© Michael Horowitz

freizeit
02/07/2015

Wo die Zeit den Atem anhält

Prinzen und Papst Johannes XXIII., Kemal Atatürk und Leo Trotzki – eine Istanbul vorgelagerte Inselgruppe als Exil, die zum Refugium wurde. Heute sind die Prinzeninseln eine Oase für jedermann. Und ein Ort, wo viele versuchen, sich der Gelassenheit hinzugeben.

von Michael Horowitz

Mehr als 1.000 Jahre lebten hier nur Möwen und Mönche. In byzantinischer Zeit waren sie ein Ort der Verbannung. Prinzen, die bei der Thronfolge im Wege standen, brachte man hierher – nachdem sie zuvor noch geblendet wurden – um ihnen eine Machtergreifung absolut unmöglich zu machen. Wie bei der byzantinischen Herrscherin Irene, die ihren Sohn auf eine der Inseln im Marmarameer verjagte, um an seiner Stelle den Thron zu übernehmen. Der Vertreibung der ungewünschten Prinzen verdanken neun magische, Istanbul vorgelagerte Inseln ihren schönen Namen: die Prinzeninseln. In prachtvollen Villen fristeten hier die jungen, verstoßenen Königskinder bis zum Ende ihrer Tage ihr Leben. Doch die Leidenschaft kam nicht zu kurz. In ihren privaten Freudenhäusern. Der Harem, meist in den Katakomben der Paläste – wie auf Capri unten am Meer – diente als Liebesnest, als Refugium der Verbannten. Anmutige junge Mädchen aus fernen Provinzen hatten bald Routine erlangt, hinter kaum verhüllenden Schleiern nach betörendem Bauchtanz ihre libidinösen Verführungskünste spielen zu lassen. In einer Sphäre der Wollust und des Sinnestaumels setzten sich die ausgestoßenen Thronfolger über die Schmach der Verbannung hinweg.

Auch heute noch wirkt manches auf den Prinzeninseln wie ein Regieeinfall von Fellini, Pasolini oder Visconti. Morbide, verfallene Holzvillen, Pferdekutscher, die wie Anthony-Quinn-Doubles aussehen und ein Relikt aus mondänen Zeiten, das „Splendid Palas Hotel“. Mit einer einzigartigen Aura, die sehnsüchtig Suchende nach einer versunkenen Welt heute hier logieren lässt. Mit leicht fleckigen Schonbezügen abgedeckte Fauteuils, von Staub fast erblindeten Kristalllustern, mit üppigen Goldrahmen, in denen Riesenspiegel ruhen und dem vermutlich längsten Frühstücks-Buffet, das es weltweit gibt. Das mit dem Splendid Palas alt gewordene Personal kümmert sich leicht gebrechlich, aber sehr bemüht um die Gäste. Wie in den goldenen Tagen des Hotels um Hollywood-Diven entre deux âges oder Edward VIII. mit Wallis Simpson. Früher hörte man beim Five o’Clock Tea neben Türkisch vor allem Griechisch und Französisch, Armenisch, Englisch und sephardisches Hebräisch. Die Welt der Wesire, Bankiers und Diplomaten, Magnaten und Mogule, Künstler und Lebenskünstler, halbseidene Damen und Herren mit Manieren trafen einander im Splendid Palas zum Rendezvous. Wem Biarritz und Deauville langweilig war, buchte eine Suite im mondänen Palast mit den silbernen Kuppeln und dem Blick auf das türkis funkelnde Marmarameer auf der einen und die Metropole Istanbul auf der anderen Seite. Dolce Vita mit einem Hauch von Konstantinopel-Flair.

In unseren Tagen sind die Prinzeninseln ein Refugium für jedermann. Eine Oase der Stille. Ein Archipel mit ganz besonderer Atmosphäre. Ein Eldorado für Menschen, die versuchen, sich Gelassenheit hinzugeben. Chaos, Lärm, Smog – und die Probleme des Lebens werden in Istanbul zurückgelassen. In Kabatas betritt man schon ein wenig entspannt die Fähre, die hin und zurück billiger ist als eine U-Bahn-Fahrt vom Stephans- zum Schwedenplatz. In knapp eineinhalb Stunden ist man auf der Hauptinsel der neun Prinzeninseln – auf Büyükada. Seit der Einführung der Dampfschifffahrt 1846 entwickelte sich hier die beliebteste Sommerfrische der imperialen Metropole am Bosporus. Viele der prachtvollen Villen im Kolonialstil zeugen noch vom früheren high life der türkischen Haute-Volée. Auch wenn die Jalousien der verwunschenen Holzhäuser seit vielen Jahren kein Licht mehr hineingelassen haben, die Gärten verwildert sind und der abbröckelnde Putz Melancholie, fast Tristesse verbreitet. Vor allem im Sommer flüchten Horden von überforderten Istanbullular vor der feucht-flimmernd, schwülen Stadt. Um auf Büyükada, acht Seemeilen vor der 18-Millionen-Metropole Istanbul, Entspannung und Ruhe von zu viel Stress, Energie und Tempo zu finden. Hier gibt es keine Autos. Stattdessen 500 ziemlich ausgemergelte Pferde. Ihre Kutschen transportieren Tag für Tag Urlauber im Rundkurs vorbei an duftenden Kiefern und Pinien über die 5,4 Quadratkilometer große Insel. 30.000 Menschen leben hier. Im Sommer sind es fünf- bis sechsmal so viel. Man lebt gut vom Tourismus. Nach der von Möwenschwärmen eskortierten Überfahrt, vorbei an den vier kleineren Prinzeninseln Kınalıada, Burgazada, Kaşıkadası und Heybeliada, nach Tee und Sesamkipferln, die neben Gurkenschabern von mitfahrenden Händlern lautstark angeboten werden, erreicht man das mit orientalischen Glasornamenten verzierte Kaigebäude von Büyükada. Vor genau 100 Jahren wurde es erbaut. Und seit damals spucken die Fähren während der Sommermonate im Stundentakt Menschen und Berge von Obst- und Gemüsekisten aus.

Auf dem Platz gegenüber thront Kemal Atatürk auf einem Sockel: Ne mutlu Türküm diyene – steht dort unter seinem mächtigen Denkmal, Glücklich, wer sich Türke nennen kann. Seit er 1923 aus den Trümmern des Osmanischen Reiches die Türkei gegründet hat, wird der Soldat, Politiker und Revolutionär noch immer von vielen älteren Türken verehrt wie ein Fenerbahçe-Fußball-Idol. Aber auch fremde Staatsmänner schätzten ihn, seine Weitsicht, seinen großen Mut und sein Können als Soldat lobte z.B. John F. Kennedy. An Atatürk-Porträts kommt man nirgends vorbei. An der Rezeption des Splendid Palas, neben dem Michael-Jackson-Poster beim Friseur, im Waschraum des Ali Baba-Restaurants – überall Bilder eines Herrn mit stechend blauen Augen und eiskaltem Gesichtsausdruck. Stets picobello gekleidet, im Dreiteiler oder Frack. Ziemlich eitel, aber hochelegant. Auf den Prinzeninseln, wo er den Autoverkehr verbot, feierte er oft und lange rauschende Feste. Stets mit reichlich Alkohol und einem Reigen hochattraktiver Frauen. 1938 starb Atatürk an den Folgen einer Leberzirrhose.

Auch zwei große Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, deren Lebenslinien ziemlich verschieden verliefen, hielten sich jahrelang auf der größten der neun Prinzeninseln auf. Papst Johannes XXIII. wurde von seinen Widersachern in Rom in die vatikanische Sommerresidenz, eine zuckerlrosa Villa auf Büyükada, relegiert. Und Leo Trotzki. Der Marxist lebte, nachdem ihn Stalin entmachtet hatte, von 1929 bis 1933 hier im Exil. Begleitet von Frau, Sohn und zwei Tag und Nacht massiv bewaffneten Leibwächtern. Er hoffte, nach Moskau zurückgerufen zu werden. Aber immer mehr musste er sich damit abfinden, ein Mann ohne Pass und Visum zu sein. Wenn er nicht an seiner vierbändigen „Geschichte der Russischen Revolution“ schrieb, ging er fischen. Eine Verwandte in Moskau bat er in einem Brief, „bitte schick mir eine starke, zweihundert Meter lange Angelschnur, damit ich richtig große Fische fangen kann …“ In den Cafés und Fischrestaurants, die wie an einer Perlenschnur am Ufer rund um die Anlegestation aufgereiht sind, steigt am späten Vormittag die Aufregung. Das Werben um die Gäste beginnt. Der Geruch von Pferdeäpfeln vermischt sich mit dem Duft der auf aufeinandergestapelten Platten überbordenden Vorspeisen: Meze – kunstvoll arrangierte Humus-, Oliven- und Schafkäse-Türme, gefüllte Auberginen und Weinblätter, gebratene Sardinen und geräucherter Stör, Rote Rüben mit Cashewnüssen und Melanzani-Knoblauch-Püree, Hühnerspieße und scharf gegrillte Fleischbällchen … Am besten besucht man die Prinzeninseln im Herbst. Die Karrieristen sind dann zurück in ihren Hamster-Erfolgsrädern und die lauten Touristenhorden bleiben auch meist in Istanbul. Dann ist hier wieder Ruhe eingekehrt. Die Zeit legt eine langsamere Gangart ein, das Licht ist magisch, Kellner, Kutscher und Pferde sind entspannter, die Fische noch frischer. Und die sanfte Brise, die entlang der Uferpromenade vom Marmarameer her weht, ist wohltuender als an schwülen Sommerabenden. Dann merkt man, wie die Zeit den Atem anhält.

Essen

Das beste Fisch-Restaurant auf Büyükada, direkt neben der Fähren-Anlegestelle, ist das „Ali Baba“, www.alibabauyukada.com

Wohnen

Eine prachtvolle, versunkene Welt von gestern findet man im morbiden „Splendid Palas Hotel“ auf Büyukada mit Blick aufs Marmarameer und Istanbul, www.splendidhotel.net

Nicht minder elegant, aber etwas preisgünstiger ist das „Ada Palas Hotel“ auch auf Büyükada, www.adapalas.com.tr

Lesen

Joachim Sartorius war viel in seinem Leben: Diplomat und Lyriker, Generalsekretär des Goethe-Instituts und Intendant der Berliner Festspiele. Im Herbst 2008 zog er sich für ein paar Monate auf die Prinzeninseln zurück, um hier einen gleichnamigen, kurzweiligen Erlebnisbericht zu schreiben. Das Ambiente des Miniatur-Romans katapultiert den Leser zurück in eine schöne, schillernde Vergangenheit voller Poesie. „Die Prinzeninseln“, mareverlag, 124 Seiten, 18€

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