Mythos "Sexgott": Warum „perfekte“ Liebhaber oft enttäuschen
Ein „perfekter“ Liebhaber weiß angeblich immer, was zu tun ist. Doch wer Sex als Beweis des eigenen Könnens versteht, verwechselt Nähe mit Performance – und die Partnerin mit einem Publikum.
Es gibt Männer, die kommen nicht „ins Bett“, sie erscheinen darin. Innerlich begleitet von Fanfaren, einem Lichtkegel und der felsenfesten Überzeugung, dass jetzt gleich ultimative Orgasmus-Geschichte geschrieben wird, Motto: Legenden lieben.
Das sind jene Typen, die (angeblich) genau wissen, „was Frauen wollen“. Die nicht fragen müssen, weil sie eh spüren, was „sie braucht“. Die auch nicht zuhören, weil sie Erfahrung haben. Und auch nix Neues ausprobieren wollen, weil sie eine Technik besitzen, die irgendwann zwischen Jugendherberge, Männermagazin und Online-Pornos zur Allzweckwaffe erklärt wurde. Ich spreche vom Mythos Sexgott.
Aber – Überraschung: Der „Supermann“ ist oft kein besonders guter Liebhaber. Nicht, weil sein Selbstbewusstsein stört; Unsicherheit kann auch anstrengend sein, wenn sie sich ständig rückversichern muss.
Der Unterschied liegt zwischen Selbstvertrauen und sexueller Selbstverherrlichung: Ein guter Liebhaber ist anwesend, der Sexgott performt. Dazu passt ein interessanter psychologischer Begriff: „sexueller Narzissmus“. Damit ist nicht nur die Freude am eigenen Körper oder die Lust auf die Lust gemeint, sondern eine Haltung, in der Sexualität stark um das eigene Können, den eigenen Anspruch, die eigene Bestätigung kreist: „Ich bin gut.“ „Ich weiß, wie’s geht.“ „Ich besorg’s ihr.“ Als wäre die Frau eine Art Empfangsgerät für männliche Großzügigkeit.
Sie schreit? Fünf Sterne!
Dazu passt, was Forscher über sogenannte „performanceorientierte sexuelle Skripte“ sagen. Manche Männer empfinden den Akt weniger als Begegnung, sondern als Prüfung. Als etwas, das man abliefert. Härter, länger, souveräner. Und ohne Nachfrage, denn die könnte ja bedeuten, dass man doch nicht alles weiß. Also wird fröhlich interpretiert: Sie stöhnt? Treffer. Sie bewegt sich? Sensationell. Sie schreit? Fünf Sterne.
Frauen sind an diesem Mythos nicht ganz unbeteiligt. Sie bestätigen, sie lächeln, sie „performen“ ebenso. So wird aus einem Mix aus Höflichkeit, Rücksichtnahme und Resignation ein Denkmal errichtet.
Ein Mann, dem oft genug gespiegelt wurde, er sei unglaublich, überprüft nicht mehr, ob das stimmt. So entsteht ein erotischer Kreislauf aus männlicher Selbstgewissheit und weiblicher Diplomatie.
Dabei zeigen Studien zur Orgasmuslücke seit Jahren, dass die Sache komplizierter ist. Männer kommen beim heterosexuellen Sex deutlich häufiger zum Höhepunkt als Frauen. Man spricht gar vom „Orgasm pursuit Gap“, heißt: Männer verfolgen den eigenen Orgasmus häufiger, Frauen richten ihre Aufmerksamkeit stärker auf den des Partners.
So wird männliche Lust zur Hauptfigur und weibliche zur Auszeichnung, die er sich an die Brust heftet. „Ich habe sie zum Kommen gebracht“ klingt dann eher nach Sportabzeichen. Guter Sex ist aber kein Solo mit Publikum. Umso hilfreicher wäre ehrliches Feedback seitens der Frauen. Nicht als vernichtende Rezension – Motto: „Danke, leider Thema verfehlt.“ Sondern wertschätzend, konkret: mehr davon, langsamer, anders, genau so!
Wer das hören und nehmen kann, hat schon deutlich mehr erotisches Format als jeder selbsternannte Sexgott.
Gekränkt
Romantisch oder platonisch: Zurückweisung schmerzt offenbar ähnlich stark. Eine neue Studie im „European Journal of Social Psychology“ zeigt, dass es emotional kaum einen Unterschied macht, ob die Abfuhr von einem möglichen Date, einer potenziellen Freundin oder sogar einer fremden Person kommt. Entscheidend ist weniger, wer ablehnt, sondern dass man sich abgelehnt fühlt – und damit weniger zugehörig und wertgeschätzt.
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