© Genève Tourisme/Philippe Vignon/Genf Tourismus

freizeit Reise
07/24/2021

Genf: Wo die Vereinten Nationen baden gehen

Genf ist Europas internationalste Stadt und zugleich eine der teuersten. Doch vieles in der Metropole der UNO und der Uhren, des Business und der Banken kann man auch günstig, manches sogar gratis erleben. Die besten Tipps.

Fürs erste besondere Gratiserlebnis des Tages muss der Genf-Besucher nicht nur morgens, Schlag neun Uhr, pünktlich sein, sondern auch sehr charmant. Und zwar zu einem schlohweißen, kleinen Mann in Windjacke. Sein Schlüssel passt – draußen auf einem Steinsteg im Genfer See – zu einem unscheinbaren Blechkasten. Einmal geöffnet, kommen zwei Schalter zum Vorschein. Der grüne ist auch an diesem Morgen das Objekt der Begierde für sieben Touristen. Sie alle wollen ihn drücken, aber nur einer darf. Marcel hat Geburtstag und damit den entscheidenden Vorteil – der Siebenjährige aus Zürich presst seinen Daumen fest auf den Druckknopf. Eine Sekunde später zischt und spritzt es aus einem weißen, helmartigen Plattform in etwa zweihundert Meter Entfernung. Dann schießt dort eine 140 Meter hohe Wasserfontäne gen Himmel – Genfs Wahrzeichen „Jet d’Eau“. Es einmal anschalten zu dürfen, das wünschen sich viele Genfer; für Gäste ein Geheimtipp.

„Mit 200 Kilometer pro Stunde saust das Wasser aus der Düse“, erklärt Antonio Dell’Acqua, der Mann mit Fontänen-Schlüsselgewalt. Abwechselnd mit anderen ehrenamtlichen Jet d’Eau-Aufsehern kommt er jeden Morgen her und sorgt dafür, dass 500 Liter von Genfs Seewasser pro Sekunde in die Luft geschossen werden. Anschließend holt der Wasserwerksveteran sich ein Baguette vom Bäcker und überwacht den ganzen Tag seinen Strahl vom kleinen Büro am Seeufer aus, mit erfahrenem Blick auf Messgeräte und aus dem Fenster. Zu starker Wind drückt das Fontänen-Wasser auf das Ufer, dann muss Antonio den Jet d’Eau abschalten. Heute hingegen pustet ein nur laues Lüftchen die Wassersäule zu einer Art feuchtem Schleier auseinander, der sich vor der Stadt-Silhouette ausbreitet.

Passt gut zu den dahinter verschwindenden, diskretesten Orten dieser diskreten Stadt: Verzuckerte Grandhotels, glitzernde Banken-Quader, vornehme Mode- und Uhrensalons. Schillernd: Das „Beau Rivage“, 156 Jahre altes Fünf-Sterne-Haus und nach wie vor im Privatbesitz. Hier kostet die Nacht ab 500 Euro, gratis hingegen ist der Blick hinein ins immer noch plüschige Ambiente. Es gefiel offenbar zwei prominenten Gästen, die beide hier starben: Kaiserin Sisi – 1898 erstochen vor der Tür von einem Anarchisten und Uwe Barschel, 1987 tot aufgefunden in der Badewanne von Zimmer 317.

Völkerverständigung

Beim Flanieren ums Seeufer präsentiert dieses sich als Mini-Strand (am Quai Gustave Ador, gratis), After-Work-Bar mit Grill und Cocktails (Quai du Mont-Blanc, preiswert), Open Air-Kino (Parc Mon Repos, gratis) und Schlender-Promenade am Quai Wilson. Ab 1920 tagte hier der in Genf gegründete UNO-Vorläufer Völkerbund.

Vor seinem wuchtigen Palast gehen heute die Vereinten Nationen baden – im Bains des Paquis, einer Schwimmanstalt im Look der Fünfziger: Araber, Asiaten, Afrikaner und Amerikaner – offenbar aus allen 194 in Genf vertretenen Ländern planschen hier Menschen friedlich zusammen. Ihre Mode, Musik und Sprachenvielfalt scheint an Haltestellen, in Cafés und Kaufhäusern auf – einfach überall in dieser stellenweise grauen 200.000-Einwohner-Stadt und macht sie so zur bunten Weltstadt und zum attraktiven Sitz für mehr als 200 internationale Organisationen.

Eine davon ist das Internationale Rote Kreuz. Ebenfalls in Genf erfunden, präsentiert es seine unermüdliche Hilfsarbeit in einem berührenden Museum. „Bitte-nicht-Berühren“-Schilder gibt’s nicht, sondern die Chance, sich selbst in den Rot-Kreuz-Alltag hineinzuarbeiten, etwa bei der aufwendigen Suche nach vermissten Menschen. Und bei der Begegnung mit Najmuddin Helal, der in Afghanistan beide Beine bei der Explosion einer Landmine verlor, oder Emanuel Jal, dem sudanesischen Kindersoldaten. Die beiden und zehn weitere Menschen erscheinen lebensgroß auf Bildschirmen. Wer sie berührt, dem erzählen sie per Video ihre Geschichte und wie das Rote Kreuz ihr Leben wieder erträglich machte.

Rolex, Patek Philippe, Vacheron Constantin – dass in Genf viele Top-Uhrenhersteller sitzen, daran ist Johannes Calvin schuld, sagen Historiker. Vertrieben aus dem benachbarten Frankreich lebte und lehrte der neben Martin Luther wohl bekannteste Kirchen-Reformator ab 1541 dauerhaft in Genf und predigte Ehrlichkeit, Fleiß, Sparsamkeit, Disziplin und den völligen Verzicht auf Luxus. In seinem Genfer Katechismus riet er Schmuckherstellern, in die Uhrenproduktion zu wechseln, was viele taten – auch aus Angst vor Calvin, der wegen seiner Radikalität rückblickend auch als „Taliban von Genf“ bezeichnet wird. Ungewollt hat der Schmuckverächter so erreicht, dass Uhren zu Schmuckstücken wurden – eingebaut in Halsketten, Amulett-Dosen oder Parfüm-Flakons. Zu besichtigen während einer Zeitreise durch die Genfer Uhrmachergeschichte im Patek Philippe-Museum. Dass Calvin auch seine eigene Kirche von jeglichem Tand befreite, ist in der Kathedrale St. Pierre zu sehen. Hinter dem wuchtig-antiken Säulenportal nichts als nackte, graue Wände. Wer auf den Turm steigt, findet das Örtchen mit dem besten Blick über Genf: die ehemalige Türmer-Toilette. Um die Kirche herum steile Kopfsteinpflastergassen, Markisen-verzierte Brasserien und Monsieur Juliens herrlich unaufgeräumtes Antiquariat – Genfs winklige, gemütliche Altstadt könnte ein französisches Dorf sein, mit dem Place du Bourg als dreieckigem Platz für eine Kaffeepause.

Raus nach Carouge

Und abends? Lieber nicht in eines der zumeist überteuerten Restaurants an der Rhone oder im Ausgeh-Stadtteil Paquis, sondern raus mit der Straßenbahn (Hotels bieten kostenlose Tagestickets) nach Carouge. Zum Kanton Genf gehörend, ist die italienisch anmutende Gemeinde mit verwitterten Fensterläden, Piazza und schaulaufenden Großfamilien einen Ausflug wert. Wegen der Läden zum Stöbern, der preiswerten Lokale und „Gelato Mania“, der Eisdiele mit der Kult-Kugel: Ananas-Basilikum.

Klimafreundliche Anreise
Austrian Airlines und Swiss bieten von Wien gute Verbindungen an. CO2-Kompensation via climateaustria.at:  7 €

Übernachten
… ist extrem teuer in Genf, durchschnittlich 250 € pro Nacht. Zentral und günstig:
– City Hostel (DZ ohne F ab 81 €, cityhostel.ch)
–  Hotel de Geneve (DZ/F ab 96 €, hotel-de-geneve.ch)
Genfer Hotels geben beim Check-in kostenlose Tickets für Bus, Bahn und Fähren aus

Essen und Trinken
– Zum Brunch: Coup de Girafe
– Das beste Eis hat Gelato Mania (gelato-mania.ch).   
– Abends unschlagbar:  Die Tapas-Platte im Musikclub Chat Noir (chatnoir.ch)

Einkaufen
 Am besten abseits der Luxusmeile Rue du Rhone, viele individuelle, kleine Läden machen Lust auf’s Bummeln und Shoppen.
– Beste Genfer Confiserie bei Arn (swisschocolates.ch), Auer ( chocolat-auer.ch) oder Pascoet (pascoet.ch)

Erleben
– Einschalten des Jet d’Eau täglich, 9 Uhr, gratis, Steg am Quai Gustave Ador, Nr. 24
– Seebad Bains des Paquis,  bains-des-paquis.ch
– Rotkreuz-Museum, redcrossmuseum.ch.
– Patek Philippe-Museum,  patekmuseum.com

Allgemeine Infos
 Der Geneva-City-Pass (ab ca. 24 €) bietet oft kostenlosen Eintritt o. Vergünstigungen, geneve.com

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