© ARGE Dampfross & Drahtesel

Reportage
05/11/2020

Ein Radausflug aufs Land (fast) wie damals

Der familienfreundliche „Dampfross“-Radweg führt zügig in eine andere, deutlich entschleunigte Welt: ins Weinviertel.

von Uwe Mauch

Fünfundzwanzig Promille Steigung! Der Schauspieler Wolfgang Böck, der für unsere Ohren heute den Schaffner mimt, gibt zu bedenken: „Die Steigung vom Wiener Heurigenort Stammersdorf auf den Rendezvousberg ist zu vergleichen mit der Steigung der Bahnstrecke auf den Semmering.“

Immerhin findet die Steigung bereits an der Stadtgrenze ihr Ende. Lokomotive fährt auch keine (mehr). Ausflugsradler schnaufen statt ihr, folgen dabei dem neu adaptierten und mit Ausnahme der ersten 800 Meter wenig anstrengenden Themenradweg Dampfross & Drahtesel.

Mit der „Bauernbahn“

Über unsere Mobiltelefone verfolgen wir weiter, wie uns der Schaffner des ersten akustischen Radwegs Niederösterreichs über die historische Bahnverbindung von der Wiener Innenstadt bis nach Stammersdorf, und von dort weiter in eine Gemeinde namens Auersthal führt.

Bauernbahn“ wurde diese Regionalbahn einst genannt. Weil die Bauern mit ihr in die Stadt fuhren, um ihre landwirtschaftlichen Produkte zu verkaufen. Nach den Kriegen transportierte sie auch Not leidende Städter, die sich „am Land“ Grundnahrungsmittel besorgten.

Erster Halt: Hagenbrunn. Dieser Radweg vor den Toren Wiens bietet sofort Urlaub für die Augen: mit Feldern soweit das Auge reicht. Um jetzt ganz ehrlich zu sein: An dieser Stelle sieht man noch eine Shopping City und diverse Postpackerlverteilungszentren im Hintergrund.

Doch spätestens beim Bahnhof Großebersdorf und dem anschließenden „Tunnel“ aus Bäumen und Sträuchern verschwindet die urbane Hektik endgültig aus dem Rückspiegel. Ungefähr hier zieht auch der Wiener Kulturwissenschafter Matthias Marschik seine real existierende „Grüßgrenze“. Tatsächlich bewegen wir uns ab hier nicht mehr anonym fort. „Grüß Gott“, rufen ältere Fußgänger. Mit „Seavas“ sind entgegenkommende Radler flott beim Du.

Vom Bahnhof Obersdorf konnte man noch bis Dezember des Vorjahrs nach Groß-Schweinbarth mit der „Bauernbahn“ fahren. Gras wächst jetzt über das Gleis. Und man darf hier schon fragen, warum Niederösterreich noch immer Autobahnen baut und zugleich eine Nebenbahn nach der anderen schließt.

Immerhin bietet der Radweg Trost: In Pillichsdorf kann die Familie vom Alt-Bürgermeister Gössinger sogar in Coronazeiten den Flüssigkeitsbedarf der Radler abdecken. Ein Flascherl vom roten Traubensaft aus biologischem Anbau kostet wohlfeile 3,30 Euro – und das auch am Sonntag.

Im Nachbarort Großengersdorf kann man sich wiederum im Hof der Familie Schramm die Radtaschen mit Bioprodukten vollpacken. Zum Beispiel mit frischem Salat, festkochenden Erdäpfeln, geschälten Hanfnüssen, Pfefferminze oder Drachenkopföl.

Vor Bockfließ lassen die kleinen Bohrtürme der Österreichischen Mineralölverwaltung erahnen, was das Weinviertel neben der Landwirtschaft jahrzehntelang genährt hat. Die Windräder daneben weisen den Weg zurück in die Gegenwart.

Hinter Bockfließ geht es weiter über gut ausgebaute Gemeindewege nach Strasshof – was dem langen Atem von Menschen wie Christian Schrefel zu verdanken ist. Der Verkehrsplaner hat die Verlängerung dieses Radwegs immer im Auge behalten – und nach unzähligen Ortsverhandlungen auch erreicht.

In Strasshof ist der Besuch des Eisenbahnmuseums zu empfehlen, so es denn wieder seine Pforten öffnen darf. Noch einmal begegnen uns im und um das Heizhaus alte Dampflokomotiven, wunderbar renoviert von gut hundert Enthusiasten.

Alle, die nach dreißig Kilometer im Sattel genug haben, können hier in eine Schnellbahn steigen. In weniger als einer halben Stunde sind sie zurück in der Wiener Innenstadt. Die anderen radeln vorbei am Bahnhof Deutsch-Wagram, der an die erste Bahnstrecke Österreichs erinnert (sie wurde 1837 feierlich eröffnet), und von dort zur Mündung des Marchfeldkanals in den Russbach.

Über die „Grüßgrenze“ heim

Der Marchfeldkanal ist heute weit mehr als nur Ingenieursleistung, er bietet auch viel Flora und Fauna. Ein hier nicht ganz unbekanntes Naturphänomen – der Westwind – fordert von den Radlern auf ihrer letzten Etappe bis zum Tourziel in Stammersdorf noch einmal eine kleine Kraftanstrengung.

Herzlich willkommen! Gleich hinter Gerasdorf hat sie die Stadt wieder. Viel zu schnell werden sie merken, dass die Menschen hier nicht mehr grüßen.

Reise-Infos

Die Rad-Rundtour: Von Stammersdorf führt die 50-Kilometer-Runde via Großebersdorf, Bockfließ, Strasshof zurück nach Wien. Den Schaffner Böck kann man an den Stationen mit QR-Code sowie auf der Website hören: https://www.dampfross-drahtesel.at/

Biologisches: Weine und Säfte von Familie Gössinger in Pillichsdorf, Wiener Straße 23;
Bio-Produkte von Familie Schramm in Großengersdorf,
Hauptstraße 139

Eisenbahnhistorisches: Öffnungszeiten des Museums in Strasshof: https://eisenbahnmuseum-heizhaus.com/de/

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