Von Beischlaf bis "Seggs": Die Kunst, Sex nicht Sex zu nennen
Eine kleine Reise durch die komischsten, zärtlichsten und amtlichsten Umschreibungen für den Begriff "Sex".
Auf Instagram heißt Sex meist „Seggs“. Und: S*ex. Oder er versteckt sich hinter reifen Obstsorten. Die Melanzani hat seither ein Imageproblem.
Ganz neu ist der Eiertanz nicht. Der Mensch hatte immer schon Sex, aber er hat ihn oft nicht so genannt. Stattdessen wurde er verkleidet, verniedlicht und in die gute Stube der Sprache verwiesen, wo er sich gesittet benehmen soll. So sagt man nach wie vor nicht: Hey, die zwei haben Sex. Sondern eher: Die schlafen miteinander.
Was eine erstaunliche Beschönigung ist. „Miteinander schlafen“ hat nämlich eher die Anmutung von Schnarchen und orthopädischer Matratze. So richtig amtlich wird’s beim „Beischlaf“. Das klingt, als hätte ein Amtsrat die Libido erfunden. Kein Wunder, dass man dabei nicht an Orgasmen denkt, sondern an ein Formular: Beischlaf erfolgt: ja/nein, bitte ankreuzen.
Und dann das „beiwohnen“. Man kann einer Theaterpremiere beiwohnen, einer Gemeinderatssitzung oder Gerichtsverhandlung – und offenbar auch einem Menschen. So wird Sex in den Tonfall einer Anwesenheitsliste übersetzt. Leidenschaft, aber protokolliert.
Auch hübsch: „Verkehr haben“. Das ist so ziemlich die unromantischste Metapher. Klingt nach Tangente und Einparkproblemen. Und natürlich: „Liebe machen“. Als würde man etwas in der Küche herstellen: Marmelade. Oder Strudel. Dabei ist der Satz gar nicht so falsch. Im besten Fall gibt’s beim Sex nicht nur Körperkontakt, sondern auch Beziehung, Vertrauen, Nähe. Nur klingt es halt so, als müsse man dafür das Backrohr vorheizen.
Ich persönlich mag ja den Begriff „schnackseln“. Ein wunderbares Wort, das nach etwas klingt, das man nach dem dritten Spritzer tut, während irgendwer Ziehharmonika spielt. Es hat Witz und nimmt dem Sex die Schwere.
„Miteinander schlafen“ hat nämlich eher die Anmutung von Schnarchen und orthopädischer Matratze. So richtig amtlich wird’s beim „Beischlaf“. Das klingt, als hätte ein Amtsrat die Libido erfunden.
Ein Bett im Kornfeld
Auch „ein Gspusi haben“ gehört in diese Kultur des Nicht-so-genau-Sagens. Trotzdem charmant. Ein Gspusi ist keine Ehe und keine Lebensentscheidung, sondern irgendwas zwischen Kaffeehaus, Ringelspiel und Stundenhotel. Schließlich gibt’s noch musikalische Nebelgranaten: „Ein Bett im Kornfeld“ etwa.
Seit Jürgen Drews wissen wir, dass ein Kornfeld nicht nur landwirtschaftlich genutzt wird. Sommer, Natur, Lagerstätte, harmlos genug für den Schlagerabend auf Malle, eindeutig genug für alle, die Kondome dabei haben.
Überhaupt hat der Schlager viel für die Kunst der Umschreibung getan. Da wurde geträumt , man ging atemlos durch die Nacht. Niemand brüllte: Wir wollen Sex!, man raunte: Bleib bis morgen früh. Die Nacht ist jung.
Aber ja: Umschreibungen sind irgendwie auch schön, manchmal sind sie sogar erotischer. Weil sie Raum lassen, andeuten, das Kopfkino anknipsen. Trotzdem steckt in den verbalen Ausweichmanövern auch die alte Angst, das „Arge“ beim Namen zu nennen.
Sex war nie nur Sex, er war immer auch Moral, Scham, Sünde, Gefahr, Pflicht, Kontrollverlust. Also hat man ihn sprachlich gezähmt. Und der Sex selbst? Der scheint sich davon wenig beeindrucken zu lassen. Man kann ihn verstecken, verniedlichen, mit Obst symbolisieren. Und trotzdem bleibt er das, was er ist: einfach nur Sex. Gut so.
Studie
Sehr sexy Dating-Profile fallen auf, können aber die Chancen auf eine ernsthafte Beziehung senken. Eine neue Studie zeigt: Wer sich online stark sexualisiert präsentiert, wird eher als Kurzzeitflirt gesehen und weniger als vielschichtiger Mensch. Vor allem bei Männerprofilen kann die Mischung aus nackter Haut und sensibler Bio sogar unglaubwürdig wirken. Fazit: Sexy sein schadet nicht, aber wer etwas Ernstes sucht, sollte mehr als nur Körper zeigen.
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