© Stefan Hofer

freizeit Reise
07/25/2021

Küste voller Wunder: Eine Reise durch den Westen der Türkei

Von der Millionenstadt Izmir über Küstendörfer bis zur antiken Stätte Ephesos und den Stränden auf der Halbinsel Bodrum: Ein Reise durch den vielfältigen Westen der Türkei.

von Stefan Hofer

Mit offenen Armen und einem Lächeln schmettert mir Reiseführer Mesut ein „Willkommen in der Stadt der Ungläubigen!“ entgegen. Hier, am zentralen Konak-Platz in der türkischen Millionenmetropole Izmir, wirkt dieser Satz doch recht ungewöhnlich: Nur wenige Minuten später wird der Muezzin an diesem drückend heißen Sommernachmittag die Gläubigen zum Gebet rufen. Fünfmal am Tag erschallen auch hier die Rufe über einen Lautsprecher – der Sound des Islam. Wie meine er das also mit den Ungläubigen? Naja, politisch! „Niemals würde in Izmir die jeweilige Regierungspartei gewählt werden.“ Folgende Begebenheit passt ins Bild: Im Frühjahr 2020 haben Hacker aus mehreren Moscheelautsprechern in Izmir statt des Gebetsrufes das italienische Widerstandslied „Bella Ciao“ erklingen lassen. Die Regierungspartei AKP war von der Aktion freilich wenig angetan.

Ganz unabhängig von solchen Aktionen gesteht Mesut (und er lebt in Istanbul): „Izmir ist meine Lieblingsstadt. Die Menschen genießen es, gleich an der Ägäis zu sein.“ Die Provinzhauptstadt liegt rund 330 Kilometer bzw. drei bis vier Fahrtstunden südlich von Istanbul. Klima, Natur und Essen seien hier wunderbar, schwärmt Mesut. Um letzteres zu probieren, schlendern wir durch den belebten Basar, in dessen engen und verwinkelten Gassen man als Tourist ob des Schauens und Staunens und die-Nase-in-duftende-Gewürzsäcke-Steckens schnell die Orientierung verliert und nach dreimal um die Ecke biegen plötzlich wieder vorm selben Gewürzhändler steht. Aus Erfahrung vereinbart Mesut vorab den Uhrturm am Konak-Platz (Bild oben), das Wahrzeichen der Stadt, als Treffpunkt für danach.

Mesut – Türke mit bulgarischen Wurzeln, fünfzig Jahre jung, glücklich verheiratet, Vater eines Teenagers – spricht perfekt Deutsch. „Ich bin in Stuttgart aufgewachsen, lebe seit 1982 in der Türkei“. In Istanbul habe er eines der damals drei deutschen Gymnasien besucht, dann Germanistik studiert. Der Weg zum Reiseführer für (nicht nur) deutschsprachige Touristen war sozusagen programmiert. In Österreich sei er übrigens auch schon gewesen, habe türkischen Urlaubern die Alpen gezeigt.

Weltlieferant von Marillen und Pistazien

Mitten im Basar, vor einem Obststand mit Marillen – „schau hier: frische, sonnengetrocknete und geschwefelte“ –, betont Mesut die Bedeutung des einstigen Smyrna, so hieß die von den Griechen begründete Stadt in der Antike. Der Golf von Izmir und das fruchtbare Hinterland sorgten schon damals für regen Handel mit Hethitern und Römern. Und nun strömen Istanbuler und ausländische Touristen hierher, um süße Feigen und Honigmelonen, köstliche Maulbeeren und Oliven an der türkischen Westküste zu genießen. Bei den Marillen sei die Türkei mit Abstand der größte Produzent der Welt, bei Pistazien sei man drittgrößter Lieferant für den Weltmarkt und bei der Herstellung von Olivenöl liege das Land ebenfalls im internationalen Spitzenfeld. „Im 19. Jahrhundert, zur Zeit des Osmanischen Reiches, hat man herausgefunden, dass das Klima hervorragend für Baumwolle ist.“ Kurzum, ein Garten Eden. Apropos Bibel. Was Europäer oft vergessen: Kleinasien spielt eine große Rolle in der christlichen Religion. In der heutigen Türkei gibt es mehrere Städte, die im Alten Testament (in der Offenbarung von Johannes) erwähnt werden, etwa Smyrna und auch Ephesos.

Von Göttern und Speisen

Ein weiterer beliebter Treffpunkt in Izmir ist der Konak Pier, eine angesagte Ausgehmeile mit Fisch-Restaurants und Cafés und schönem Blick auf die Bucht. Ein Gericht wegen des (günstigeren) Preises auszuwählen, sei verpönt. „Unsere Mentalität: nicht auf die Speisekarte schauen!“, sagt Mesut. Man wisse, was man ungefähr essen will, und so wisse man auch, was man am Ende bezahlen müsse. Und oft sei man sowieso schon nach den reichhaltigen türkischen Vorspeisen-Tellern satt. Weitere Faustregel: „Je mehr du die Finger benutzt, desto besser schmeckt das Essen.“ Eines seiner Lieblingsgerichte ist Tarhana, eine in der Türkei typische Suppe. „Bei meiner Mutter kommt da Milch und Käse rein –, aber jede Familie bereitet diese Nomadensuppe anders zu.“ Und an den – für manchen Gaumen picksüßen – Desserts komme man nicht vorbei.

Bevor es nach den kulinarischen Genüssen nun weiter in den Süden geht, folgt ein Abstecher nach Çeşme. Der boomende Urlaubsort auf der Halbinsel westlich von Izmir am ägäischen Meer lockt die Städter mit kristallklarem Wasser und guten Tauchsportmöglichkeiten. „Hier in der Ägäis wird es im Sommer natürlich auch heiß –, aber dann kommt die Brise vom Meer und macht es erträglich.“

Eine Autostunde südlich von Izmir wartet dann ein Highlight dieser Tour: Ephesos, eine der bedeutendsten Städte des Altertums, die mit dem Heiligtum der Artemis eines der Sieben Weltwunder der Antike besaß (das heute nicht mehr existiert). Hierzulande ist Ephesos so bekannt, weil vor gut 125 Jahren österreichische Archäologen den Spaten hier ansetzten. Die Auferstehung als Ruinenstadt und ihre Anziehungskraft für Reisende begann spätestens in den 1950er-Jahren mit der Freilegung der Kuretenstraße, die zur Celsus-Bibliothek führt.

Das Österreichische Archäologische Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften trägt seit Jahrzehnten mit seinen Ausgrabungen und der Aufarbeitung der Funde maßgeblich zum neuen Glanz bei (auch wenn diese in der Pandemiezeit auf Eis liegen). Viele Objekte können Interessierte im Ephesos-Museum im Kunsthistorischen Museum in Wien bestaunen.

Nächste Station: Kuşadasi. „Der Badeort war in den 1970er- und 80er-Jahren bei den Türken sehr beliebt“, erzählt Mesut. Jetzt sei das gehobene Klientel nach Bodrum und Çeşme weitergezogen. Aber Kuşadasi sei billiger – „und in einer Stunde ist man mit der Fähre drüben in Samos“. Zudem laden die palmengesäumte Strandpromenade, ein netter Stadtstrand und feine, kleine Lokale wie das familiengeführte „Bottarga“ zum Flanieren und Verweilen ein.

Einst Johanniter, nun Jachten

Von Kuşadasi sind es rund zwei Stunden Autofahrt nach Bodrum. Dass ihn diese Tour entlang der Westküste am Ende hierher führt, freut den Istanbuler. Die Halbinsel Bodrum sei das liebste Sommerreiseziel seiner Landsleute, und „Türken fahren ja niemals zum Strandurlaub in ein anderes Land“, sagt Mesut und lacht. „Die Türken, die es sich leisten können, haben hier Sommerhäuser“; er zeigt beim Vorbeifahren auf die Hügellandschaft, die mit älteren und neueren, mehr oder weniger stilvollen Residenzen übersät ist. „Alles Sommerhäuser, im Winter lebt hier üblicherweise niemand.“ In der Pandemiezeit habe sich das ein wenig geändert, viele waren auch im Winter in ihrem Sommerhaus, die Häuserpreise seien zuletzt stark gestiegen.

Mit dem Mausoleum in Halikarnassos besaß auch Bodrum ein Weltwunder. Die Johanniter bauten später aus den Steinen des Mausoleums das monumentale Kastell St. Peter. Von dieser Burgruine hat man einen fantastischen Blick auf den Bodrumer Jachthafen.

Auch Mesut kommt mit Frau und Nachwuchs jeden Sommer hierher und mietet sich gemeinsam mit befreundeten Familien für eine Woche ein Segelboot. „Wir fahren in kleine Buchten, wo wir ganz ungestört sind.“ Gedanklich sitzt Mesut wohl schon am Steuer eines dieser Holzboote, die im Hafen liegen.

Klimafreundliche Anreise
Mit Turkish Airlines von Wien nach Izmir über Istanbul ab rd. 390 €. -Kompensation via climateaustria.at: 8 €

Übernachten
– 5* Renaissance Izmir Hotel (mariott.com)
– 4* DoubleTree by Hilton Hotel in  Kusadası (hilton.com)
– 5* Kefaluka Resort Hotel, Bodrum (kefaluka.com)

Essen & Trinken  
– Urla Vineyards in Urla
– Artemis Restaurant,  Sirince
– Bottarga Restaurant in Kusadasi
– Marina Restaurant, Bodrum

Allgemeine Infos
– Destinationen: goturkiye.com
– Flüge: turkishairlines.com/de
– Infos zur Einreise: Türkische Botschaft in Wien, Prinz-Eugen- Straße 40, 1040 Wien 

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