© Sepp Puchinger

freizeit Reise
11/22/2020

Die Insel Rodrigues: Ganz jenseits von Afrika

Kreolisches Leben, romantische Buchten, dazu grüne Kuhwiesen vor tieftürkisem Ozean – die winzige Vulkaninsel Rodrigues liegt sehr weit im Indischen Ozean. Wir kennen einen, der dort war: Notizen aus einer ziemlich versteckten Welt.

Die Frau ist unüberhörbar: „Willkommen am Ende der Welt an unserem Secret Place. Wir gehören zwar zu Mauritius und werden von dort verwaltet, aber bitte vergleiche uns nicht mit der Heirats- und Luxusinsel. Unser einhundertacht Quadratkilometer kleines Eiland ist gänzlich eigenständig, auch unser Kreol ist anders.“ So begrüßt uns Madame Baptiste am winzigen Flughafen und kurvt mit uns über die Insel zur Unterkunft. Die Lage ihrer Villa La Belle Rodriguaise mit den Bungalows ist grandios – an einem Berghang gelegen mit 5-Sterne-Blick auf den türkisen Indischen Ozean. Der ist übrigens an der Südseite immer sehr bewegt, Rodrigues gilt unter Kitesurfern als windsicherer Hotspot. „Die Schätze unserer Insel sind still und verborgen, sie werden nicht beworben, ihr müsst sie entdecken. Schaltet sofort einen Gang runter, wir leben hier alle relaxed – ohne Shoppingmalls, All-inclusive-Hotels oder exzessiver Unterhaltungsindustrie. Die Leute sind freundlich, jeder kennt jeden, Kriminalität gibt es also kaum.“ Klingt verlockend.

Die Trauminseln auf der afrikanischen Seite des Indischen Ozeans kennt jeder. Die ursprüngliche Insel Rodrigues östlich von Mauritius aber hütet ihre Geheimnisse, die feinen tropischen Strände und den urigen kreolischen Lifestyle. Natürlich stelle ich die Frage, wie man sich auf einer so kleinen Insel, fünfhundertsechzig Kilometer östlich von Mauritius und Tausende von den nächsten größeren Landmassen entfernt, zu Hause fühlen kann? „Es ist einfach eine andere Qualität des Lebens. Geh auf Entdeckungsreise, du wirst staunen“, folgt als Antwort.

Also gehe ich.

Herumkommen: Mit Pick-up, Bus oder zu Fuß

Zu Fuß

Sowohl die Inselhauptstadt Port Mathurin als auch die vielen Küsten und Strände lassen sich am eindrücklichsten zu Fuß gehend erleben – das Eiland ist nur neunzehn mal neun Kilometer groß. Viel Kontakt zu den herzlichen Einwohnern in ihrem Alltagsleben und grandiose 5-Sterne-Ausblicke sind dabei garantiert, das Wetter spielt meistens mit.

Mit dem Pick-up

 Die Straßen auf Rodrigues sind oft nicht asphaltiert, daher ist ein robuster Mietwagen zu empfehlen. Mit dem erlebt der Reisende eine idyllisch ruhige und in sich ruhende Inselwelt, ein „Klein Mauritius vor fünfzig Jahren“ – diesen Vergleich hören manche Einheimische allerdings gar nicht gerne. Variante: Per Autostopper auf der Ladefläche mitfahren.

Mit dem Bus

Wer mit den lokalen Bussen reist, erlebt den Alltag von Rodrigues am besten. Nur wenige der eher ärmlichen Insulaner haben ein eigenes Auto, das Leben findet vor allem auf der Straße und damit auch in den Bussen statt. Hier spürt man die Seele der Insel und erntet viel Lächeln und Interesse der Einheimischen.

Vergessen im Ozean. Vermutlich wussten arabische Sklavenhändler von der Insel, namensgebend war jedenfalls 1528 der portugiesische Entdecker Diego Rodrigues. Das war es dann aber auch schon. Kein Gold, keine Gewürze, keine Sklaven – Rodrigues blieb ein unentdecktes Geheimnis. Bis hier 1691 einige aus Frankreich vertriebene Hugenotten landeten und einen kleinen Garten Eden vorfanden. „Es gab alles hier, fruchtbare Erde, tropische Früchte, Frischwasser und die Schätze des Meeres“ erzählt Madame und lächelt verschmitzt. „Aber es waren nur Männer – ohne Frauen! Daher reisten sie weiter, wurden in Mauritius gefangen genommen und nach Südostasien deportiert.“

Ihr Chef François Leguat überlebte und beschrieb den Rodriguesaufenthalt ausführlich. Er berichtete von den riesigen Landschildkröten und dem sagenhaften Vogel Solitär. Obwohl Plantagenwirtschaft kaum möglich war, wurde in den Jahrhunderten ein Großteil des Regenwaldes gnadenlos gerodet. Heute leben 42.000 Insulaner von Ackerbau, Viehzucht, Fischfang und ein wenig Tourismus. Der multikulturelle Mix von Kreolen, Afrikanern, Chinesen, Indern und Europäern ist harmonisch, erst nach 1970 wurde die Insel elektrifiziert und per Flugzeug mit der Welt verbunden.

Roadtrip um die Insel. „Du bekommst einen Pick-up, bei uns sind nicht alle Straßen asphaltiert“, sagt François von der Mietwagenfirma. „Aber die Distanzen sind kurz. Cruise genüsslich durch die Insel, nach drei Tagen hast du die Highlights gesehen. Und dann geh an den Stränden wandern und genieße den verträumten Inselalltag.“ Bereits nach wenigen Kilometern entlang der Nordküste staune ich über die Kontraste. Während an der Anse aux Anglais Bilderbuchlandschaften mit Palmen samt Stränden zum Bleiben einladen und im netten Le Marlin Bleu ein herzhaftes Oktopus Curry serviert wird, wähnt man sich einige Kilometer westlich mit auf Wiesen weidenden Kühen auf den schottischen Hebriden. Im Landesinneren lohnt bei der Rückfahrt der Besuch der wuchtigen St. Gabriel Kirche inmitten tropisch wuchernder Landschaft und der kurze Spaziergang auf den fast vierhundert Meter hohen Mont Limon mit Rundumblick.

Samstagsmarkt in Port Mathurin. Die Hauptstadt, die man Matschrijn ausspricht, ist ein größeres Dorf im englischen Reißbrettstil mit bunten Häuserzeilen, einem kleinen Hafen mit der Statue vom ausgestorbenen Vogel Solitär und spürbar kreolischem Spirit. Der ist am Samstagsmarkt am schönsten zu erleben, in der Halle und an Straßenständen trifft sich die halbe Insel. Dort gibt es auch Chili-Chutney, Honig und die inseltypischen Strohhüte als Souvenir.

Jurassic Park. „Früher bevölkerten Tausende Riesenschildkröten unsere Insel, dann wurde ihr Fleisch an Seefahrer und Piraten verkauft, bis die Tiere ausgerottet waren. Aber auf den Seychellen haben sie überlebt und wurden bei uns wieder angesiedelt“, erklärt Guide Guy im François Leguat Tortoise & Cave Reserve. Bei den täglichen Führungen durch diese Schutzzone zur Höhle ist Showtime in Zeitlupe angesagt: Genüsslich mampfen sie Gras, wuchten sich im Schneckentempo durchs Gelände, dösen im Schatten oder sorgen dafür, dass die Artgenossen nicht weniger werden. Als Highlight wartet hier eine fünfhundert Meter lange beleuchtete Höhle, wenige Kilometer entfernt bietet die Caverne Patate noch spektakulärere Formationen. Die Rückfahrt entlang der Südküste führt durch ein archaisches Rodrigues vorbei an einfachen Fischerhütten und den typischen Tintenfisch-Trockengestellen. Als Kontrast dazu tanzen und fliegen am Horizont die bunten Boards der Kitesportler im Höllentempo über die Wellen.

Mini Galapagos. „Die Küsten und Strände hier sind oft wild und kaum verbaut. Vermutlich hat uns die Abgeschiedenheit Hotelburgen und Shoppingmeilen erspart“, sagt der Bootsmann, der unsere kleine Gruppe auf die Île aux Cocos schippert. „Die Vogelinsel ist unser Klein-Galapagos, sie steht unter Naturschutz und darf nur mit Guide angelaufen werden.“ Wir sehen Fregattvögel, Strandläufer und Schwalben, genießen den menschenleeren Strand und die Ruhe. Rodriguez ist übrigens von Korallenriffen umgeben, die Lagunen bieten feine Tauchmöglichkeiten.

Grandiose Hausmannskost. Anders als die große Schwesterinsel kann Rodrigues wegen der isolierten Lage keine Feinschmeckerküche anbieten, dafür ist die Küche ehrlich. Als Autorin eines Kochbuchs mit lokalen Rezepten zaubert Madame mit ihrem Team herzhafte Gerichte auf den Tisch. Die Meeresfrüchte kommen aus der nahen Lagune, Gewürze und Gemüse gedeihen auf der Insel. Junge Papayas werden zu Salat geraspelt, der asiatische Einfluss ist spürbar. Waren früher Süßkartoffel, Maniok, Mais und Bohnen Hauptnahrungsmittel, dominiert heute Reis. Jedenfalls ist das Abendessen ein Pflichttermin nach einem ereignisreichen Tag. Dafür ist ausgelassenes Nightlife auf der Insel unbekannt.

Inseltrekking. „Du kannst direkt von der Haustür zu den schönsten Buchten der Insel wandern“, sagt Frau Baptiste beim Abendessen. Also schnüre ich die Wanderstiefel, stampfe entlang der fast menschenleeren Südküste Richtung Osten, stehe schließlich vor der Bucht Trou d’Argent, ein Muss für Fotografen und Träumer. Genauso wildromantisch führt die Tour weiter zu den Ostbuchten von St. François und Cotton Bay. Zwischendurch begegne ich dem Postbeamten mit dem Rucksack am Buckel, der einige entlegene Häuser immer noch zu Fuß abklappert. Auf Rodrigues sind noch immer viele der ärmeren Insulaner zu Fuß unterwegs. Umso herzhafter fallen Begegnungen mit spielenden Kindern und Einheimischen aus, sie alle haben Zeit. Wie hatte Madame gesagt: „Du musst unsere Insel entdecken! Dann wird es eine sichere Liebe auf den zweiten Blick.“

Klimafreundliche Anreise
Gute Flugverbindungen findet man auf airmauritius.com oder emirates.com (CO2-Kompensation via climateaustria.at für Hin- und Rückflug 63,52 €), von Mauritius gibt es auch eine Fähre. Auf der Insel Bus, Taxi, Roller oder Miet-Pick-up: rodrigues-2000tours.com, jpexcursion-rodrigues.com

Saison
Ganzjährig bereisbar, von November bis April heiße Sommer  bis 35 Grad, zwischen Juni und September ist Sturmsaison – eher kühl

Unterkunft
Villa La Belle Rodriguaise: einsame  Lage an der Südküste, gute Lage für Wanderer und  Kiter. labellerodriguaise.com
 
Restaurants
Achtung, viele Lokale sind nur tagsüber geöffnet!
– Le Marlin Bleu (in der Anse aux Anglais): gute Fisch- und Fleischgerichte
– Aux Deux Freres (am Orts- eingang Port Mathurin) – gute Küche, schöner Stadtblick

Programm
Ausflug zum Naturschutz- gebiet Île aux Cocos (einige lokale Anbieter)
Kitesport: rodrigueskite.com

Kontakte
Informationen findet man z. B. auf visit.today („Rodrigues“) und mymauritius.travel/ places-to-go/rodrigues. Reiseangebote haben unter anderem tui.at und dertour.de

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