© KURIER/Gilbert Novy

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02/13/2016

Ohren zuklappen, nach Luft schnappen und weiter- machen

Topsy Küppers, 84, scheint die Jugend für sich gepachtet zu haben. Im Interview mit der freizeit erzählt die Sängerin, Schauspielerin und Buchautorin von ihrem Jungbrunnen, Publikumsgesprächen mit Nachwirkung und der Kunst, mehrere Schicksalsschläge auf einmal zu überwinden.

Frau Küppers, haben Sie die ewige Jugend für sich gepachtet? Sie sind fast 85 und sehen eher wie 58 aus.

Ich habe bitte nichts machen lassen. Vielleicht wartet ja noch eine Rolle auf mich, wo ich nicht wie eine Barbie-Puppe ausschauen sollte. Und wer mich so nicht will, soll mich gern haben.

Es sind also die Gene?

Man weiß es nicht. In großen Häusern ist es auch so, dass man die Falten gar nicht sieht, in den kleinen Häusern kommen die Leute aber schon zum Faltenzählen.

In einem Interview meinte Ihr Mann Carlos Springer einmal: „Egal, wann sie schlafen geht, Punkt sieben turnt die Topsy, steht am Kopf oder schlägt einen Salto.“ Ist Bewegung auch ein Jungbrunnen?

Vielleicht. Ich mache seit 50 Jahren Yoga. Es gibt ja derzeit eine Yoga-Welle, aber als ich am Zürcher Opernhaus engagiert war, kam der indische Yogi Yesudian zum ersten Mal nach Europa und brachte Hatha-Yoga ins Bewusstsein. Ich war damals so erkältet, dass ich kaum sprechen konnte. Eine Dame vom Theater stellte mir Yesudian vor und sagte: „Er zeigt Ihnen eine Übung.“ Es war der Kopfstand, die Königsübung, und alles war weg. Ich konnte atmen und die Vorstellung bestreiten. Da dachte ich mir: „An der Sache ist was dran!“ Was heutzutage praktiziert wird, ist sicher auch richtig und wichtig zur Entspannung und Beruhigung. Aber dieses Hatha-Yoga, basierend auf dem richtigen Atmen, ist ein Lebenselixier.

Und für Schauspieler auf der Bühne sicher extrem wichtig. Sie vertreten mit dem literarischen Chanson ein Genre, das nicht mehr ganz in Mode ist. Sehen Sie da ein Ablaufdatum oder kann man das ewig weiter machen?

In Österreich bestimmt nicht, weil das literarische Chanson im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich bei uns keinen hohen Stellenwert hat. Deshalb bin ich sehr froh, dass immer noch Leute kommen, um mich zu sehen.

Wer ist Ihr Publikum?

Es ist etwas reifer und mitgewandert. Ich habe die „Freie Bühne Wieden“ gegründet und 25 Jahre geleitet. Die jungen Leute von damals bringen heute ihre Töchter mit und sagen: „Hör’ dir das doch mal an.“ Viele haben gar keinen Bezug zum literarischen Chanson. Dann freut es mich noch mehr.

Was erwartet die Menschen zum Beispiel, wenn sie sich Ihr Programm „Jüdische Brillanten“ ansehen?

Schauen Sie, heute heißt es oft, jemand macht ein Udo-Jürgens-Programm. Keiner spricht davon, dass die wirklich großen Lieder alle nur auf den Texten basieren und die sind nicht von Udo Jürgens. Der hat – unter Anführungszeichen – „nur komponiert“. Es geht mir darum, vor allen Dingen Autoren in den Vordergrund zu stellen, die man oft gar nicht beachtet. Es ist schön, eine flotte Musik oder einen tollen Rhythmus zu haben. Aber „Merci, Chéri!“ ist ja nicht von Udo Jürgens.

Sondern?

Von Thomas Hörbiger, der der Sohn von Paul Hörbiger war, der wiederum der Bruder von Attila Hörbiger und der Onkel von Christiane Hörbiger ... war.

Bei „Merci, Chérie!“ weine ich immer, könnte aber nicht sagen, ob mich der Text oder die Musik mehr berührt.

Ich glaube, wenn man statt „Merci, Chérie!“ „Auf Wiedersehen! Bye, bye!“ singen würde, wäre es nicht dasselbe.

Sie sind also ein Textmensch.

Ja, ich gehe von der Literatur aus, wenn ich Chansons spiele, basierend auf den wunderbaren Gedanken dieser Dichter.

Ist das für Sie auch eine Lebensschule?

Natürlich. Erich Kästner etwa hatte wunderbare Gedanken. Mit ihm durfte ich einmal in den Münchner Kammerspielen zusammenarbeiten und er sagte an einer Stelle: „Die Erinnerung ist eine Macht. Sie bildet den Menschen um. Wer das, was schön ist, vergisst, wird böse, wer das, was schlimm war, vergisst, ist dumm“. Deshalb sollten wir weder das Schlimme noch das Schöne vergessen.

Es heißt immer, das Showbusiness wäre hart. Haben Sie mehr schöne oder schlimme Erinnerungen?

Ich bin eigentlich immer mit großer Freude an die Arbeit gegangen. Ich habe auch viel Quatsch gemacht, um Geld zu verdienen, vor allen Dingen für mein Theater damals. Wir waren nur klein subventioniert und da musst du manchmal Dinge tun, von denen du im Nachhinein nicht so überzeugt bist. Es war eben wegen der Kohle und die hat man mitgenommen. Aber im Großen und Ganzen hatte ich immer eine Beziehung zu dem, was ich rüberbringen wollte, mit einem unterschiedlichen Publikum von Tel Aviv über Zürich bis Berlin und Wien. Die Erlebnisse waren überall anders.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Mit „Lola Blau“ (Anm.: Ein-Frau-Musical) hatte ich über 1000 Vorstellungen all around the World. Ich glaube es war in Basel oder in Winterthur, als es nach einer ganz ernsten Szene einen stillen Moment gab. Genau da sagte eine Dame in der ersten Reihe auf Schwyzerdütsch: „Ich verstah absolut nüt.“

Versteht man auf der Bühne oft, was im Publikum gesprochen wird?

Genauso wie mich das Publikum hört, höre ich das Publikum. Ich habe zum Beispiel viele Vorstellungen gemacht, in denen ich die wahre Lebensgeschichte von Eva Deutsch erzählt habe. Das war ein 16-jähriges Mädchen, das während der Nazi-Zeit zu Fuß von der Ukraine nach Wien gegangen ist. Eine Schuldirektorin hatte davon gehört und fand, die Schüler müssten das sehen. In der Geschichte kam auch vor, dass das Mädchen während der Reise vergewaltigt wird. Eine tragische Sache. Und aus dem Zuschauerraum höre ich dann, wie ein frecher Lümmel plötzlich sagt: „Jetzt gehn s’ pudern.“

Was macht man in diesem Fall?

Die Ohren zuklappen, nach Luft schnappen und weitermachen. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Publikum in Wien oder Berlin. Ich habe in beiden Städten ein Kästner-Programm gemacht. In Wien habe ich einmal einen Kritiker sagen hören: „Naja, jetzt wollen wir das mal über uns ergehen lassen.“ Er ist Gott sei Dank gestorben, sonst würde ich ihm jetzt noch eine Ohrfeige geben. In Berlin ist das anders. Da sagen die Zuschauer: „Det macht ihr aber kene nach.“ Das sind andere Mentalitäten.

Wie in Amerika. Ich war im Dezember einige Male am Broadway im Theater. Dort kommen die Zuschauer in Jeans und Turnschuhen zur Vorstellung und essen und trinken am Platz.

Das kommt auch zu uns rüber. Man sieht manchmal schon Sneakers in der Oper. Sehr schade! Ich gebe den Leuten die Ehre auf der Bühne, und sie geben mir die Ehre vom Zuschauerraum aus. Da kann ich mich zumindest anständig anziehen.

Trotzdem sind Sie immer noch dabei.

Ich muss immer lachen, wenn ich in der U-Bahn sitze und die Leute sagen: „Was, Sie treten immer noch auf?“ „Was, Sie sind immer noch so schlank?“ Was, Sie sind immer noch ... Ich hasse dieses Wort noch. Ich sage dann: „Ja, ich bin immer noch voll.“

Man verbindet mit „noch“ eben das Alter. Sprechen Sie nicht gerne darüber?

Wir können ruhig darüber sprechen. Ich bin da ganz offen.

Ihre Offenheit zeigt sich auch im Buch „Mein Ungustl“, das Sie kürzlich veröffentlicht haben. Sie sprechen sehr detailliert über Ihren Darmkrebs und seine Unannehmlichkeiten.

Das Buch ist für mich wahnsinnig wichtig, weil es für alle geschrieben ist, die sich für unangreifbar halten. Wenn ich manchmal Frauen sehe, die so überheblich sind, denke ich mir: „Kinder, ihr wisst gar nicht, was wir vielleicht alles in uns tragen.“ Ich als Mensch, der immer gesund gelebt hat, wie ich es im Buch auch beschreibe, erkrankt plötzlich an Krebs. Irgendwo ist mein Ungustl, wie ich ihn getauft habe, im Underground und ich hoffe, es stimmt, was mein „Guru“ in Bad Ischl, Oberarzt Tibor Geley, gesagt hat: „Dort wird er auch bleiben.“

Im Buch zeigen Sie sich nackt. Wenn man sich so gut hält wie Sie, braucht man vor dem Alter keine Angst zu haben. Chapeau!

Es ist ungeschönt, weil meine Freundin Ingrid Kolmer, die es fotografiert hat, in der Beziehung rigoros ist. Auf dem Bauch sieht man die Striche von der Untersuchung. Da ist doch nix dabei. Wenn man in die Sauna geht, sieht man noch ganz andere Sachen. Ich bin natürlich froh, dass ich nicht kiloweise Fett auf den Hüften habe. Sonst hätte ich das wahrscheinlich nicht gemacht.

Sie haben 2013, als Sie an Krebs erkrankt waren, auch Ihren Mann Carlos Springer an den Krebs verloren. Wie haben Sie zwei Schicksalsschläge auf einmal weggesteckt?

Wir hatten eine 35-Jährige Partnerschaft, die fabelhaft war. Da erinnert man sich immer wieder an positive Signale, die einem Mut geben. Ich nehme mir in der Sterbewoche von meinem Mann auch immer eine Auszeit, wo ich weder telefoniere noch SMS schicke oder Mails schreibe. Ich bin nur in Klausur, halte Ruhe, lese oder schreibe. Und plötzlich passiert etwas Komisches. In dieser einen Woche wird auf einmal alles ganz leicht und richtig. Danach geht’s wieder.

Werden Sie zu Ihrem 85er im August Bilanz ziehen?

Ach, Quatsch. Was hab ich zu bilanzieren? Weder mein Konto noch irgendwas anderes. Ich sage einfach jeden Tag Danke! Und ich freue mich über ein nettes Gespräch, und ich glaube, wir haben ein nettes Gespräch gehabt.

Müssen wir denn schon aufhören?

Müssen wir nicht, aber Sie haben doch nicht so viel Platz. Ich kann Ihnen gerne einen Schwank aus der Jugend erzählen.

Eine Sache noch: Sie widmen Ihr Buch nur Ihrer Tochter Sandra, nicht aber Ihrem Sohn. Warum?

Mein Sohn will eigentlich mit der Familie nix zu tun haben. Er war scheidungsgeschädigt, wie man so schön oder so falsch sagt und hat gemeint: „Nein, ich gehe nach Australien.“ Mein Gott, was soll ich einem Mann mit 54 Jahren sagen? Dass er meschugge ist? Er ist meschugge! Aber bitte, ich muss es ihm nicht sagen.

Kommen Sie damit gut klar?

Aber ja, wir sind doch alle erwachsen. Ich hatte auch mit meiner Tochter Sandra schwere Zeiten, aber jetzt sind wir so eng und wunderbar. Sie war jetzt eine Woche in Wien und ist ein gutes Kind.

War das schlechte Verhältnis zu Ihrer Tochter auch in der Scheidung vom Vater, dem Künstler Georg Kreisler, begründet?

Ja, Kinder wissen dann nicht, wohin. Wenn die Mutter was verbietet, ist die Mutter die Böse, verbietet der Vater was, ist er es. Für Pubertierende ist das schwierig, vor allem, wenn der Vater auch schwierig ist und die Kinder nicht annimmt. Georg Kreisler ist 2011 gestorben und die Tantiemen sind bei ihm nur so von der Decke geprasselt. Aber er hat den Kindern nichts gegeben. Kein Kommentar.

Hatten Sie nie die Sehnsucht, gewisse Dinge zu klären?

Manche Dinge kann man nicht klären. Aber all jene, denen ich bewusst oder unbewusst unrecht getan habe, bitte ich um Verzeihung. Ich mache natürlich auch Fehler, aber in meinem Alter hoffentlich nicht mehr so viele.

Jetzt haben wir den Schwank aus Ihrer Jugend nicht besprochen.

Das heben wir uns fürs nächste Mal auf. Oder Sie lesen es in meiner Biografie „Lauter liebe Leute“ nach. Das würde mich freuen.

Glauben Sie, Sie haben die Nase vom Theater je voll?

Das Theater ist ein Virus. Ich sage immer, das ist wie mit einem Liebhaber. Entweder verliert man ihn oder man geht daran kaputt. So ist das mit dem Theater auch.

Topsy Küppers, 84, wurde 1931 in Aachen geboren und ist seit 1965 Österreicherin. Ihr Vater verließ die Familie, als sie zwei Jahre alt war. Danach wuchs das Einzelkind bei Oma und Mama in einem „beschützten Frauenhaushalt“ auf. Küppers machte eine Ausbildung zur Schauspielerin und lernte, Chansons zu interpretieren. Ab 1958 gab sie mit ihrem Mann, dem Künstler Georg Kreisler, in München Chansonabende. Er ist auch Vater ihrer Kinder, Sandra, 54, einer Künstlerin und Sascha, 54, einem Marketing-Experten. 1976 gründete Küppers die „Freie Bühne Wieden“, die sie 25 Jahre leitete. Nach der Scheidung von Kreisler heiratete sie Carlos Springer, mit dem sie 35 Jahre zusammen war. Er starb 2013 an Krebs, während Küppers im selben Jahr an Darmkrebs erkrankte. Der Krebs „schlummert im Underground“, während Küppers bis heute auf der Bühne steht.

NFO: Am 5. März um 19:30 Uhr tritt Topsy Küppers mit „Jüdische Brillanten“ im Theater Akzent auf. Karten unter: www.akzent.at.

Die Bücher von Topsy Küppers, darunter ihre Biografie „Lauter liebe Leute“, sind auf www.kueppers.at erhältlich.

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