Von der Zeit geformt: Totholz Im Thayatal

© Nationalparks Österreich

freizeit Reise
07/13/2020

Wo Natur Natur sein und bleiben darf

Einen Katzensprung von Wien entfernt wohnt der Artenreichtum: Eine Reise durch drei sehr unterschiedliche Nationalparks – Thayatal, Donau-Auen und Seewinkel.

von Susanne Mauthner-Weber

Das ist der Moment, in dem selbst eingefleischten Forschern die Chemie egal ist: Langsam gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit, als wir um die Ruine Kaja schleichen. Die Stille scheint das Gemurmel des Baches Kaja anschwellen zu lassen, dazwischen hört man die Tiere der Nacht und sieht Glühpunkte. Zuerst so wenige, dass man das Blinken für einen Irrtum hält. Mit jedem Schritt tiefer in den nächtlichen Wald werden es mehr. Am Schluss wird man erzählen, dass Millionen von Glühwürmchen die Mittsommernacht in eine magische Lichter-Show verwandelt haben.

Magische Glühwürmchen-Lichtershow

Das Würmchen, das eigentlich ein Käfer ist

Entspanntes Rumhängen: Die Feldermäuse im Rittersaal

Natur-Reservat: Die Ruine Kaja im Thayatal

Ehe es kitschig wird – vielleicht doch ein bisschen Wissenschaft: Verantwortlich für die Magie im Nationalpark Thayatal ist das Leuchtkäfer-Männchen, dessen Hinterteil blinkt und blinkt und blinkt. Schließlich will der Kerl bei den Mädels landen, denn Leuchtkäfer-Weibchen haben verkümmerte Flügel und können nicht abheben. Also warten sie am Boden, bis ihr Zukünftiger das Licht anknipst. Dann schwenken auch sie ihr Hinterteil wie eine Laterne, bis das Männchen – na ja – gelandet ist. Dahinter steckt Chemie: Leuchtstoffe setzen im Zusammenspiel mit bestimmten Enzymen und Sauerstoff Energie in Form von Licht frei.

Artenvielfalt erleben

Wer sich mit den Rangern im Thayatal gut stellt, erfährt viel über die Artenvielfalt im kleinsten Nationalpark (NP). An Wochenenden sind sie auf der Ruine Kaja und mit ihnen Turmfalke, Siebenschläfer sowie Äskulapnatter. Die Herren im Haus sind aber die Fledermäuse. An der Decke des Rittersaals hängen die Kleinen Hufeisennasen bequem herum. „Sie können durch die offenen Türen und zerbrochenen Fenster kommen und gehen, wie es ihnen gefällt“, erzählt Ranger Bernhard Schedlmayer.

Die Natur Natur sein lassen

Damit sind wir auch schon bei der Nationalpark-Idee: Die Natur Natur sein lassen. „Wenn der Mensch nicht mehr eingreift, passiert wahnsinnig viel“, sagt Christian Übl, Direktor des NP Thayatal. Vom Turm der Burg aus hat man einen grandiosen Überblick über die tief eingeschnittenen Schluchten. Auf den Südhängen dominieren Eichen, auf den Nordhängen Buchen. Hier darf der natürliche Wald zurückkehren, die Fichten werden in den Ruhestand geschickt. Über allem kreist neuerdings wieder der Seeadler.

Das Tal ist vor fünf Millionen Jahren entstanden, weil sich die Thaya ins Gestein des Waldviertels gegraben hat. Auf achtzehn Kilometer Luftlinie dreht der Fluss hier ein paar Ehrenrunden – 44 Kilometer weit. Weil’s so schön ist, sagen die Einheimischen. „Der Eiserne Vorhang hatte ein Gutes“, resümiert Übl: „Die Natur durfte sich über Jahrzehnte unberührt ausbreiten. Je artenreicher, desto stabiler ist ein Ökosystem.“

Der Nationalpark im Nordosten Österreichs ist mit gut 1.000 Hektar der kleinste Österreichs. Trotzdem sind hier 44 Prozent aller Arten Österreichs anzutreffen. Unlängst haben Forscher eine ausgestorben geglaubte Moosart wieder entdeckt. Zwanzig von 28 österreichweit vorkommenden Fledermausarten gibt es hier. Ganz zu schweigen von Smaragdeidechsen und  der Wildkatze, die nach Jahrzehnten wiederauftauchte

Selbes Thema, anderer Schauplatz

Christian Baumgartner stapft voraus durch Totholz, mannshohe Brennnesseln und einen Alt-Arm der Donau. „Schuhe ausziehen!“, lautet das Kommando des Leiters des Bereiches Natur und Wissenschaft im NP Donauauen. Im Dschungel an Land ist kein Weiterkommen. „Das ist der Auwald, wie er sein soll“, sagt NP-Direktorin Edith Klauser, längst auch barfüßig. „Wild und kein Weg.“ Wir lernen, wo wir den Fluss gefahrlos – aber immer noch knietief – queren können. Erfahren, dass es nur Jahrzehnte dauert, bis sich der Fluss die Aulandschaft wieder holt und genau das das Ökosystem erhält: „In hundert Jahren hat hier nur ein Prozent der Landschaftsfläche nicht mindestens einmal zwischen Fluss und Land gewechselt“, weiß Baumgartner. Das funktioniere aber nur, wenn man die Donau renaturiert. Man ist, scheint es, auf einem guten Weg: Mittlerweile kommen Wasserbau-Experten aus aller Welt, um sich den Rückbau anzuschauen. Naturliebhaber und Touristen aus den nahen Ballungsräumen sowieso.

Christian Baumgartner mit Schnecke in der Hand und Füßen in den Donauauen

Schuhe ausziehen! lautete das Kommando

Für Romantiker: Eine Fahrt mit der Tschaike, gebaut nach Plänen aus 1530

Flüchtige Landschaft: Die Donauauen verändern sich ständig

Highlight für Romantiker und Retrofanatiker: Eine Tour mit der Tschaike, einem  ruder- oder segelbaren Donaukriegsschiff, das sich vom Osmanischen Reich  aus verbreitete. Bis zum 19. Jahrhundert waren die schmalen Boote sogar Teil der habsburgischen Donauflotte.

An der Paradeisinsel vorbei

Heute tuckert die Tschaike, die nach Plänen aus 1530 entstanden ist, gemächlich  mit Motor vor sich hin, vorbei an der Paradeisinsel. Den Namen hat sie, weil hier Tomaten-Pflanzen ganz ohne menschliches Zutun aufgehen, Pappeln sowieso und Weiden auch. All die typischen Au-Pflanzen, die nur dreißig bis vierzig Jahre alt werden. Dann schiebt sie der Fluss weg, das Spiel beginnt von vorne. Und das ist gut so. Baumgartner: „Wir wollen, dass diese Umwandlungsdynamik wieder funktioniert und so die Artenvielfalt erhalten.“

Mehr als 7.000 Tier- und Pflanzenarten haben sich im Schutz des Nationalparks gut entwickelt, darunter die  Europäische Sumpfschildkröte, die einzige in Österreich heimische Schildkrötenart, oder die rare   Stammform der Kulturreben mit Namen Wilde Weinrebe. Auch über sechs Seeadler-Brutpaare freuen
sich Naturschützer und Ornithologen 

Und noch einmal:

Selbes Thema anderer Schauplatz

Harald Grabenhofer  befestigt eine quietschgelbe Schleife mit der Aufschrift „Forschung“ am Oberarm, ehe er barfuß mit Kübel und selbst gebastelter Kelle (einer abgeschnittenen Plastikflasche) in die gesperrte Schutzzone des Oberer Stinkersee im NP Seewinkel watet. Zurück an Land, bestimmt er Salz- und Sauerstoffgehalt, Leitfähigkeit, pH-Wert, referiert über Urzeitkrebse als Nahrung für Vögel, bis ihn ein vorbeifliegender Wiedehopf ablenkt und seinen Salzlacken-Vortrag unterbricht. Salzlebensräume sind selten und extrem. Am Neusiedler See gibt es das größte zusammenhängende Binnenland-Salzgebiet Europas – seichte Wannen, die Reste eines Urmeers. Wer es genau wissen will, kann  es sich von den Rangern erklären lassen.

Grabenhofer stapft Richtung Salzlacke

Nimmt mit der selbst gebastelten Kelle ein Wasserprobe

Und bestimmt Salzgehalt sowie pH-Wert

Der Zustand der Lacken ist für die Vögel überlebenswichtig

Die vergangenen 150 Jahre waren für die Salzlacken dramatisch. Nur achtzehn Prozent sind im Vergleich zum Jahr 1858 übrig geblieben,  keine Lacke wird ohne Eingriffe überleben. Und Grabenhofer  von der neuen Abteilung „Monitoring, Forschung und Citizen Science“ hat sich ihrer Erforschung und Rettung verschrieben. „Sie sind so wertvoll, dass wir dafür kämpfen“, sagt er.  „Sie wirken Temperatur ausgleichend. Im Sommer heizen sie sich auf und geben  die Wärme über Nacht an die umliegenden Weinberge ab. Süßwein produzieren wird schwieriger, sollte es die Salzlacken nicht mehr geben.“

Vogelzug

Wegen ihrer Besonderheiten sind die Lacken Raststation für den Eurasischen Vogelzug. Der Nationalpark-Biologe: „Vögel sind bei uns ein zentrales Thema. Knapp 400 Arten sind im Seewinkel nachgewiesen. Zum Vergleich: In ganz Europa – inklusive Kaukasus – gibt es etwa 800.“ Die eigentlichen Stars der Salzlacke sind aber die Kleinkrebse, die das Wasser mitunter rosa färben. Schaut spektakulär aus, ist aber nicht der primäre Grund, warum Grabenhofer der Schutz so wichtig ist: „Keine Lacken – keine Vögel – keine Touristen, kein Geld. Das ist die einfache Rechnung.“

Im Nationalpark Seewinkel sind etwa 360 Vogelarten nachgewiesen, davon etwa 178 Brutvogelarten.  Im Schilfgürtel wohnen Reiher und Löffler, auf den Hutweiden die Großtrappe, in den Salzlacken Wat-und Wasservögel, auf den Sandböden der Wiedehopf, in den Wäldern Singvögel und in den Siedlungen der Weißstorch. Die wahren Stars der Salzlacken sind aber die Kleinkrebse, die  in ihrer Übermacht das Wasser mitunter rosa färben.

Am Wasser

  • Mit Schlauchboot oder Kanu einen Donau-Seitenarm befahren, kann man in Begleitung der Nationalpark-Ranger.
  • Wer nicht selbst paddeln möchte, ist in der historischen Tschaike gut aufgehoben. Auf Anfrage gibt es Brot und Wein (sonn- und feiertags um 14 Uhr).  donauauen.at
  • Übernachten kann, wer mag, im Nationalparkcamp Meierhof  Eckartsau, wo es ein biologisches Labor gibt. camps.donauauen.at 

In der Nacht

  • Auch der Nationalpark Thayatal bietet  einen Wohnmobil-Stellplatz. Den wird brauchen, wer auf nächtliche Pirsch durch den Wildkatzenwald gehen will. Mit Rangern begibt man sich auf einen Forschungsstreifzug mit  Nachtfütterung.
  • Auf der Ruine Kaja (ist am Wochenende geöffnet, Ranger sind vor Ort) bietet Weinbau Rockenbauer auf Anfrage eine Weinverkostung an. np-thayatal.at
  • Was passiert „Wenn es Abend wird im Nationalpark“ erfährt man unter nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at
  • Exkursionen zum  „Leben im Extremen“ gibt  es  am 31. Juli und  22. August
  • Wer es exklusiv möchte: In allen drei Nationalparks kann man seinen  persönlichen Ranger mieten.
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