freizeit
13.11.2018

„Ich weiß, wer ich bin und wer meine Puppen sind."

Nikolaus Habjan mischt fundamentale Absurditäten menschlicher Existenz deutlich auf. Projektionsflächen sind seine Puppen.

Lässig-leicht-froh sitzt er da im Corbaci am Museumsplatz. Bei Eistee. Gradwegs aus dem Kopfkino von Werner Schwabs  „RadikalkomödieVolksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos. Bissl abkühlen die Magie des Schrecklichen und aller dunklen Sehnsüchte. Mit Burgschauspielerin Barbara Petritsch, für deren Figuren in Nestroypreis-Lobreden „bereits der Waffenschein gefordert wurde“, hat Puppenmagier Nikolaus Habjan den Mega-Schluss-Monolog der Frau Grollfeuer geprobt: ... Immer schon wollte ich einmal in so einen erbärmlichen Mietshauskörper hineinstechen ..., und sie wird ihn „so leise sprechen, dass  man sich in jeden Ton eingräbt. Sonst gibt es kein Geräusch – hihi“, lacht der virtuose Regisseur, „da hört man jeden Huster ganz laut.“ Na, und klar sitzt er an den akustisch kritischen Plätzen, rennt alle Gänge ab, damit es mit der Hörbarkeit auch wirklich funktioniert. Premiere ist am 29. November.

Kunstpfeiferei

Wenn das alles wäre. Habjans expressive Klappmaulpuppen mit den aufregend asymmetrischen Gesichtern verstauben nicht im Archiv. So gefragt sind sie und er in Österreich, Deutschland und der Schweiz, dass es „richtig stressig wird“.  Von seiner Kunstpfeiferei gar nicht zu reden. Ende September hat der Liebhaber aller ins Abseits geratenen Kunstformen in der Elbphilharmonie Oh du mein holder Abendstern aus Wagners Tannhäuser gepfiffen. „Nett. Die Besichtigungstickets  sind wochenlang ausverkauft, doch zum Pfeifkonzert eingeladen hab ich alles besichtigt und statt zu zahlen, noch ein bisschen Geld gekriegt. Das Entzückendste aber war ein Post-it der Sachbearbeiterin auf dem nüchtern grauen Datenblatt für die Steuer: ,Schreiben Sie mir bitte, wenn Sie wieder nach Hamburg kommen. Hab sie gehört. Da muss die Familie hin!“ Er lächelt beglückt. „Kam wie einer dieser kleinen Marienkäfer, die beim offenen Fenster hereinfliegen und sich auf den Laptop setzen.“

Ohrenmensch

Passt. In Graz-Andritz am Waldrand aufgewachsen, gehörte die Zoologie zu Habjans Wenn-ich-groß-bin-Träumen: „Vielleicht verbinde ich sie noch einmal mit meinem Beruf.“ Tut er in gewisser Weise eh, jetzt halt beim Hinhören und Genauschauen  in der U-Bahn. „Da borg ich mir schon eine interessante Nase, einen spröden Stimmklang oder arge Sprüche für meine Puppencharaktere aus.“ Als „Ohrenmensch“, der scheinbar mühelos zwischen mehreren Figuren, Typen und  Sprechweisen switcht. „Das hat mit Musikalität zu tun. Merk mir eine Melodie im Ganzen – auch ohne absolutes Gehör. Die Texte, viele, lange, sehr schwierige, lerne ich mittlerweile überraschend schnell: Wenn ich sie mir laut vorles, sind sie wupps in meinem Kopf. Bei stillem Lesen brauche ich Wochen.“

10 Jahre Bühnenmagie

 Ein Stoßjauchzer folgt: „Wahnsinn! Zehn Jahre steh ich jetzt auf der Bühne –  und mach genau das, was ich immer in meiner Freizeit gemacht hab. Mich ins Theater gesetzt, Bühnenmodelle und Puppen gebaut. Und ich mach’s nicht, um reich zu werden. Bin total glücklich darüber. Hab immer Lust auf alles.“

Aktuell auf Kottan, der im Rabenhoftheater wiederaufgenommen wurde. Wie Böhm in Graz. Auf den 25. Geburtstag der abgefahrenen Osttiroler Musicbanda Franui, der am gerade im Konzerthaus ein Ständchen der Dinge gab. Wie tags darauf ein Auftritt bei Wider die Gewalt. Und am 3. Dezember einmal öfter F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig, diese reale Opfergeschichte aus der „Kinderfachabteilung“  des Erziehungsheims Spiegelgrund in der NS Zeit.

Habjans Durchbruch vor sechs Jahren, samt Nestroy-Preis, Spielplatz im Akademietheater und DVD.

 

Keine falsche Ehrfurcht

Frontal barbarisch, abgrundtief böse. Zum Entsetzen, Erschrecken, Nachdenken, Berühren. Das (x-fach erklärte) Paradoxon des Figurentheaters: „Puppen funktionieren als perfekte Projektionsfläche. Mit Puppen kann ich Dinge extrem direkt angehen. Sobald sich der Zuschauer auf die Illusion der Puppe einlässt, ist sein Realitätsanspruch herabgesetzt – aber auch sein Schutzschirm. Es fällt ihm sehr leicht, alles zu glauben, was ihr passiert. Durch die Stilisierung hat er nie das Gefühl, dass ein Schauspieler hier etwas vorspielt.“

Habjan hat sich durchgesetzt. Zug um Zug.

Besondere Menschen wittern einander, verlieben sich in die Kunst des anderen und schwören sich aufeinander ein. Jacqueline Kornmüller etwa, die Ganymed in mehreren Produktionen im KHM inszeniert hat, Autor Paulus Hochgatterer, der den Text für Fly Ganymed schrieb und später zu Böhm: Als Dirigent unbeugsam und begnadet, als Mensch maximal biegsam  – solange es der Karriere diente, heißt’s irgendwo. In Graz  kommt man nicht an ihm vorbei. „Etwas über Böhm“ hatte Habjan lange aus „Lust auf die Grauzone“ geplant, 2015 schon den Böhm-Kopf modelliert. Intendantin Iris Laufenberg sprang spontan darauf an, und Hochgatterer baute mit klugem Kunstgriff ein vielschichtig-zynisch-analytisches Stück über Mitläufertum in der Nazizeit. Zu Allerheiligen lief es auf ORF 2.

Nur Sog. Nie Druck.

Habjan versteht sich als politischer Künstler. Möchte: „Immer nur durch Sog, nie mit Druck“ Nachdenklichkeit anstupsen, Kritikfähigkeit und systemisches Denken aktivieren. Wenn er nicht mit Franui, ihrer Schubert-, Brahms- und Mahlermusik und Poesie von Jürg Amann oder Robert Walser melancholische Seelen durch die Magie der Sehnsucht verführt: Doch bin ich nirgend, ach zu Haus. In sämtlichen Opernhäusern und Musikhallen Deutschlands haben sie gastiert: Ich soll mich finden, sagt mir das Gestirn. Mich finden? Müsst ich mich da nicht vorher verlieren?...

Universalbegabung?

Der Figurenschauspieler hat sich überm Verlieren gefunden. „Meine eigenen Emotionen und Regungen muss ich zurückschrauben und sie ganz und gar in die Puppe stecken. Und. Aufpassen, sie nicht mit nach Hause nehmen. Der Zawrel zum Beispiel ist schon ein sehr heftiges Stück, schwer zu spielen, weil man weiß, dass es wahr ist. Da musst gefestigt in den Abend gehen, sonst gehst mit den fremden Emotionen zu Bett.“

Nein. Keine Verdoppelungen. „Ich weiß, wer ich bin und wer meine Puppen sind. Spür sie wie kostbare Instrumente. Als ob ich ein Geigenbauer wär, der besondere Geigen baut.“ Universalbegabung – wie Bewunderer flöten? „Nein, nein,  einzelne Spitzentalente. Meine Schwester, zwei Jahre jünger, die hat die  Generalbegabung, die kann alles! Ich hab Spitzen mit großen Lücken – ja, schlimme Ungeduld, Kopfrechnen der pure Horror, keinen Sinn für praktische Sachen, grad kochen kann ich, erwarte aber nicht, dass es jemand aufisst – doch meine  Spitzen passen genau auf das, was ich jetzt tu. Also kann ich auch  zufrieden sein.“

Die idealen Eltern

Die Eltern. Spielen eine tragende Rolle. Bibliophile Eltern. Vater Valentin war Verleger, Mutter Ulrike Bibliothekarin. „Ich eine Frühgeburt, immer schon extrem ungeduldig“ lacht Nikolaus sein Laster weg. „Ein Allergiekind, das im Frühlingsgrün zu leiden begann, folglich im Turnsaal saß und las, wenn die anderen draußen spielten. Mit Schwimmengehen war leider auch nix, Chlorwasser bekam mir nicht. Also Denksport!“

Opernbetört

Als Fünfjähriger (weiß jeder Habjan-Fan) sah Niki eine Kinderzauberflöte des Salzburger Marionettentheaters – und von da an war’s um ihn geschehen: Oper, Oper, Oper, am liebsten jeden Tag. Hilfe! Doch. Einmal mit Mama, dann mit Papa, mit Opa, mit Oma, bis ihn eine Garderoberin quasi adoptierte, und er mit Pausenjause bei ihr abgegeben werden konnte. Zuhaus hat er Marionetten aus Plastilin gebastelt. Der Opa half, und die Tante Gabi im Kindergarten erlaubte ihm, vor den anderen Kindern Programm zu machen. Dass weder er noch seine Schwester – nach einer Testphase  – Tennis spielen wollten, wurde abgehakt und nicht erzwungen. Andererseits: „Als ich das Wort Diktatur aufgeschnappt und, meinen Vater nach der Bedeutung gefragt hab, hat er’s mir erklärt – im Urlaub in Griechenland auf der Befestigungsanlage von Mykene, und es muss so lästig wie schwierig für ihn gewesen sein, einem Siebenjährigen Diktatur zu erklären.“

Puppenzauberer

Wie Klappmaulpuppen beweglich beseelte Texte sprechen, hat der Bub 14-jährig von dem Australier Neville Tranter gelernt. Leidenschaftsmutig hat er sich zwei Jahre älter geschummelt, um überhaupt beim Workshop mittun zu dürfen – als der große Revolutionär des Puppentheaters in Graz gastierte. Viel Talent wurde ihm vom Verehrten bescheinigt. Bloß, als er einen Milchzahn verlor, verriet er sich selbst. Ohne gröbere Konsequenzen. Hm, viele gute Geister, die das besondere Kind besonders bleiben ließen.

 Jetzt. Verwaltet der Vater seine Finanzen und die Mutter seine Termine. „Großartig! Höchste Dankbarkeit! Ganz am Anfang hab ich mich um diese Sachen gekümmert – und war völlig überfordert. Meine ständige Sorge: Hab ich was doppelt ausgemacht? Und das Geld: Ich merk mir keine Zahlen. Dann ging mein Vater in Pension und bot mir an, er könnte ja, wenn es mir Recht wäre ... Und ich kann mich ganz auf die Inhalte konzentrieren.“

Herr Berni: "Schlag sie tot!"

Und auf die besonderen Menschen. Simon Meusburger, bei dem Nikolaus während des Studiums der Musiktheaterregie an der Wiener Uni im Schuberttheater am Alsergrund seine Hingabe ans  Puppenspiel auslebte. In schrägen und provokanten  Stücken, bis 2016 als Co-Direktor. Dort hat er seine erste eigene Puppe gebaut, die beseelt war, Charakter hatte, sprach und sang. Den Herrn Berni. „Als ich zu kleben und nähen begann, hab ich Kreisler-Lieder gehört und entschieden, dass er keine Frau sondern ein Mann wird, Figur für die satirische Revue Schlag sie tot. So bekam Herr Berni seine dunkle Seele.“ Mit Meusburger entstand auch das Stück barbarischer Zeitgeschichte über Friedrich Zawrel und seinen Peiniger Heinrich Gross. Aus erster Hand erzählt – denn selbstverständlich war Zawrel an der Entwicklung beteiligt. „Bis zu seinem Tod kam er in jede Vorstellung.“

Jelinek und die Do!Demos

 2012 rief Matthias Hartmann den Puppenkünstler ans Burgtheater. Hm, vielleicht zur Rettung seiner Inszenierung irrlichternder Shakespeare-Sonette unter dem Titel Fool of Love. Verband ihn so mit Franui zu „einer heißen Liebe mit vielen Plänen“.

Ein Jahr später auch. Mit der Nobelpreisträgerin. Habjan baute die Jelinek Puppe für Schatten (Eurydike sagt).  Machte ihr Zöpfe nach einem Bild von früher. Schrieb dazu eine fragend Gefallen erhoffende Mail. Sie schrieb zurück, dass sie die Haare jetzt offen trage, nur die Tolle gebe es noch.  Ein paar Monate später saß er bei ihr zuhaus in München: „Wir haben uns richtig angefreundet.“

Den Nestroy-Preis für Schatten sollte er mit der Puppe für Elfriede Jelinek entgegennehmen und ihre Rede verlesen. „Nein. Wenn. Dann. Deine Stimme!“ So geschah’s und damit  war die Nobelpreisträgerin beinah wirklich im Saal. Am 16. März 2019 wird er  Am Königsweg – das „Stück des Jahres“ für Theater heute – als österreichische Erstaufführung am Landestheater St. Pölten inszenieren.

Zuletzt. Sprach die Jelinek-Puppe Jelineks Aufruf für die Donnerstag-Demos. Habjan geht hin. „Wär ja sonst blöd. Manchmal erst bissl später nach der Probe. Barbara Petritsch kommt auch immer mit.“