Moderne Metamorphose: Die Schiffskräne und Lagerhallen werden wieder belebt

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freizeit Reise
01/25/2020

Rijeka: Kulturhauptstadt 2020 - noch „in Arbeit“

Die kroatische Hafenstadt wirkt vor dem Auftakt-Festival am 1. Februar unvorbereitet. Darin liegt jedoch auch ihr Reiz.

von Uwe Mauch

Am „Zuckerpalast“ vis-à-vis vom Bahnhof scheiden sich endgültig die Geister: Hier wirbeln noch immer nur die Bauarbeiter Staub auf, aus welchem sich die PR-Leute am liebsten machen würden. Um sich den bohrenden Fragen der irritierten ausländischen Journalisten zu entziehen.

Das Industriedenkmal, nach dem Partisanen Rikard Bencic benannt, wird als Mutterschiff von „Rijeka 2020“ angedient. Völlig zu Recht: Denn hier beweist eine weder von Reichtum noch von touristischen Attraktionen gesegnete Industriestadt, dass man seine zentrumsnahen Filetstücke nicht zwangsläufig den Immobilienhaien zum Fraß vorwerfen muss. Das ehemalige Fabriksgelände wird für die Bewohner Rijekas zu einem kulturellen Hotspot aufgewertet.

Das Problem ist nur: In sechs Tagen will man sich Europa und der Welt mit viel Feuerwerk als neue Kulturhauptstadt vorstellen. Bis dahin wird kaum eine Baustelle verschwunden sein. Die Stadt ist noch immer „in Arbeit“. Während man in Bad Ischl schon an Konzepten für das Hauptstadt-Jahr 2024 feilt, wirkt in Rijeka vieles als roh und unfertig.

Mischkulanz statt Hochglanz

Wer eine aufpolierte Metropole mit klassischer Kultur, glamourösen Sehenswürdigkeiten und Fünf-Sterne-Restaurants besuchen möchte, wird eine Reise nach Rijeka wohl bereuen. Wer dagegen den Prozess einer abgewirtschafteten Stadt hin zu einem neuen Hotspot auf der europäischen Kultur-Landkarte miterleben will, wird gewiss Gefallen finden.

Rijeka ist ein Geheimtipp für Menschen, die ihre Urlaube nicht im Mainstream verbringen wollen. Während man im Salzkammergut darüber nachdenkt, wie die Touristenströme besser kanalisiert werden können, lautet hier die Frage: Welche Köder legen wir aus, um Urlauber künftig für einen längeren Aufenthalt in unserer Stadt zu interessieren?

Die drittgrößte Stadt Kroatiens macht es einem nicht leicht. Das beginnt bei der klimaschonenden Anreise. Ja, sie dauert auf der in der Kaiserzeit gebauten Südbahn von Wien nach Rijeka mit ein Mal Umsteigen zehn Stunden. Doch die gemächliche k. und k. Verbindung via Ljubljana (Laibach) und Postojna (Adelsberg) durch den Karst sowie der finale Blick über die Kvarner Bucht ist großes Kino.

Freundliche, auffallend weltoffene Menschen wie der Stadtführer Nikola Špehar erwarten ihre Gäste. Sie führen sie zunächst zum Opernhaus am Hafen. Bei ihren Kunden aus Österreich beeilen sie sich zu betonen, dass es von dem in der Monarchie viel beschäftigten Wiener Architekturbüro Fellner und Helmer geplant wurde.

Sieben Reisepässe im „Hafen der Vielfalt“

Von Nikola Špehar wird man kein böses Wort über die Habsburger und die anderen Besatzer hören. Im Gegenteil, der gelernte Funker auf Hochsee-Schiffen erzählt lieber stolz vom „Hafen der Vielfalt“. Und von seiner 104-jährigen Landsfrau, die nunmehr ihren siebenten Reisepass ihr eigen nennt. Sie wurde als Österreicherin geboren, war nach 1918 Kind im Königreich der Slowenen, Kroaten und Serben, galt in der faschistischen Ära als Deutsche, Italienerin sowie Bürgerin der freien Stadt Rijeka. Beinahe ihr halbes Leben verbrachte sie sodann im Vielvölker-Jugoslawien. Seit 1991 ist sie kroatische Staatsbürgerin, seit 1. Juli 2013 auch Bürgerin der EU.

All die Besatzer haben Spuren hinterlassen. In Architektur, Sprache, Kunst und auch im Denken. Ihr kulinarisches Erbe lässt sich sehr fein in den drei historischen Markthallen neben der Oper erkennen. Zusätzlich zum frisch gefangenen Fisch gibt es Fleisch, Wurst und Käse aus dem Karst.

Nur wenige Schritte weiter liegen die Riesenjachten mitteleuropäischer Großindustrieller. Diese schätzen die Stadt Rijeka nicht wegen des nicht vorhandenen Jetsets, mehr wegen ihrer geografischen Nähe und ihres tief ausgebaggerten Hafenbeckens. Sie urlauben nicht hier. Sie treffen ein. Sie gehen an Bord. Sie fahren raus aufs Meer. So wie jene halbe Million Europäer, die zur Jahrhundertwende von Rijeka in Richtung Amerika aufgebrochen ist.

Die Habsburger wollten ihre Hafenstadt in der Kvarner Bucht ausbauen, doch dummerweise haben sie einen Weltkrieg mitverschuldet und dann auch noch verloren. Weit über die repräsentativen Hafengebäude an der Riva und die Paläste am heute autofreien Korzo kamen sie somit nicht hinaus. In den Stadt-Schichten dahinter haben dann die Italiener ihr Fiume errichtet und später Titos Parteigenossen ihren Plattenbau hochgezogen.

„Man sagt, dass Rijeka eine hässlich-schmutzige Industriestadt ist“, räsoniert die angehende Bildhauerin Nika Laginja. „Doch genau das macht ihren Reiz aus.“ Anders als in den traditionsreichen Hochglanz-Metropolen hätten junge Menschen wie sie in diesem Vakuum viel Raum zum Experimentieren.

Im Rahmen von „Rijeka 2020“ wird Laginja vier Kalkstein-Skulpturen im Meerwasser vor dem nahe gelegenen Volosko versenken. „Leben unter Wasser“ nennt sie ihr Kunstprojekt. Der poröse Stein wird Muscheln, Korallen und andere Meereslebewesen anziehen. Die Organismen sollen ganz nebenbei das von den Menschen verschmutzte Wasser reinigen. Was für eine Symbolik! Dass sie ihre Arbeit am Stein erst in diesen Tagen beginnt, passt ebenso ins Bild.

Heavy Metal oder: zurück zum Start

Am Ende kehren Kulturschaffende, Stadtplaner und auch die Flaneure zum Meer zurück: Zwischen dem nicht prosperierendenen Industriehafen, dem alten Bahnhof im Dornröschenschlaf und der von monatelangen Streiks gezeichneten Werft „3. Mai“ sehen sie viel Platz und Potenzial für eine zeitgemäße sanfte Urbanisierung. Viele Bauwerke der Schwerindustrie stehen schon seit Jahrzehnten leer. Dort röhrt bis auf Weiteres Heavy Metal: Es gibt kaum würdigere Locations für die Anhänger schwarzer Bekleidung und deutlich erhöhter Dezibel-Konzerte.

Weiterhin siedeln sich viele junge Menschen in Rijeka an. Seltener als in anderen Teilen Kroatiens klagt man daher über den Exodus der besten Köpfe. „Rijeka 2020“ lässt hoffen – auch die beiden Kunst-Studentinnen Katarina Kožul und Klara Dujmović. Sie arbeiten an einer Installation, die den bisher wenig einladenden Stadtstrand von Rijeka aufwerten soll. Das Kulturhauptstadt-Jahr wollen aber auch sie nicht überbewerten: „Entscheidend für uns wird sein, wie es ab 2021 weiter geht.“ Gute Frage. Rijeka wird jedenfalls auch dann eine Reise wert sein.

Reiseinformationen

Anreise: Mit der Bahn weiterhin eine Weltreise, auch zu teuer, dafür eindrucksvoll. https://www.oebb.at/ Die Busse in und um Rijeka verkehren regelmäßig und auch verlässlich.

Sehenswert: Garantiert 2020 geöffnet: das Seefahrtsmuseum im Gouverneurspalast mit einer Rettungsweste der Titanic und daneben das Naturhistorische Museum mit  feiner maritimer Schau. visitrijeka.eu/de

Gut essen: Frischer Fisch gleich neben der Markthalle: Bistro Mornar, Ulica Riva Boduli 5A. Best of Torte: Cacao, Riva 14

Unterkunft: 5 Sterne in Opatija: https://hotel-navis.hr/de/. Für junge Leute: https://www.botel-marina.com/de/

Auskunft zum Kulturhauptadtsjahr: https://rijeka2020.eu/

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