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freizeit Reise
04/19/2020

Reisen im Kopf: Alles nur eine Frage der Fantasie

Wir träumen uns an die neuen Orte der Stille: von der Inka-Stätte Machu Piccu über Phi Phi Island bis nach Versailles.

von Bernhard Praschl

Atemberaubend, dieser Anblick. Fast lässt er einem die Sinne schwinden, zumindest aber beschleunigt er den Puls. Wäre  auch nicht weiter verwunderlich, immerhin befinden wir uns  in einer Höhe von mehr als 2.400 Metern. In den Anden. Schaut ganz nach Abenteuer aus. Und das mit klingendem Namen. Machu Picchu. Zwischen grünen Berggipfeln breiten sich im Hochland von Peru die Reste einer alten Inkastadt aus.  Neben der Chinesischen Mauer und dem Taj Mahal gilt sie als eines der sieben neuen Weltwunder.

Allein, dass  es möglich war, hier eine solche Menge an Steinen zu schichten und zu schlichten, ist ein Rätsel. Und dann erst diese terrassenförmige Ausdehnung der Ansiedelung. Kein Wunder, dass so viele Menschen diese von Mythen umrankte Attraktion sehen wollen.

Gut eineinhalb Millionen Besucher aus der ganzen Welt zieht es jährlich hierher. Üblicherweise ist dann jeder Pfad von Menschentrauben gesäumt. Von oben schaut das aus wie ein großer Ameisenhaufen. Jetzt heißt es „sorry, we are closed“. Auch in Peru spürt man die Pandemie. So wird die Ruinenstätte  vorerst  für sich alleine gelassen.

Die Schönheit der Leere

Ein Drama für alle, die schon sehr bald diesen Anblick genießen wollten. Für die Natur hingegen ist dieser Re-Start der Welt fast so etwas wie ein Segen. Jetzt kann sie endlich einmal frei  durchatmen, sich hängenlassen, eine Pause einlegen. So  wie viele von uns.     
Bis Machu Picchu 1911 vom US-amerikanischen Archäologen Hiram Bingham für die westliche Welt entdeckt wurde, schlummerte es ähnlich unberührt vor sich hin wie auf unserem Foto. Einfach still und schön. Sogar den spanischen Konquistadoren, die auf der Suche nach dem sagenhaften Gold der Inka waren, blieb dieser Schatz verborgen. In solche Höhen wollten sie nicht vordringen. Filmregisseur Steven Spielberg schon. Er wollte immer zu den Sternen greifen und ließ sich von Binghams Bio zu seinem Indiana Jones inspirieren. 

Für uns hingegen ergibt sich gerade jetzt die Möglichkeit, sich zu Sehnsuchtsorten wie diesen hin zu träumen. Die Visionen lassen sich nicht so einfach aus unseren Köpfen verjagen. Da freunden wir uns lieber mit Gedankentrips an, noch dazu, wo jetzt  allerlei Goodies winken. Denn so menschenleer, wie sie nun sind, entpuppt sich jetzt erst recht die wahre Schönheit  von Attraktionen, die sonst unter großem Andrang  zu leiden haben.

"Landschaften in mir"

Oft genug verdecken Touristenmassen die Sehenswürdigkeiten genau dann, wenn man sie bereist. Da ist es doch besser, man versteht sich auf die Abenteuer im Kopf. 

Der französische Dichter Arthur Rimbaud schrieb im Jahr 1873, also zu einer Zeit, in der es weder Pauschalreisen noch Bonusmeilen gab: „Lange Zeit prahlte ich damit, sämtliche Landschaften in mir zu tragen.“

Wie gut es uns doch heute geht! Dank Google Maps und Google View haben Landkarten schon wieder etwas Exotisches an sich. Und Reisen, ob mit dem Finger auf der Landkarte oder im Traum, wird immer etwas sein, was uns als Mensch auszeichnet. Auch wenn wir mittlerweile nicht damit angeben, weil es selbstverständlich geworden ist.

Dem großen griechischen Held Achill wird ein Satz zugeschrieben, dem selbst nach der kürzesten Reise beizupflichten ist: „Wir dürfen nicht aufhören, Suchende zu sein.“ Klingt ganz nach dem Motto idealtypischer Touristen. Sie nämlich sind immer auf der Suche nach der Erfüllung von Träumen, immer auf der Flucht vor dem Gefängnis des Alltags.  

Das Andere, das hoffentlich Schöne ist es auch, das einst noch jedem Entdecker Beine gemacht hat. Wie sonst wäre es uns möglich gewesen, die entlegensten Pole zu erreichen, die höchsten Gipfel oder eben die vom Dschungel verhüllten Schätze wie Machu Picchu. Sicher, heute schätzen wir eher den Genuss als die Strapaze. Aber dennoch lohnt es, sich einmal  in den Kopf eines Menschen zu versetzen, der dieser Pracht erstmals ansichtig wird.  

Das Entdecker-Gen

Genau zwanzig Jahre ist es her, dass Leonardo DiCaprio einem kleinen Film zu Ruhm verhalf, weil die Landschaft darin noch strahlender dargestellt wurde als der Superstar. Titel dieser Augenweide war „The Beach“. Was sie besonders auszeichnete: die Aufnahmen von einer  thailändischen Trauminsel. 

Aber kaum war der Film ein paar Monate im Kino, war es auf besagtem Phi Phi Island vorbei mit der Beschaulichkeit. Es wollten einfach zu viele Menschen wissen, ob es dort tatsächlich so  idyllisch ist.

Many longtail boats in Thailand, Phi Phi Island

Schuld daran sind wir selbst, besser gesagt: DRD4-7R ist es. In einschlägigen Kreisen bezeichnet man den Dopaminrezeptor des D4-Gens auch als „Entdecker-Gen“. Und dieses ist eben der Motor hinter all den Outdoor-Aktivitäten, zu denen wir uns bewusst oder unbewusst hinreißen lassen.

Aber was heißt da Aktivitäten?  „Action“ ist angebrachter. Und was für eine! Denn immerhin ist dieses Gen verantwortlich dafür, dass es schon längst keine weißen Flecken mehr auf den Landkarten dieser Erde gibt.

Von Christoph Kolumbus bis zum Polarpionier  Roald Amundsen, vom Afrikaforscher David Livingstone bis zum Gipfelkaiser Reinhold Messner tragen es alle in sich: Das „Entdecker-Gen“, das vermutlich auch bei den Reiseprofis unter der Haut verborgen steckt. Denn auch auf Globetrotter, die es im Urlaub eher in die Ferne als ins Gänsehäufel zieht, trifft zu, was sein Entdecker feststellte. „Wir überschreiten Grenzen. Wir dringen in neue Territorien vor.“ So formulierte es Svante Pääbo, Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im Magazin „National Geographic“, dem Fachblatt für Leser, die auf Abenteuer im Kopf abonniert sind.

„Wir haben in nur 50.000 Jahren die ganze Erde besiedelt. Das ist verrückt“, so der gebürtige schwedische Wissenschaftler weiter. „Auf das Meer hinauszusegeln, ohne zu wissen, was auf der anderen Seite ist. Und nun erkunden wir den Mars.  Wir hören nie auf. Warum nicht?“

Weil wir es wissen wollen

Der Drang, über den Horizont hinauszuschauen, liegt uns  im Blut. Nicht allen, aber einigen doch so schwer, dass  sich das Reisen vom riskanten Spleen einiger Privilegierter regelrecht zu einer ganzen Industrie entwickeln konnte.

Umso schwerer ist es jetzt, auf eine neue Disziplin umzusatteln, auf das Reisen im Kopf. Laut dem Psychologen und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann ist das beileibe kein schlechter Tausch. „Dann reisen wir eben statt mit unserem Körper mit unserem Verstand“, meint er.

Fotos beflügeln die Fantasie

In einem Gedankenspiel hat der Wissenschafter herausgefunden, was uns jetzt aus der Patsche hilft: Das Erinnern – an Hand von Fotos etwa – ist unterm Strich wertvoller für unser Seelenleben als das Erleben eines Moments. Glauben Sie nicht? Dann rufen Sie sich in Erinnerung, was Touristen angesichts von Sehenswürdigkeiten am liebsten machen: Fotografieren, statt den puren Anblick einfach zu genießen.

Das Reiseportal „Lonely Planet“ hat sich diese Erkenntnis nun zu eigen gemacht und empfiehlt allen, die jetzt vom Reisefieber gepackt werden, Folgendes. „Genau diese Lust zum Verreisen ist der schönste Feind der Langeweile: Wir verreisen einfach im Kopf – und verleben unsere schönsten Ferien daheim.“

Ein kleiner Schritt für uns, aber ein großer für einen Reisespezialisten.

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