaux denkt, dem kommt Rotwein in den Sinn. Dennoch sollten sich Besucher zunächst dem Fluss zuwenden, an dem die berühmte Weinstadt liegt: der Garonne. Denn alles begann am Wasser: Endlose Reihen von Hafengebäuden und Segelschiffen waren einst die Grundlage des Reichtums. An sich war Bordeaux nichts anderes als ein Atlantikhafen, auch wenn das große Meer hundert Kilometer weiter nördlich liegt. Die geschützte Lage in einer mondsichelförmigen Flussbiegung nahe der größten Trichtermündung Westeuropas erwies sich im Mittelalter einfach als genial. Anno 2020 ist hier längst alles hässliche geschliffen und nichts erinnert mehr an die einstige Plackerei im Port de la Lune, dem Mondhafen. Das große Geld aber, das Wein und Kolonialwaren in die Stadt spülten, spürt man deutlich.

Heute kombiniert Bordeaux an den gut drei Kilometer langen Quais imperiale Pracht und Grandezza mit urbaner Lebensqualität. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: In der Sonne des Südens demonstrieren Flaneure, Liebespärchen, Jogger, Skateboarder und Cityfarming-Hochbeete tief entspanntes Lebensgefühl. Die Großzügigkeit der Parkflächen und Promenaden entlang des Flusses ist erstaunlich. Laut Umfragen hegen rund vierzig Prozent aller Franzosen den Wunsch, in Bordeaux zu leben.

Dahinter die Stadt. Sie weiß, wie schön sie ist – und blickt sich eitel in den Spiegel: In der stolzen 3.450 Quadratmeter großen und zwei Zentimeter tiefen, begehbaren Wasserfläche des Miroir d’Eau verdoppelt sich die Reihe klassizistischer Prachtbauten aus dem 18. Jahrhundert; in ihrer Mitte das zur Garonne hin geöffnete Halbrund des Place de la Bourse, einst Prestige-Königsplatz von Ludwig XV.

Einige Hundert Meter nordwärts (die Richtungsangabe flussaufwärts wäre in Bordeaux verwirrend, denn wegen der Atlantik-Gezeiten schwappt die Garonne abwechselnd in beide Richtungen, mit bis zu fünf Metern Höhenunterschied) wird es noch gigantischer: Der rechteckige Platz der Esplanade des Quinconces ist mit seinem Gardemaß von 126.000 Quadratmetern europäischer Rekordhalter. Flussseitig ragen zwei schlanke Säulen (Handel und Schifffahrt symbolisierend) in den Himmel; Richtung Stadt plätschert der pompöse Girondisten-Brunnen; an beiden Seiten flankieren mehrere Allee-Reihen das Areal. Dazwischen ist: gar nichts! Eine so gewaltige Freifläche im Zentrum muss sich eine Stadt erst einmal leisten.

Vorbei am herrlichen Grand Théâtre gelangt man rasch in die weitgehend autofreie Innenstadt. Sie wurde vorwiegend planmäßig angelegt und gilt mit rund 5.000 klassizistischen Bauten als schönstes europäisches Stadtensemble des 18. Jahrhunderts. Seit 2007 ist Bordeaux, es wundert wenig, UNESCO-Weltkulturerbe. Und zwar mit 1.810 Hektar Fläche eines der größten Welterbe-Areale überhaupt. Seit vor gut zwanzig Jahren die Grauschleier von Ruß und Dreck beseitigt wurden, erstrahlen die Fassaden durchgehend im zartgelben Glanz von Muschelkalk.

Betrachtet der Flaneur die Fassaden genau, entdeckt er eine Besonderheit: die Mascarons. Über Torbögen und Fenstern grinsen Grimassen und Halbplastiken auf die Gasse herab – unter ihnen auch Türken und Afrikaner (als Gruß der einstigen Kolonialzeit) sowie antike Götter wie Bacchus.

Edle Tröpfchen im Glas

Womit wir beim Thema Wein sind. Zwingend ist ein Besuch im Maison du Vin (Weinverband Bordeaux) gegenüber der Tourismus-Info. Im stilvollen Ambiente unter weißem Stuck und farbenfrohen Glasfenstern gibt es 35 Weiß-, Rose-, Rot- und Schaumweine aus den vier Weinregionen des Bordelais zu degustieren – ab zwei Euro pro Glas inklusive Sommelier-Beratung. Im ersten Stock werden in der École du Vin (Weinschule) auch für Touristen önologische Seminare angeboten.  

Zu einem Weinerlebnis der anderen Art führt die ewig bimmelnde, hochmoderne Tram: zur weithin sichtbaren Cité du Vin nördlich des Zentrums. Monumental steht sie seit 2016 am Garonneufer und erinnert mit ihrer Fassade aus geschwungenen Stahl- und Glasplatten an gedrehten Wein im Glas bzw. in der Kostschale. Innen führen Audio-Guides von Station zu Station interaktiv durch die Welt und Geschichte des Rebensaftes. Zum Abschluss gibt’s ein Gläschen im obersten Stock samt Panoramablick.

Wer tiefer in die gepriesenen Tröpfchen des Bordelais eintauchen möchte (übrigens das weltgrößte zusammenhängende Anbaugebiet für Qualitätswein), erreicht innerhalb des Stadtgebiets mit öffentlichen Verkehrsmitteln einige Châteaux, die zur Verkostung einladen.

Bilder: Châteaux in der Stadt

Château Pape Clément: Auf dem Schlossareal regiert Prunk und Reichtum: Eigentümer Bernard Magrez besitzt 42 Weingüter auf der ganzen Welt. Der Schlosspark ist öffentlich zugänglich, dahinter Gemüsegarten und Pferde, mit denen die Gärten bearbeitet werden. Weinshop in historischer Apotheke; fünf Schloss-Gästezimmer (ab 195 Euro mit Frühstück für 2 P.), Weinverkostungen ab 15 Euro. Erreichbar mit Bus 4, 12 oder  24, Tram B oder Schnellbahn TER, chateau-pape-clement.fr

Château Saint Ahon: Im Schlösschen aus rosarotem Backstein (18. Jh.) wohnt Besitzerfamilie De Courcel. Ein  Themenweg (1 km lang) führt um das Weingut, das Maskottchen Esel Mirabel begleitet auf den Schautafeln. Drei Rotwein-Cuvées, ein Rosé und Sonderedition „La P’tite Canaille“ ganz ohne Sulfite. Erreichbar mit Tram C und Bus 22 oder 38, saintahon.com/en

Château Dillon: Weingut des Landwirtschaftsministeriums mit Gymnasium für künftige Weinmacher, untouristisch. In den topmodernen Weinkellern sind viele Schüler am Werk, vom ehemaligen Schloss ist nur mehr eine Ruine über. Kostenlose Verkostungen gegen Voranmeldungen. Erreichbar mit Tram C und Bus 22 oder 38, Info nur über facebook.com/chateaudillon

So prächtig Bordeaux im Zentrum ist, so innovativ und modern zeigen sich die Randbezirke. An die weithin sichtbare Architekturikone der Cité du Vin schließen historische Hafenanlagen an – von der Römerzeit bis zum Zweiten Weltkrieg in Betrieb (heute liegt der moderne Handelshafen weit außerhalb im Norden). Das einstige Schmuddelviertel „Base sous-Marine“ wird nach und nach fein gemacht. So zog in die einstige U-Boot-Basis der Deutschen Besatzungsmacht Ende April 2020 das digitale Kunstzentrum Bassins de Lumières ein. In drei riesigen Hangars mit Wasserbecken wird der Besucher in völliger Dunkelheit mit überwältigenden Sound- und Licht-Installationen angeflasht. Typisch Bordeaux eben!

Klimafreundliche Anreise
Der Hochgeschwindigkeitszug TGV verkehrt in ca. 2 Std. von Paris nach Bordeaux. Wien– Paris per Bahn bestenfalls 11,5 Std. (Umstieg Frankfurt oder Zürich). Tickets z. B. über Ruefa Bahn- und Fährencenter (bahnkarten.at). CO2-Kompensation für Flüge nach Paris (z. B. austrian.com, airfrance.at) etwa 13 €

Schlafen
La Maison Fernand: Bed & Breakfast in Stadthaus aus dem 18. Jh.; ruhige Lage im Zentrum, stilvoll renoviert. DZ ab 120 Euro, Suite ab 150 Euro, Frühstück als Körbchen am Zimmer, bei Schönwetter auf der Dachterrasse, Info: lamaisonfernand.com   

Essen
– L’Air de Famille: Restaurant nördlich des Jardin Public; drei Gänge ab 28 Euro, lairdefamillebordeaux.com
– Echo cave à manger: klein, sehr gemütlich im ältesten Stadtteil Bordeaux’. Offene Küche,  kreative Speisen zu vernünftigen Preisen. Chefin Lea ist Halb-Deutsche und zum Plausch bereit. facebook.com/ echo.caveamanger
– Chez Arcada: raffinierte Gourmetküche mit lokalen Bio-Produkten; drei Gänge um
40 Euro, arcada-restaurant.fr

Auskunft
bordeaux-tourismus.de, bassins-lumieres.com, laciteduvin.fr, at.france.fr/de

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