Peter Lohmeyer

Peter Lohmeyer
Nie nur ein Interesse. Immer viele. Weit gefächert. Weithin bekannt ist der Schauspieler durch Fernsehen und Kino. Peter Lohmeyer – ein weißer, hoher, sanfter Tod im „Jedermann“.
Von Ro Raftl

Im Donnenbergpark im Nonntal kann man ihn kicken sehen. „Schalke“ war sein Spitzname als Bub. „Aber ja, ich spiel Fußball im Park“, sagt Peter Lohmeyer. „Traf da einen auf der Straße mit Fußballschuhen in der Hand, und hab einfach gefragt: Wo spielt ihr denn? Klar, dann spielt man mit wildfremden Menschen und es ist gut. Wie sich Musiker bei Jam-Sessions treffen, wie’s im Prinzip auch auf der Bühne passiert. Man muss nicht viel über den anderen wissen, nix über seine Position und sein Bankkonto, sieht ja, was er ins Spiel mitbringt. Dann geht man wieder auseinander. Ich liebe solche Verabredungen. Sie vermitteln mir ein Gefühl von Freiheit.“Peter Lohmeyer ist der neue Tod im neuen „Jedermann“. Ein weißer Tod, ein hoher Tod, ein sanfter Tod. Er fegt das Tafeltuch (edelster handgearbeiteter Qualität) vom Tisch, entfremdet’s als Umhang und Schleppe, vergrößert sich noch ein bisschen damit, spricht unerbittlich das Unausweichliche aus – doch schmiegt er seinen Kopf fast liebevoll an Jedermann, drückt ihm nicht gleich die Augen zu, lässt ihm noch eine Stunde, um seinen eigenen Tod zu entdecken. Machtvoll streng, nachdenklich besorgt, melancholisch gebrochen die Stimme. Lohmeyer klingt wie der väterliche Vorstand einer Sterbeklinik: „Wenn ich mal abgeholt werde, dann von dir“ wünschte sich ein guter Freund. Ja. Dazu bewegt er sich graziös wie eine Drag-Queen, eine, die vergessen hat, ihre Perücke über die Glatze zu stülpen. Ein Mann, der das Weibliche mit den anmutigen Handbewegungen einer indischen Tempeltänzerin ausspielt. Wer weiß denn schon, ob der Tod Mann oder Frau ist? Lohmeyer weiß nur, dass er in den verschiedenen Religionen unterschiedliche Rollen spielt. Ist ein sehr heutiger Tod, in einer Zeit, in der’s als höchste Aufgabe gesehen wird, würdiges Sterben zu lernen. Nicht mehr der plakative Donnerhall, der archaische Schock – und jetzt könnte man über zu üppige Deko-Elemente und Tamtam in diesem neuen „Jedermann“ räsonieren, aber das sollen die Kritiker tun.

Lohmeyers Kostüm von Olivera Gajic ist tatsächlich wunderschön. Die Plateauschuhe, Größe 45, hat er selber in die Inszenierung eingebracht. Sollte damit in Deutschland Benefiz-Fußball spielen, woraus nix wurde, egal, jetzt mag er das Staunen, dass er sich so gekonnt damit bewegen kann. Leichte Übung, winkt der Schauspieler ab, er spiele immer „sehr körperlich“. Wär ja beinah Fußballprofi geworden, hätten nicht Mopeds, Mädchen und die Passion fürs Theater die Oberhand gewonnen. Lohmeyer war nicht nur Nachwuchshoffnung des Stuttgarter VFB, hat schon während der Schulzeit beim Kinder- und Jugendtheater gearbeitet. Nein, weder Matura gemacht, noch die Schauspielschule abgeschlossen, doch immerzu weitest gefächerte Interessen gepflegt. Für Tanz etwa. Da Bewegung bekanntlich dünn hält, er außerdem permanent Rad fährt, und wohl auch „im Arbeitsstress viel Fett“ verbrennt, wiegt er 73 Kilo auf 1,86 Meter: „Die 75 erreich ich nie.“ Obwohl er mit einer Köchin verheiratet ist, Sarah Wiener. Er lacht: „Sie kocht halt sehr gesund.“

Salzburg fasziniert ihn, diese erzkatholische Residenz, in Thomas-Bernhard-Prosa beginnt er sich einzugraben: „Meine Heimatstadt ist in Wirklichkeit eine Todeskrankheit ...“ aus Bernhards Roman „Die Ursache“ (1975) zitiert er beiläufig: Als Lohmeyer in Bochum Theater spielte, hat er sich nur mit den Stücken befasst. Trägt nonchalant eine knielang kurze Lederhose von Gexi & Anna Tostmann, durch ein graues Woll-Leiberl urbanisiert, erklärt, dass er von seiner Frau, einem Dirndlfan, in diese Wissenschaft eingeführt wurde, dass ihn das soziale und grünpolitische Engagement der Tostmann-Frauen aber schwer beeindruckt. Er selber unterstützt die Initiative Respekt! Kein Platz für Rassismus als Botschafter, hat den ergänzenden Bildband Respekt! 100 Menschen – 100 Geschichten mit herausgegeben. Das sagt Wikipedia.

Lohmeyer sagt, dass er seine schöne Lederhose „urcool“ findet, wenn er sich an die Lederhosen seiner Kindheit erinnert: „Im Ruhrgebiet. Auch meine ältere Schwester trug eine, und ich hab sie dann von ihr geerbt. Absurd, aber sparsinnig unverwüstlich.“Die Religion? Dazu fällt dem 51-jährigen Sohn eines evangelischen Pfarrers (im Angesicht des barocken Salzburger Doms) nur ein: „Ich bin nix. Ausgetreten aus der Kirche.“ Aus der Kindheit mitgenommen habe er aber die Gefühle sozialer Verantwortung Menschen gegenüber: „Die Tür aufmachen, Essen teilen, achtsam miteinander umgehen, Abmachungen, einhalten, Verträge – auf Vertrauensbasis.“ Beklagt ein wenig, dass die gute alte Handschlagqualität verloren gegangen ist. Pflegt sorgsam das Credo: „Ich kann nicht nachvollziehen, dass Männer Kinder in die Welt setzen und sich dann in ihren Beruf zurückziehen und sagen: Macht mal ohne mich. Das will ich nicht, da stehe ich voll in der Verantwortung. Denn Väter sind so wichtig.“ Das ist aus einem Interview geklaut, aber man erlebt’s live, wie er die 21-jährige Tochter Lola per Handy vom Salzburger Bahnhof in die Innenstadt lotst. Später werden sie ihre Fahrräder vorm Café Bazar parken und Mineralwasser trinken. Sehr locker, sehr liebevoll miteinander. Drei Kinder sind von derselben Mutter, ein Sohn hat eine andere, und seit 2008 ist Lohmeyer mit der österreichischen Fernsehköchin Sarah Wiener verheiratet. „Ja, die Frauen“, lächelt er leicht spöttisch, leicht melancholisch, sagt: „Ich sprech mich nicht von Fehlern frei. Man geht eine Strecke miteinander, in Vertrauen auf Liebe und Leben, und ich finde es wichtig, dass man sie bewusst miteinander zu Ende geht, wenn Kinder da sind. Die Kinder kennen und lieben einander. Doch wenn sie fast erwachsen sind, kann man sich nicht mehr ausschließlich an sie klammern, wie das manche Mütter tun. Leben ist auch noch anderswo ...“ Der sanfteste aller Seitenhiebe. Man versteht. As time goes by ...

Auf Dauer zu bauen, sich zu verwurzeln, wurde ihm als Kind nicht leicht gemacht: Der Vater wechselte oft die Posten, auch von einem Bundesland ins andere, Peter hat drei Gymnasien besucht: „Schwäbisch hab ich erst einmal gar nicht verstanden. – Die einzige Möglichkeit, damit umzugehen, war zu schauen und zu fragen: „Wer bin ich, wer seid ihr?“ Das habe ihn vieles gelehrt, aber vor allem: „Zuhören.“ Mehr noch, da hält er’s mit Miles Davis: „Spiel nicht, was da ist, spiel, was nicht da ist. Es gibt keine Fehler.“ Man muss einander nur offen gegenübertreten: „Wie beim Free Jazz, wenn man einen Akkord beginnt. Hört man nicht zu, kann man nicht kreativ sein, Team-Player schon gar nicht. „Im Team spielt man miteinander“, versucht Lohmeyer systemisches Denken zu pflegen. Ja, er hatte eine Band, doch einen hat der Tod geholt, da war erstmal Pause mit Musik. Zwischendurch lieh er in einem Hörbuch dem verehrten Johnny Cash die Stimme. Nun aber lernt er Klavier. War immer nur als Sänger unterwegs, hat aber so viele Lieder im Kopf komponiert: „Ich konnte sie nur vorsingen, jetzt will ich sie endlich auch in Noten fassen und spielen.“Viele Kinder, viel Geld aufzutreiben für ihre Studien, ihre Wünsche, ein wenig braucht man auch für sich selbst. Sparsam leben, sich darüber freuen, dass ihm der jetzige Salzburger Vermieter nicht das Geld aus der Tasche zieht, sondern das Gedankengut von „Revolutionärin“ Elisabeth Kulman adoptiert hat und die Sommerwohnung „art but fair“ zum Betriebskostenpreis vermietet. „Ruhig werden, noch ruhiger, entschleunigen, für mich selber entscheiden: Was ist wirklich wichtig. Was muss man machen, was kann man lassen.“ Denn Lohmeyer mag nicht „jeden Scheiß“ wegen der Kohle annehmen, wählt längst sorgfältig aus. Hat in den Achtzigern unter Claus Peymann am Schauspielhaus Bochum in dem Pubertätsstück Was heißt hier Liebe debütiert, später in Düsseldorf, Stuttgart, Hamburg und Berlin gespielt. Etwa den Elfenkönig „Oberon“ in Julian Crouchs Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ am Hamburger Schauspielhaus. Und daran so schöne Erinnerungen geknüpft, dass er Crouch eine E-Mail schrieb, ob der im Jedermann keine Rolle für ihn habe.

Voilà. Komm süßer Tod.Weithin bekannt wurde der Gutaussehende natürlich durch Fernsehen und Kino. Seit seinem Filmdebüt 1988 in Dominik Grafs Tiger, Löwe und Panther hat er für sein Talent, Ruppigkeit, Derbheit, Gefährlichkeit, den Geruch der Straße mit kindlich bubenhaft sehnsuchtsvoll naivem Blick zu mischen, eine ganze Menge Preise abgeräumt. Erinnern wir an Das Wunder von Bern, Der Elefant in meinem Bett oder Zugvögel ... Einmal nach Inari. „Ich bin ein Künstler“, pocht Lohmeyer ausnahmsweise dezidiert auf den Kaffeehaustisch, nimmt sich zurück, legt gelassen mit seiner markant rauchrauen Stimme nach: „Meine internationale Karriere hab ich halt in Südamerika gemacht.“Kuba-Aficionados wuchs er ans Herz, seit er als Leiche mit Engelsflügeln in Daniel Díaz Torres Tropicanita – Kleines Tropicana die Fantasien eines jungen Kommissars aus der Provinz entzündet hat. Lohmeyer erlebte das Havanna-Filmfestival mit, hat Der Cuba-Coup, den zweiten Torres-Film mitproduziert, und die Weisheit gewonnen, die jeder in die Insel Verliebte als Schatz hegt: „Man kann nichts auf der Erde mit Kuba vergleichen.“ Befand irgendwann ergriffen: „Die kubanischen Schauspieler haben etwas ganz Besonderes. Nirgendwo auf der Welt sehen dir Schauspieler so in die Augen. Man guckt nicht in die toten Augen von London. Sie sehen einen wirklich an.“

Kurz danach hat er in Argentinien „Frontera Sur“ gedreht, fand Buenos Aires aber sehr hektisch im Vergleich zu Havanna, hat auch den Tango nie perfektioniert. Salsa hingegen so gut erlernt, wie das ein Europäer überhaupt kann, in der Süddeutschen Zeitung darüber geschrieben, und: „Das Abenteuer Sprache bestanden. Kuba war ein geglücktes Abenteuer.“ Erinnerungen, die es leichter machen, zur Verantwortung für die Kinder zu stehen.

Okay, er wird bald einen Polizeiruf 110 drehen. Regisseur Robert Thalheim ist ein Guter.

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