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Interview
06/20/2020

Jean Paul Gaultier: "Ich habe noch viel vor"

Das frühere "Enfant terrible" der Fashionszene im FREIZEIT-Exklusiv-Interview über 50 Jahre im Mode-Business.

von Bernhard Praschl

Außenseiter, Autodidakt, Aufreger: Weil der große Modeschöpfer Pierre Cardin vor 50 Jahren von seinen Modeskizzen so angetan war, landete mit Jean Paul Gaultier ein schlaksiger Bursche aus der Pariser Vorstadt in der Haute Couture. Als Kind bastelte der Sohn eines Buchhalters und einer Kassiererin in einem Restaurant Kostüme für seinen Teddybär, später zeichnete und schneiderte er Fantasien für Stars wie Madonna oder David Beckham.

Anfang des Jahres gab Gaultier, der erst vor Kurzem seinen 68. Geburtstag feierte, nach einer spektakulären Haute Couture Show in Paris seinen Rückzug aus dem Modebusiness bekannt. Sein Markenname wird aber weiterhin bestehen, verspricht der Modemacher, der Männer schon in Frauenkleider gesteckt hat und Frauen in Kleider, die wie Rüstungen wirkten.

FREIZEIT: Monsieur Jean Paul Gaultier, Sie waren ein halbes Jahrhundert für die Mode tätig. Das ist ein ziemlich langer Zeitraum. Ebenso beeindruckend ist die Liste der Tabus, die sie brachen und der Provokationen, mit denen Sie die Modeszene aufrüttelten: fast schon gefährlich spitz geformte BHs, enge Korsette für Frauen, Röcke für Männer. Muss Mode provozieren, um wahrgenommen zu werden? 

Jean Paul Gaultier: Überhaupt nicht. Ich wollte mit meinen Entwürfen nie provozieren. Dass diese als Provokation aufgefasst wurden, sagt eine Menge über unsere Gesellschaft aus. Ich selber habe die Tabubrüche nie bewusst angestrebt. Unser Job als Modedesigner ist es, die Stimmungen in der Gesellschaft aufzuspüren und diese  in unsere Arbeit, in unsere Entwürfe einfließen zu lassen.

Können Sie das bitte anhand einer Ihrer Kreationen näher erklären?

Als ich Mitte der 1980er-Jahre für Männer einen dem schottischen Kilt verwandten Kittel präsentierte, hatte ich das Gefühl, dass sich die Zeiten endlich geändert haben. Insofern, als sich nach den 1970er-Jahren auch die Rolle des Mannes geändert hat. Männer konnten nun auf einmal auch Gefühle und ihre weibliche Seite zeigen. Nichtsdestoweniger glich mein erster Rock eher einem Hosenrock. Womöglich, weil sein Schnitt auch von den Kellnerschürzen in Frankreich inspiriert war.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Frauen wieder in ein Korsett zu schnüren?

An der Wende zu den 1980er-Jahren fiel mir auf, dass meine Freundinnen wieder begannen, Büstenhalter und Seidenunterwäsche zu tragen. Ein Jahrzehnt zuvor waren BHs noch verbrannt worden. Ich kombinierte eben, dass nun die Zeit gekommen sei, das Korsett wieder en vogue zu machen.

Und zwar nicht als Zeichen der Unterdrückung, sondern als eines der Befreiung. Das beste Beispiel dafür sind dann auch meine Kostüme für Madonnas „Blonde Ambition Tour“.

Anfang des Jahres haben Sie nach einer spektakulären Haute Couture Show in Paris Ihren Rückzug aus der Modewelt bekannt gegeben. Ihr Kollege Christian Lacroix aber ist sich sicher, dass Sie noch einige Projekte im Köcher haben. Können Sie uns ein paar davon verraten?

Ich habe noch viel vor. Aber  es ist zu früh, um darüber zu reden. Das Couture-Markenzeichen Jean Paul Gaultier wird es weiterhin geben, mit einem neuen Konzept und einer ersten Kollektion mit einer Gast-Designerin im kommenden Jänner.

Soviel steht jetzt schon fest:  Es wird Chitose Abe vom japanischen Luxus-Label Sacai  sein. Die „Fashion Freak Show“ wird nächstes Jahr genauso auf Tour gehen.

So bleiben Sie in Mode – wie auch Ihr Markenzeichen, das Ringelleiberl mit den  blau-weißen, den sogenannten  bretonischen Streifen. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es  nie aus der Mode kommt?

Jean Paul Gaultier: Ich glaube, Menschen lieben einfach Uniformen. Diese Streifen selbst stammen aus dem 19. Jahrhundert und hatten eine wichtige Funktion. Matrosen trugen diese Shirts, weil sie mit ihnen früher gesichtet wurden, falls sie  über Bord gehen sollten. Jetzt lassen sie eher an Reisen und Urlaub am Meer denken. Tja, so ändern sich die Zeiten.

Apropos früher:  Sie wuchsen als Einzelkind auf, waren sehr schüchtern und hatten als Spielkameraden nur einen Teddybären.

Ja, er ist eine Sie und sie heißt Nana.

Offenbar hüten Sie Ihren Teddybären nach wie vor. Man sieht Nana auch in der Filmdoku „Freak & Chic“, die wie eine bunte Revue durch ihre schillernde  Karriere gestaltet ist. Hat dieser Bär andere Spielkollegen – oder ist Nana ein Einzelkind wie Sie?

Die JPG-Doku "Freak & Chic" läuft in Wien am 14. Juli um 18h im Filmhaus Spittelberg; der Termin für einen regulären Kinostart steht noch nicht fest.

Nana ist definitiv ein Einzelkind. Nachdem sie für die Jean-Paul-Gaultier-Exhibition durch die Welt gereist ist und neun Monate lang in Paris im Varieté Les Folies Bergere auf der Bühne stand, ist sie froh, endlich wieder zu Hause zu sein, in einem Schuhkarton.

Sie haben miterlebt und auch daran mitgewirkt, dass und wie sich die Mode in den vergangenen 50 Jahren  verändert hat – von den Punks mit Sicherheitsnadeln in der Wange und engen Lederhosen bis hin zu extravaganten Kreationen. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie sich die Mode auf der Welt in den nächsten 50 Jahren ändern wird?

Ich bin kein Hellseher und man braucht es auch nicht zu sein, um zu bemerken, dass sich Mode entscheidend ändern muss. Nicht nur im Stil, sondern in jeder Hinsicht. Es gibt einfach zu viele Kleider und nicht genug Menschen, diese zu tragen. Die gegenwärtige Krise zeigt nur die Defizite auf, die das System hat, für das wir derzeit produzieren.

Einst steckten sie den Fußballer David Beckham in einen Sarong. Mittlerweile ist im Sport noch  mehr Geld im Spiel, aber viel  weniger Spaß. Oder wüssten Sie einen Athleten, für den Sie jetzt etwas Unorthodoxes entwerfen könnten?

Also, ich bin da echt nicht am Laufenden. Manchmal verfolge ich Eislauf-Bewerbe. Vielleicht sehen wir uns ja da einmal? 

Zur Person

Jean Paul Gaultier wurde am 24. April 1952 geboren. 1970 engagierte ihn Pierre Cardin als seinen Assistenten, die Basis zu seinem raschen Aufstieg. Inspirieren ließ er sich von der Londoner Punkszene genauso wie von Extravaganzen aus dem Barock. Für Luc Bessons Film „Das fünfte Element“ schuf  er 1997 sämtliche Kostüme. Von 1993 bis 1997 moderierte er für Channel 4 das Magazin „Eurotrash“.

"Le Male" und "Classique": Seine Parfüms sind Millionenseller, alleine wegen ihrer chicen Form.