freizeit
08.09.2018

Mauritius, das Paradies, das einst die Hölle war

Erkundungen auf der Zuckerinsel am Rand von Afrika mit Mark Twain als Reiserführer.

Unglaubliche 225.000 PS halten mich in 10.000 Meter Höhe in der Luft. So viel Kraft ist notwendig, um die 560 Tonnen Gewicht des größten Flugzeugs der Welt, des Airbus A 380, diesmal auf Kurs Mauritius, zum Fliegen zu bringen. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich uns heute das Nichtselbstverständliche vorkommt. Auf einem Langstreckenflug trifft man verschiedene Spezies von Menschen: die Schläfer, die Filmgucker, die Tratscher, neuerdings auch die Surfer, und relativ rar auch Leser wie mich.
 „Following the Equator“, auf Deutsch „Reise um die Welt“ begleitet mich auf diesem Flug, ein heiterer Reisebericht, den Mark Twain vor über hundert Jahren aus schierer Verzweiflung geschrieben hat. Nachdem der gelernte Schriftsetzer, der mit zwölf die Schule abgebrochen hat und eigentlich Samuel Clemens hieß, sein  Vermögen in die Entwicklung einer revolutionären Druckmaschine gesteckt hatte, die nicht hielt, was sie versprach, stand er mit umgerechnet drei Millionen Euro in der Kreide. Die Gläubiger waren ihm auf den Fersen. Um seine Schulden loszuwerden, brach der 60-Jährige zu einer Weltreise auf, die ihn auch nach Mauritius führte. Ende März 1896 war Twain von Calcutta aus bei stürmischem Wetter nach Mauritius in See gestochen. Fast drei Wochen später legte sein Schiff in Port Louis an, der Hauptstadt der damaligen britischen Kolonie. Die kleine Insel, gerade einmal 65 Kilometer lang und 45 Kilometer breit, galt als süßes Ziel: Mauritius war der größte Zuckerproduzent des Britischen Empire. Früher war nicht alles besser: Meine Reise zur Zuckerinsel dauert nur rund 16 Stunden und sie gewährt mir ein unerhörtes Privileg, das Mark Twain, der dem Luxus nicht abgeneigt war, wohl gefallen hätte. Das Flugzeug verfügt über eine Bar in den Lüften, wo sich Business-Class-Passagiere zu einem Schwätzchen und einem Drink treffen können. Und so bestelle ich in zehn Kilometer Höhe bei der weißrussischen Stewardess, die jetzt als Barkeeperin fungiert, einen Mojito wie aus dem Cocktail-Lehrbuch: Bacardi Rum, frischer Limettensaft, Minze, Sodawasser, Eis und ... Zucker aus Mauritius. Denn der gilt nach wie vor als der beste der Welt. Der braune mauritische Demerara-Zucker in meinem Mojito schmeckt wie ein einziges, süßes Versprechen von Palmen, Sand und Meer.
 Ob wir Kaffee und Zucker zu unserem Glück wirklich brauchen, weiß ich nicht so genau, aber sicher ist: Beides hat der Welt viel Elend beschert. Im 17. Jahrhundert, als die Holländer gerade als Kolonialherren auf Mauritius regierten, war Zucker in Europa so kostbar wie heute Kaviar. Also begann die Französische Ostindische Handelskompanie damals mit der Pflanzung von Zuckerrohr in Mauritius und importierte schwarze Sklaven aus Afrika und Madagaskar, die unter elenden Bedingungen auf den Plantagen schufteten. Als den später britischen Kolonialherren 1835 die Sklaverei verboten wurde, setzte ein Massenimport von „Kulis“ ein, wie man die  billigen Arbeiter aus Indien nannte. Diese Masseneinwanderung wurde 1871 gestoppt, weil die Inder schon einen Anteil von 60 Prozent an der Gesamtbevölkerung erreicht hatten. So entstand ein buntes Völkergemisch aus Indern, Afrikanern, Chinesen und Weißen, das auch Charles Darwin faszinierte, als er 1836 mit dem Forschungsschiff
Beagle auf Mauritius landete und durch die Straßen von Port Louis schlenderte. Fast alle Mauritier sprechen auf dieser Multikulti-Insel mindestens drei Sprachen: Créole, Französisch und Englisch. Der Großteil der 1,3 Millionen Einwohner bedient sich zu Hause des Créole, das dem Französischen ähnlich ist. Port Louis wird von den Einheimischen deshalb meist „Porlwi“ genannt: der kreolische Name der Stadt. Die Insel im Indischen Ozean ist ein touristischer Glücksfall: Die Insulaner sind ein freundliches Völkchen, es herrscht Friede und Stabilität, und die Insel verfügt über 330 Kilometer Küste, die besonders im Osten voller paradiesischer Sandstrände ist.
Wenn man mit dem Mietwagen die Insel erkundet, fühlt man sich tatsächlich wie in Zuckerland. Grünes Zuckerrohr und blauer Himmel so weit das Auge reicht.  Trotz der großen Krise, die vor zehn Jahren viele Zuckerfabriken hinwegraffte, sind immer noch neunzig Prozent der Ackerfläche mit Zuckerrohr bebaut, einer Pflanze, die einst von holländischen Siedlern aus Java importiert wurde.  Die ersten Seefahrer,  die Mauritius betraten, Araber und später Portugiesen, kamen allerdings nicht wegen Zucker, sondern wegen Salz – und Trinkwasser. Mauritius ist mit natürlichen Salzpfannen gesegnet und Salz war damals das probate Mittel, um Fisch und andere Nahrungsmittel für weite Seereisen  haltbar zu machen.
Unser nächstes Ziel ist eine Tasse Tee, genauer die älteste Teeplantage der Insel namens Bois Chéri. Die Fahrt bietet Zeit, um über wundersame Verwandlungen vom Paradies zur Hölle und retour nachzudenken. Mauritius gehört mit La Réunion und Rodrigues zur Inselgruppe der Maskarenen, vulkanische Eilande, die vor acht Millionen Jahren aus dem Meer auftauchten. Das Besondere: Mauritius war niemals mit dem afrikanischen Kontinent verbunden, was dem Eiland eine ganz eigene Tier- und Pflanzenwelt bescherte.   Und die Insel  war vor der Ankunft der europäischen Kolonisten völlig unbewohnt.
Als die Holländer 1598 das Eiland in Besitz nahmen, waren sie von der Schönheit und Fruchtbarkeit überwältigt. Es gab dichte Wälder aus wertvollem Ebenholz, saubere Flüsse, keine Raubtiere, keine Ratten, aber seltsame, harmlose Wesen wie den Dodo, einen flugunfähigen Vogel, der rund ein Meter groß war. Mauritius war ein unentdecktes Naturparadies. Damit war es mit seiner Entdeckung vorbei. Als erstes fällten die Holländer einen Großteil der Ebenholzwälder und der Küstenpalmen. Der Dodo und dreißig andere Tierarten waren in ein paar Jahrzehnten ausgerottet. Dafür schleppten die fremden Schiffe Ratten und Mäuse ein. Im 18. Jahrhundert, als Mauritius hundert Jahre lang als „Isle de France“ unter französischer Herrschaft stand, galt das abgelegene Eiland als Ratten- und Piratennest. Ein französischer Seefahrer taufte damals Mauritius in „Königreich der Ratten“, weil ihm die Nager nachts über den Körper krochen.
 Die Zuckerrohr-, Kaffee-, Tee- und Gewürzplantagen erforderten Sklavenarbeit, eine Hölle auf Erden. Im 19. Jahrhundert, nachdem die Sklaverei abgeschafft worden war, wollten die inzwischen britischen Kolonialherren beweisen, dass man Plantagen auch mit Niedrigstlohnarbeitern  rentabel führen kann. Eine düstere Zeit. Aber: Mauritius hat im Gegensatz etwa zum nahen  Madagaskar und den meisten afrikanischen Ländern seine Chance genützt und ist im 21. Jahrhundert eine florierende, aufstrebende Insel geworden. Die Mauritier haben eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Afrika und die Weltbank hat das Land zum besten afrikanischen Business-Land gekürt.
 Die Teeplantage Bois Chèri ermöglicht eine wundersame Zeitreise in britische Kolonialzeiten.   In der Teefabrik inmitten von 250 Hektar gepflegter Teeplantagen rattern die Maschinen, die die Blätter brechen, fermentieren und trocknen, ehe sie drei Monate lang gelagert werden, um einen guten Geschmack zu entwickeln.  Und oben auf dem Hügel steht die alte Villa der Plantagenbesitzer, die jetzt ein schönes Restaurant ist, wo man vor einem weiten Horizont verschiedene Teesorten verkosten kann. Alles ist wunderbar grün, das grünste Grün der Welt.
 Mauritius, zwanzig Grad südlich des Äquators und rund 1.700 Kilometer von der afrikanischen Küste entfernt, gilt zu Recht als Trauminsel. Lange Zeit war die Destination mit ihren erstklassigen Hotels und wunderbaren Stränden ein Ferienparadies für den Jet Set. Doch das blieb nicht so. 1970 kamen gerade einmal 18.000 Touristen nach Mauritius, 2017 waren es – vor allem dank Billig-Flüge -– mehr als 1,3 Millionen.
 Die traumhaftesten Strände und glamourösesten Hotels findet man an der Ostküste der Insel. Es sind klingende Namen wie Grand Baie, Trou aux Biches mit weißem Sand und schattigen Casuarina-Bäumen, oder die berühmte Île aux Cerfs, eine Halbinsel, die nach Hirschen benannt ist, die früher einmal über den weißen Pudersand gelaufen sind.  
Wir machen uns auf zu einem der allerschönsten Strände der Insel, der auch genauso so heißt: Belle Mare Plage. Zehn Kilometer makelloser Sandstrand, ein Hotspot der Reichen und Schönen. Auf verwöhnte Gäste warten Luxushotels wie das Prince Maurice oder das Belle  Mare Plage-Hotel, das  gleich zwei 18-Loch-Golfplätze zur Auswahl bietet.
 Im Blue Penny Weinkeller des von dem Deutschen Gert Puchtler geführten Belle Mare Plage Hotels bin ich zu einem besonderen Flug verabredet, einem Wein-Flug. Wer das exklusive À-la-Carte-Restaurant  betritt, fröstelt erst einmal. Hier herrschen der edlen Tropfen wegen  eisige Temperaturen. Würde die Kühlanlage ausfallen, würden immense Werte vernichtet. Nicht weniger als 15.000 Weinflaschen, die von 1.300 Weingütern aus aller Welt stammen, lagern im Blue Penny Cellar. Eine Verkostung nennt sich  „Wine flight“ und der Sommelier am Steuer ist eine quirlige Frau namens Malin De Lores, die fast alles über Wein zu wissen scheint.
Von ihr wollen wir noch ein wenig erzählen, weil ihre Geschichte die Entwicklung dieser schönen Insel widerspiegelt. Vor 50 Jahren, als die Briten die Insel aufgaben, war Mauritius ein Land, das fast nur vom Zuckerrohr lebte. Später entstanden Industrien, häufig finanziert von südafrikanischen Investoren, die erst vor den Apartheid-Sanktionen und später vor der politischen Unsicherheit flohen. Besonders gut entwickelte sich die Textilindustrie.
 Malin De Lores begann wie viele als  sehr junge Frau in einer Textilfabrik zu arbeiten und strickte jahrelang Pullover. Eines Tages bot ein reicher britischer Urlauber ihrem Ehemann, einem versierten Tischler, einen Job in England an. Es ging um feine Tischlerarbeit in einem schlossähnlichen Landhaus. Malin folgte ihrem Mann nach England und lernte staunend das Leben der britischen Oberschicht kennen, wo ein Aston Martin, ein Bentley und ein roter Mini wie selbstverständlich vor der Landhaustür standen. Nach dieser Erfahrung wollte die junge Mauritierin ihr Leben  ändern und beschloss nach ihrer Rückkehr in den Tourismus zu wechseln, der heute für Mauritius so wichtig ist wie früher der Zucker. Ihr Interesse für Wein und ihr Ehrgeiz gefielen dem Boss, der ihr eine solide Ausbildung zur Sommeliere ermöglichte und ihren Aufstieg zur Top-Sommelier-Liga Afrikas.
Es gibt übrigens klimatisch bedingt – zu feucht, sorry  – keinen mauritischen Wein, jedenfalls keinen aus Trauben, wohl aber einen aus Lychees. James Bond mit unbeschränktem Spesenkonto würde aus der Weinkarte des Blue Penny Cellar vielleicht einen Romanée-Conti Grand Cru aus dem Jahr 1997 um nicht unbescheidene 9.700 Euro bestellen, ich aber koste brav den nächsten guten, aber leistbaren Tropfen auf dem WeinFlug und träume von weißen Stränden und wiegenden Palmen.
Wer weiß, vielleicht ist ja Mauritius tatsächlich die Vorlage fürs Paradies.