freizeit
15.09.2018

Mehr als eine Erinnerung: Mythos Romy Schneider

Rosemarie Albach, nach ihrer Mutter Schneider genannt, wär am 23. September 80 geworden. Sie starb mit 43 Jahren an Herzversagen. Zum Mythos entrückt. Mit tausend Girlanden. Für jeden, der sie kennt, individuell präsent. Erinnerungssplitter.

Pathos en gros. Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Ein Mädchengesicht, das in Kameras die tiefsten Gefühle spiegelt. Sehnsucht, Angst, Glück, Einsamkeit, Kummer. In der Öffentlichkeit gebändigt, dank der strengen Dressur eines Internatszöglings, des automatisierten Strahlens einer Filmprinzessin. „Lächle!“, puffte Magda Schneider Tochter Romy in den Rücken, wenn sie am Flughafen Madrid bei drängendem Ansturm sissibeseligter Massen in Panik geriet. Mammi, von Pappili Wolf Albach-Retty „wegen der Frauenzimmer“ verlassen.

Beide UFA-Stars im „Trallala-Hopsasa-Genre“ (O-Ton Magda), und in des Führers Gunst. 1936 lässt die Mutter in Mariengrund bei Berchtesgaden ein Haus bauen, in das sie Romy und Bruder Wolf unter Aufsicht ihrer Eltern gibt. Nur ein Katzensprung nach Obersalzberg, wo Adolf Hitler Hof hält. Romy? Ihre ersten zehn Jahre sind fröhlicher geprägt als die der meisten deutschen Kriegskinder. Damals kann sie nichts wissen. Später denkt sie mit der Seele. Heiratet Harry Meyen, nach Hitlers „Rassengesetzen“ Halbjude, als 18-Jähriger mit viel Glück dem KZ entkommen. Gibt ihren Kindern jüdische Namen – David und Sarah – als dies noch nicht Mode ist. Spielt immer wieder Naziopfer in französischen Filmen, zuletzt Die Spaziergängerin von Sanssouci.

"Morgen will ich mein ganzes Leben umkrempeln"

Ihr Pappili? „Ach der. Familie konnte er nicht. War ein schöner Mann. Hat gern gelacht. Und laut.“ Ihr Tagtraummann im Kloster-Internat und über alle Lieben bis zum Schluss. Nie hinterfragt. Die Mutter heult sich jahrelang die Augen nach Albach-Retty aus und bürstet seine Anzüge. „Manchmal“, erzählt Romy dem Stern-Reporter Michael Jürgs „kroch ich in seinen Kleiderschrank. Da wollte ich ihn riechen. Das war, als würde er mich im Arm halten. So eng war das.“

Klare Sicht auf sich selbst. Im Tagebuch. Flüchtige Klarheit, bald wieder verdrängt. Nur Momentaufnahmen von Gefühlen eines 16-jährigen, von Mutter und Stiefvater getriebenen „Stars“, zwischen rosaroten Wolken und Müdigkeiten bis zum Umfallen: Ich bin halt ein Nerverl. Mir ist alles zuzutrauen. Heute bin ich ganz verrückt vor Glück. Morgen will ich mein ganzes Leben umkrempeln. Übermorgen lasse ich mich von Minderwertigkeitskomplexen und Depressionen auffressen ... notiert Romy in den Ferien im Kindheitsparadies Mariengrund. Hat in den letzten zwei Jahren fünf Filme gedreht, mit allem Premieren-Hotels-Klamotten-Schmink-Frisuren-Fan-Trallala, das dazugehört:
Es wird am besten sein, wenn ich einfach auf einer Insel verschwinde, immer nur komme, um einen Film zu drehen und dann ganz schnell wieder türme. Dann weiß ich nichts vom Marktwert und sonstigen Begriffen, die verdächtig nach Viehmarkt riechen.

Klick! Als wäre Romy Schneiders Bild hier eingefroren. Alle Widersprüche, alle Zerrissenheiten früh in das Zickzack-Muster gefasst: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. „Ist das deutsch?“; wird sie zehn Jahre später Hans-Jürgen Syberberg fragen, als er den Dokumentarfilm Romy – Porträt eines Gesichts im Auftrag des Bayerischen Rundfunks dreht. Die Antwort gibt sie sich selbst: „Wenn ja, dann bin ich sehr deutsch.“ Das richtige Wort zur richtigen Zeit. Mit Harry Meyen lebt sie gerade in Berlin.

Zurück. Nach dem hitzig spontanen Ausbruch aus Mammis & Daddys Umklammerung, Überwachung, Maßreglung ihres Goldstücks Sissi. Tanzen, Flirten? Oje. Szenen auf jedem Filmball. Wegen Horst Buchholz, mit dem sie Monpti gedreht hat, wegen Delon, ihrem Partner in Christine, der Verfilmung von Schnitzlers Liebelei. Also Schluss mit den Übergriffen des protzigen Gastronomen Blatzheim, vor dem sie die Badezimmertür versperrt und der später, so Michael Jürgs, ihre Millionengagen in die Luft jagt. Weg aus dem Kölner Spießermilieu. Ins schicke Paris, zu Delon, dem „Gallischen Hahn“, zum Erbfeind Frankreich. Große Liebe! Die deutsche Presse schreibt „die Emigrantin“ ins Bodenlose.

"Ich will ganz französisch sein"

Sissi aber erfindet sich neu. Blüht auf bei ihrem ersten selbstbestimmten Versuch, Traum und Leben zu harmonisieren. Gelingt. Ein Weile. Sie entdeckt ein unbekanntes erotisches Biotop, Marlene Dietrich öffnet ihr die Türe, Coco Chanel kleidet sie ein, deutsche Reklamationen kontert sie trotzig: „Meine Heimat ist Frankreich. Ich will ganz französisch sein in der Art, wie ich lebe, liebe, schlafe und mich anziehe.“

Delon filmt und filmt, doch bevor Romy durchdreht ohne Arbeit nur als „Frau an seiner Seite“, bringt er sie mit Luchino Visconti zusammen – diesem herrischen Italiener mit dem Ruf eines grausam quälenden, doch genialen Regisseurs. Sie unterwirft sich seinem Genie bis zur kompletten Selbstaufgabe. In dem Hasardspiel, auf der Bühne des Théâtre de Paris mit Delon in dem Renaissancestück Schade, dass sie eine Hure war zu debütieren. Lernt französisch, lernt sich auf der Bühne zu bewegen – und gewinnt haushoch.
Visconti als Durchbruchsakkord zum Beginn einer neuen Karriere. In Frankreich, in den USA: mit Anthony Perkins die Leni in Kafkas Prozess unter der Regie von Orson Welles. In Hollywood.

Geheimnis Frau

Kopfherzbauchüber sind Millionen in Romy Schneiders Filme gekippt. Vier, wenn nicht fünf Generationen. Nur: Welche Menschen? In welchem Land? In welcher Zeit? In welchen ihrer 59 Filme? Lieblingsfilme verbergen ja auch immer ein Stück eigener Lebenswirklichkeit.

Ach! So viele große Ösi-Buben waren als kleine Buben in Sissi verliebt, wollten sie vor Schwiegermutter Sophie beschützen, blieben Romy über alle Filme treu, erhitzten sich am Swimmingpool, der das einstige Liebespaar Schneider & Delon textilarm wieder zusammenbringt, Kernfrage: Wie heiß sind ihre Küsse heute? „Nichts ist kälter als eine tote Liebe“, sagt Romy. Und deckt das Spektrum Nackte Haut mit La Califfa und der Satire Das wilde Schaf für den Zeitgeist der Siebzigerjahre glänzend ab. Doch. Um das Mysterium Romy zu begreifen, beschwören ihre Verehrer den Besuch von Kaiserin Elisabeth bei ihrem homosexuellen Cousin Ludwig II. in Bayern herauf: Ein Kurzauftritt im schwarzen Reitgewand kondensiert binnen weniger Minuten das Geheimnis Frau in ihrem Gesicht, ... Schönheit, Leid, Weiblichkeit, Lust, Freundschaft, Verstehen. Meta-Erotik. Andeutung eines potenziellen Paradieses. Eine hoheitsvoll melancholische Sünderin treibt die süße Kindkaiserin endgültig aus. Regisseur ist Visconti,  für Romy ihr „Lehrer“, ihr „Meister“. Sie liebe ihn, hat sie damals in Paris gesagt.

"Ein Kind ist da. Ein Leben. Meines jetzt"

Fazit. „Ich kann alles auf der Leinwand, im Leben nichts.“ Als Delon geht, schneidet sie sich die Pulsadern auf, wird gerettet, der Skandal vertuscht. Das häusliche Glück mit Harry Meyen und Sohn David in Berlin steuert allzurasch auf die Katastrophe zu. Schmerz und Glück. Ein Kind ist da. Ein Leben. Meines jetzt: Christopher, David Benjamin heißt er ... hat Romy nach der Geburt geschrieben. Schöne Illusion. Doch nur ihr halbes Leben.

Die Synthese aus allen Frauen

Ausgerechnet Delon gibt ihr die andere Hälfte zurück, als er sie zu Swimmingpool einlädt. Mit Claude Sautet – „Sie ist die Synthese aus allen Frauen“ – vergoldet La Schneider in Frankreich ihr zweites Ruhmesblatt nach Sissi, diesmal als Filmkünstlerin anerkannt. Meyen hingegen scheint nichts mehr einzufallen. Er bekommt keine Angebote mehr. Sie zieht nach Paris, sie lassen sich scheiden. 1979 erhängt er sich. Sie wirft sich vor: „Ich hätte mich mehr um ihn kümmern müssen.“ David zumindest hat sich an Daniel Biasini gewöhnt, Romys neue Verheißung möglichen Glücks in einem Haus auf dem Lande. Tochter Sarah wird geboren. Drei Jahre später: Tabula rasa. Und nein. Wir wühlen nicht im Dreck.

"Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider!"

3 Tage in Quiberon. Ausgebrannt, zerstörerisch allen Ängsten ohne den geringsten Selbstschutzmechanismus ausgeliefert, fährt Romy in den Kurort Quiberon: Ruhe, Detox, Entspannung! Ach was. Kleines Date mit der Presse, ihrer Hassliebe seit  je. Ein Interview für den Stern, Reporter: Michael Jürgs, Fotograf: Robert Lebeck. Der ist eine Art Trostpflaster, einer von jenen Männern, die sie wunderbar finden, sie beschützen möchten, ohne ihrer verführerischen Macht zu erliegen. Also Rauchen, Rotwein, wilde Lustigkeit. Lebecks intimste Fotoserie entsteht: Romy mit Kopftuch, Romy beim Tanz mit einem vergammelten Alten, Romy im Sprung auf den Felsen. Zickzack. Jürgs quält, provoziert. Natürlich auch mit der von ihr gehassten Sissi. Die Antwort: „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider!“ Legendär mittlerweile, dieser Satz, so zynisch das klingt.

Emily Atef hat das Interview verfilmt: Da erzählt die wunderbare Marie Bäumer als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs Reporter Michael Gwisdek über ihr kaputtes Leben. Und Charlie Hübner als Meisterfotograf Lebeck breitet die Arme aus und hutscht das verlorene Mädchen durch die Nacht. Deutschland hat 3 Tage in Quiberon für den Auslands-Oscar nominiert.

"Ich habe nie einen wirklich großen Film gemacht"

Der Mythos. Romys letzte Illusion heißt Laurent Pétin, 32, ein Beschützertyp, liebevoll. Zu spät. Fast für alles. Der Schauspielerin wird eine Niere entfernt. Die Nachrichten melden täglich Madame Schneiders Gesundheitszustand und Präsident Mitterrand wünscht gute Besserung. Sie rafft sich auf, für den Film Die Spaziergängerin von Sanssouci, er liegt ihr am Herzen, sie hat das Projekt initiiert. An einem Sonntag im Blühen der Provence kommt die Nachricht: David ist tot. „Mein Kind ...“
Ihr Herz versagt nicht ganz ein Jahr später.
„Ich habe nie einen wirklich großen Film gemacht“, krittelt Schneider gegen Ende ihres Lebens. Die Begeisterung über ihr Naturtalent ohne eine Stunde Schauspielunterricht, die Attribute „entzückendes Mädchen“, „beachtliche Begabung“, das neidlose Lob der alten Hasen Willi Fritsch und Hans Albers, Lilli Palmers Verblüffung über Romys traumwandlerische Präsenz, den überwältigenden Erfolg des Kaiserkitschs Sissi I fand sie nur am Anfang „himmlisch“. Liebte das zerlumpte Ding an der Seite von Horst Buchholz, das sie in Robinson soll nicht sterben spielen durfte, ertrotzt für ihre Einwilligung zu Sissi II.

"Sie pappt an mir wie Grießbrei"

Doch als Schauspielerin nimmt sich Romy zum ersten Mal in Mädchen in Uniform neben Kalibern wie Therese Giehse und Lilli Palmer wirklich ernst. Der einstige Zögling des Klosterinstituts Goldenstein weiß Bescheid über einsame Mädchen wie Manuela. Ja, die strenge Vorsteherin, die moderne heiß angeschwärmte Lehrerin, der verboten erotische Kuss von Schülerin und Lehrerin! Kult für alle Klosterschülerinnen damals, die nicht Prinzessin werden wollten. Die Kritiker jedoch zementierten Romy bei allem Lob über ihre Ausdruckskraft heileweltkonform ins Klischeebild Sissi ein: „Sie pappt an mir wie Grießbrei“, hadert Romy. Immerhin. Als die Selbstkritische ganz zuletzt eine Liste ihrer 59 Filme durchging, habe sie zehn als gut angekreuzt, schreibt Alice Schwarzer.

In der Statistik gewinnt die Sissi-Trilogie. 71 Lizenzen von Hongkong bis Brasilien meldete Beta-Film 2014. Der Prinzessinnentraum, überall und immer noch geträumt, Instagram & Co zum Trotz. Unauslöschbar. So unterschiedlich er auch einherschwebt – von den Fünfzigerjahren nach dem großen Krieg bis heut in einer globalisierten Welt, in populistischen Systemen, aus feministischer Sicht. Zuversicht.

Lesestoff:
-Der Fall Romy Schneider. Eine Biographie. Michael Jürgs. (Ullstein, 10 €)
-Romy Schneider. Mythos und Leben. Alice Schwarzer  (KiWi, 10,30 €)
-Ich, Romy: Tagebuch eines Lebens. Hrsg. von Renate Seydel (Piper, 24 €)