© Manfred HORVATH/Horvath Manfred

freizeit
03/04/2020

Österreichs ältester Baum: Besuch bei der "Dicken Oachen"

Eine 1.200-jährige Eiche ist der älteste Baum Österreichs. Ihr Retter Michael Saller pflegt auch die Bäume von Hollywood-Stars wie Quentin Tarantino.

Wir stapfen durch den Bruchharsch des „Eichenweges“ über dem steirischen Dorf Loimeth. Wie es sich für eine bedeutende Persönlichkeit  gehört, ist der Weg nach ihrer Majestät benannt.

Wir wandern, wie viele Jahrhunderte zuvor schon tanzfreudige Hochzeitsgesellschaften, Scharfrichter und Schweinehirten hinauf und streben auf die Eiche im Wald zu – die „Dicke Oache“, wie die Einheimischen sie nennen. Nicht, um auf dem Tanzboden unter ihrer Krone zu feiern, Delinquenten zu richten oder die Schweine mit ihren Eicheln zu mästen. Wir wollen  sehen, wie es ihr geht, nach dem verheerenden Blitz-Einschlag, der sie fast umgebracht hätte. Das war in den Siebzigern – aber was sind schon 40 Jahre für eine Riesin von 1.200 Jahren?

Dass die tausendjährige Eiche in der Steiermark überhaupt noch steht, ist das Verdienst des Baumchirurgen Manfred Saller, der den Baum vor dem Verfall gerettet hat. Er ist  einer  der bekanntesten Baumchirurgen weltweit. Der zu großen Teilen hohle Stamm wurde in den 1970er-Jahren mit Beton gefüllt.  Zur damaligen Zeit war das Wissen von der  Wundversorgung  eines gespaltenen Baumes noch auf dem Stand der k&k-Zeit. Gerade diese Maßnahme hat aber das Leben des Baumes gefährdet. Wie viele alte Bäume zeigen, die nur mehr als Kambium-Fragment existieren.

Riesig steht die Eiche auf der Lichtung. Die Krone hat die Fläche einer Fußballplatzhälfte. Wollte man den Stamm umarmen, müsste man acht Freunde um Hilfe bitten. An der Wetterseite zum Westen hin scheint der Baum sich mit einer gröberen Rinde zu schützen. In Augenhöhe ist ein großer Stein in das Kambium eingewachsen. Vielleicht hat sich hier ein magyarischer Reiter zur Zeit Karl des Großen einen Spaß gemacht und den Stein in einen Spalt geklemmt.

Beim Übergang des Stammes zu den Leitästen ist eine Riesenhöhle, die einen ausgewachsenen Bären beherbergen könnte. Wir zählen vier Dachrinnen, die in den Baum eingelassen sind, um Stauwasser von Vertiefungen abzuleiten.  Die Regenrinnen heißen in der Fachsprache „Drainrohre“ und ragen aus der Eiche beinahe wie Regenspeier aus einem Dom.

100 Jahre mehr Leben

Das Herausschremmen des Betons mit Presslufthämmern, die Installation von Entwässerungsrohren, der fachkundige Rückschnitt und das Verschließen der Wunden mit Balsam haben dem Baum das Leben gerettet. „Wir haben für diese Eiche gut und gern 100 Jahre gewonnen“, berichtet der Mittfünfziger Manfred Saller.  Als Teenager hatte er keine Lust in die Gärtnerei seiner Eltern einzusteigen. Nach einer Zwischenstation in Hamburg besuchte er das renommierte „Merist Wood College“ im Süden Londons und erweiterte sein Wissen in den USA.

1987 gründete Manfred Saller zum Leidwesen seines Vaters, der es als Gartenarchitekt gerne gesehen hätte, dass sein Sohn fixe Pflegeverträge abschließt, seinen eigenen Betrieb für Baumchirurgie.  Inzwischen hat er einen dreistelligen Mitarbeiterstab mit Niederlassungen in Europa und den USA und gehört zu den führenden Unternehmen weltweit.

Die heute beim professionellen Arboristen (dem Fachmann in allen Angelegenheiten rund um Bäume) gängige Sicherung mit „Doppelseil“ lernte Saller in England und Amerika kennen und führte sie in Österreich ein. Im Auftrag von Stadtgartenämtern, Hausverwaltungen und VIPs wie  Quentin Tarantino sanierte er seither hunderttausende Bäume. 

„Baumchirurgie ist eine Weiterentwicklung der Baumpflege. Während aber bei der Pflege nur gesunde Bäume geschützt werden, hat sich die Chirurgie zur Aufgabe gemacht, kranke Bäume durch Kronen- und Wurzelpflege zu retten und vor Pilzen und Fäulnis zu schützen“, sagt Manfred Saller, der Leibarzt der „Dicken Oachen“.

Eine Windbö fegt durch den Wald. Die Äste der Wipfeln tanzen säuselnd in luftiger Höhe. Die ausladende Eiche steht da wie eine Dirigentin mit dem Taktstock. Eine Krähe landet auf ihrem bemoosten Stammplatz in zwanzig Metern Höhe und gibt ein „Kraaah“ von sich.             

(Von Manfred Horvath)