Zeitkapsel der Monarchie: die Kaiservilla von Franz Joseph I., wohl aus Geldmangel nicht renoviert und daher ein unpackbares Erlebnis

© Tourismusverband Bad Ischl

freizeit Reise
06/29/2021

Bad Ischl: Die Chaiselongue des Kaisers

Bad Ischl ging nicht mit der Monarchie unter. Sondern erst nach der zweiten Hochblüte der Operette. Franz Joseph I. und Sisi sind trotzdem allgegenwärtig. Der Besuch der Kaiservilla ist dringend angeraten.

von Thomas Trenkler

Ein Bücherregal, noch dazu ein bestücktes, ist selten in Hotelzimmern. So will man natürlich, nach dem Testen der Matratze (gut fest!), wissen, was die Direktion anempfiehlt. Darunter den Ratgeber „How To Be A Better Tourist“. Den Band „Menschen Mythen Monarchen in Bad Ischl“ hat man ja erwarten dürfen, nicht aber „Die Villen von Bad Ischl“: Marie-Theres Arnbom erzählt von den Arisierungen in der NS-Zeit – und vom mangelnden Unrechtsbewusstsein der Stadt in der Nachkriegszeit. Das Buch gefiel daher nicht jedem. Denn hier, am Zusammenfluss der Traun und der Ischl, gilt es, den Schein der heilen Welt zu wahren.

Auf die Frage, ob der Handapparat eigens für den KURIER zusammengestellt wurde, antwortet Edwin Gruber, der Hotelier, mit sympathischer Offenheit: Bücher gibt es in der Regel keine, denn sie bekommen gerne Füße. Aber die neuen Zimmer mit Blick auf die Villa Lehár seien kürzlich abfotografiert worden; er hätte schlicht vergessen, die Bände (aus eigenen Beständen) wieder wegzuräumen.

Die Großeltern von Gruber erwarben das Goldene Schiff 1932. Es hat eine lange Geschichte, untrennbar verbunden mit der Salzgewinnung. Denn das Salz, einst fast so wertvoll wie Gold, wurde auf Zillen, also Lastkähnen, von Hallstatt nach Ebensee transportiert. (Auf Anfrage kann man mit Gruber die Traun aufwärts radeln. Denn er ist auch E-Mountainbike-Guide. Der Weg am Ostufer des Hallstätter Sees mit Blick auf Hallstatt ist definitiv ein Erlebnis!)

Ischl war Zwischenstation und hatte eine Saline. Weil Holz immer rarer wurde, verkaufte man die Zillen nicht mehr, sondern ließ sie von Pferden zurückziehen. Beim Traunlidl, Gastwirtschaft seit 1801 samt Stallungen, quartierten sich die „Traunreiter“ ein. Aus ihm wurde später das Goldene Schiff.

Über das Salzkammergut, die private Schatzkammer der Habsburger, könnte man viel erzählen. Denn es war, weil man Spionage befürchtete, Sperrgebiet. Die Arbeiter durften das österreichische Sibirien nicht verlassen – und frönten notgedrungen dem Vereinsleben. So erklärt sich wohl auch das Beharren auf Tracht und Traditionen.

Die Kronprinz-Rudolf-Bahn, 1877 in Betrieb genommen, zerstörte die Geschäftsbasis der Schiffer und Traunreiter. Aber Ischl war längst ein beliebter Kurort geworden. Dies hatte man dem Hofarzt Franz Wirer zu verdanken. (Das monumentale Denkmal mit dem riesigen Schädel demonstriert den Grad der Verehrung.) Er baute ab 1821 die Solebad-Anstalt auf. Und weil es seiner Meinung nach neben Behandlung und Erholung auch Unterhaltung braucht, ließ er nicht nur den Kurpark anlegen und eine klassizistische Trinkhalle errichten (leider nicht ansprechend renoviert), sondern auch ein Theater.

Wirer holte zudem den Wiener Zuckerbäcker und Weinhändler Johann Zauner nach Ischl. Dessen Konditorei soll der Heiratsbasar des Adels gewesen sein. Angeblich habe das Kuren in Ischl auch dazu geführt, dass Erzherzogin Sophie (nach ihr ist die schattige Esplanade benannt) nach etlichen Fehlgeburten schwanger wurde. Sie gebar Franz Joseph, der 1848 den Thron zu besteigen hatte.

Von nun an verbrachte der Kaiser jeden Sommer in Ischl. 1853 lernte er in Ischl Sisi kennen, drei Tage später fand in der Pfarrkirche die Verlobung statt. Darüber zu erzählen, wird man hier nicht müde. „Wir feiern Jahr für Jahr den Geburtstag des Kaisers“, erklärt die Freundführerin, adrett im Dirndl, nicht ohne Stolz. „Und wir singen die Kaiserhymne.“

Authentisch, ramponiert und sensationell

Das dürfte Markus Habsburg-Lothringen durchaus freuen. Er ist ein Ururenkel des Kaisers und bewohnt einen Trakt der Kaiservilla, die weiterhin seiner Familie gehört. Sie war 1854 von Erzherzogin Sophie erworben und von deren Sohn um die seitlichen Trakte erweitert worden. Nach einem vornehm nasalierten „Darf ich Sie begrüßen hier“ kommt der 75-Jährige ohne Umschweife zum Jahr 1918, als die Monarchie endete: „Fast alles wurde kassiert. Ob das rechtens war, wird noch zu klären sein.“ 103 Jahre später? Da staunt man. Und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Weil der Erzherzog seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, dass man „das Reich“ nicht „den Türken oder anderen“ überlassen möge. Und weil fast alles so ist wie im Sommer 1914, als der Kaiser das letzte Mal in Ischl war. Authentisch, ramponiert, zum Glück nicht restauriert.

Man bestaunt die Jagdtrophäen (laut Abschussbuch habe der Kaiser mehr als 50.000 Tiere erlegt), die Sänften (man ließ sich tragen), die Hauskapelle (samt Sisis Sterbekissen) und das Arbeitszimmer mit dem Schreibtisch, an dem Franz Joseph I. am 28. Juli 1914 die Kriegserklärung an Serbien unterfertigte. Das Highlight ist die Chaiselongue mit dem verschlissenen Stoff, über dem eine gehäkelte Decke liegt.

Am Ende des Rundgangs darf man einen Blick in den Speisesaal mit der stilvoll gedeckten Tafel werfen. Das Porzellan ist, so ein Taferl, Eigentum der Republik. Also eine Leihgabe. Welche Schmach!

Mit dem Untergang der Monarchie endete aber nicht die glorreiche Geschichte von Ischl. Denn es begann die Silberne Operettenära. Und Franz Lehár wurde zum Säulenheiligen. Nach ihm benannte man später das zum Kino umgebaute Theater. Es befindet sich heute in einem erbärmlichen Zustand.

Besondere Bauwerke

Fertigteilvilla Blumenthal

Die hölzerne Villa ist weit gereist: 1890 in Berlin gebaut, wurde sie 1893 auf der Weltausstellung  in Chicago präsentiert.  Der Dramatiker Oskar Blumenthal erwarb sie – und ließ sie nahe Ischl aufstellen. Dort schrieb er 1896 das Lustspiel „Im weißen Rössl“.  Erotikverleger Peter Janisch (ÖKM)  hielt sie 37 Jahre lang in Schuss.

Stadtmuseum Hotel Austria

Erzherzogin Sophie wohnte mit ihrem Mann ab 1834 im Haus der Ischler Salzfertigerfamilie Seeauer. Dort lernte Franz Joseph 1853 seine Sisi kennen. Später wurde es zum Hotel Austria, seit 1989 beherbergt es das Stadtmuseum.  Themen: Salz, Kaiser,  Tracht, Operette.  Die Geschichtsschreibung endet – eher befremdlich – in der Zwischenkriegszeit.

Aussichtswarte Siriuskogl

Der durchaus passende Name „Hundskogl“, ein Gupf, soll den Sommerfrischlern zu gewöhnlich gewesen sein.  Man hatscht 20 Minuten hinauf, aber es lohnt sich:   Christoph „Krauli“ Held, ein  wilder Koch mit sozialem Engagement,  kredenzt Köstlichkeiten. Die Aussicht vom Turm, 1885 errichtet, lohnt. Man verlebt eine „kaiserinnenfreie Zeit“.

Klimafreundliche Anreise
Es gibt  die Idee, die Ischler Bahn  (ab Salzburg), 1957 demontiert,  wieder  zu errichten. Einstweilen bleibt nur die  Kronprinz-Rudolf-Bahn ab Attnang-Puchheim. Die Zugfahrt ab Wien dauert zumindest 3:20 Stunden

Übernachten
– Eine gute Adresse ist der traditionsreiche Goldene Ochs (goldenerochs.at).
– Das Goldene Schiff wurde  renoviert und erweitert. Es hat nun fast alles – vom Spa bis zu Toiletten  mit Sitzheizung und Hochstrahlbrunnen.  Nur Pool gibt es keinen, er wurde vom Heimatverein verhindert (goldenes-schiff.at)

Essen & Trinken
Das Café Ramsauer (seit 1826) ist zwar noch älter. An der Konditorei Zauner aber (seit 1832) führt kein Weg vorbei. Es gibt grandiose Mehlspeisen (u. a. den Stollen!) – und zwei Standorte. Dazwischen, „am G-Punkt der Stadt“, liegt das K.-u.-K.-Hofbeisl, nur „Kuk“ gerufen. Da steppt der Bär. Das Essen ist sehr okay

Kulturveranstaltungen
Das vazierende „Festival der Regionen“ findet heuer (bis 4. Juli) – als Vorhut für die Kulturhauptstadt Bad Ischl 2024 – im Salzkammergut statt. Es legt den Finger in die Wunden. Ab 10. Juli feiert das Lehár Festival sein 60-Jahr- Jubiläum – u. a. mit der Operette „Der Zarewitsch“

Website Bad Ischl
badischl.salzkammergut.at

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