Dating-Dilemma: Warum die Suche nach Liebe so anstrengend ist

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Eine neue Studie zeigt, warum das Daten für viele zur Belastungsprobe wird und Nähe dabei oft auf der Strecke bleibt.

Dating gilt gesellschaftlich als Versprechen: als Raum, in dem Nähe entsteht, Beziehung möglich wird, Einsamkeit ein Ende findet.  Es gibt Tage, die dieses Versprechen auf spezielle Weise verdichten. Der Valentinstag am 14. Februar zum Beispiel. Er bündelt Hoffnungen auf Verbundenheit wie in einem Brennglas. Und macht gleichzeitig sichtbar, wie viele Menschen sich trotz aktiver Suche nach Beziehung einsam fühlen. Gerade weil er Nähe verspricht, lenkt er den Blick auf jene, bei denen sie ausbleibt.

Dating als Ausweg?

Einsamkeit ist eine der drängendsten sozialen Fragen unserer Zeit. Dating wird hier oft als der logische Ausweg gesehen. Es bringt jedoch komplexe emotionale Dynamiken und neue Belastungen mit sich“, sagte die Psychotherapeutin Natascha Ditha Berger bei der Präsentation der aktuellen Studie „Nähe statt Perfektion“. Als Teil des FFG-geförderten Projekts „Impact Innovation: Mehr Verbundenheit, weniger Einsamkeit“ zeichnet sie ein differenziertes Bild davon, warum Dating heute häufig so anstrengend wirkt. Aber auch, was vielen Suchenden dabei fehlt: Orientierung und Leichtigkeit.

Die Ergebnisse zeigen ein klares Muster: Es mangelt nicht am Wunsch nach Nähe, sondern an Bedingungen, unter denen diese entstehen kann. Häufig zeigt sich Dating als „bewerteter“ Raum. Menschen betreten ihn mit dem Bedürfnis nach Verbindung und zugleich mit der (negativen) Erwartung, beurteilt zu werden. Heißt: Nähe steht von Beginn an unter Beobachtung.

Viele der Befragten berichten von innerer Anspannung beim Dating, von Sorge um den ersten Eindruck und dem Gefühl, funktionieren zu müssen. Auch von Angst, „zu viel“ oder „zu wenig“ zu sein. Man nimmt sich zurück, aus Furcht, abgelehnt zu werden.

Perfektionsdruck

„Unsere Ergebnisse zeigen ein hohes Maß an innerem Stress, obwohl gleichzeitig eine starke Sehnsucht nach Verbundenheit besteht“, sagt Helena Spindler, geschäftsführende Gesellschafterin von „Slow Dating“ (an der Studie beteiligt). „Ich sehe darin aber keinen neuen Widerspruch, sondern eine Zuspitzung. Viele gesellschaftliche Rollen und Erwartungen sind im Umbruch, gemeinsame Skripte fehlen zunehmend.“ Nähe, das zeigt die Studie ebenfalls, entsteht nicht einfach so. Sie braucht Resonanz. Ein Echo, das zeigt: Ich bin gehört, ich bin gemeint. Wenn Rückmeldungen jedoch als Bewertung erlebt werden, entsteht Verunsicherung. Darauf reagieren viele mit Zurückhaltung. Das Erleben schlittert rasch in einen Perfektionsdruck, Begegnung fühlt sich plötzlich wie eine Prüfung an.  Besonders sichtbar wird das im sogenannten Authentizitätsparadoxon. „Authentisch zu sein zählt zu den meistgenannten Wünschen im Dating, wird aber oft als riskant empfunden, „weil es verletzbar macht“, so Spindler.

Rückzug statt Nähe

Vor allem zu Beginn von Begegnungen kann das problematisch werden: „Wenn Authentizität bedeutet, jede Irritation sofort zu äußern, kann das rasch verunsichernd wirken.“ Manche erste Eindrücke von einer anderen Person und das Treffen mit ihr klären sich erst mit der Zeit, so ihre Beobachtung. „Wenn Irritationen darüber zu früh gespiegelt werden, kann das Begegnung auch verhindern.“  Das Gefühl von Einsamkeit zeigt sich besonders dort, wo Nähe beginnen könnte: beim ersten Gespräch, beim Versuch, locker zu wirken, beim Suchen nach einem gemeinsamen Thema. Sie scheitert dann im Zögern, im Rückzug, im vorsorglichen „Sich-nicht-Zeigen“.

Digitale Kontexte fördern das. Online-Dating funktioniert oft wie ein Raum ohne Außenbezug: Profile werden in Sekunden beurteilt, rasche Reaktionen erwartet, Schweigen gedeutet. Häufig genannt werden Phänomene wie Ghosting, Oberflächlichkeit, Konkurrenzdruck und damit verbundene emotionale Erschöpfung. „Viele Menschen erleben Dating heute stärker als Bewertung denn als Begegnung“, sagt Spindler. Außerdem entstehe meist der Eindruck unendlicher Auswahl und das begünstige zu schnelle Entscheidungen. „Dieser Optimierungsdruck wirkt sich auch auf reale Begegnungen aus.“

Klare Werte helfen

Ein stabilisierender Faktor sticht hervor: Werteklarheit. „Sie beschreibt, wie gut Menschen ihre Werte kennen und danach handeln“, sagt Spindler. „In unseren Daten geht höhere Werteklarheit mit geringerer Einsamkeit, weniger Zweifel und weniger Problemen beim Dating einher.“ Praktisch heißt das: Menschen mit klaren inneren Bezugspunkten reagieren weniger verunsichert auf klassischen Dating-Druck.  Ebenfalls hilfreich: Tempo rausnehmen. Wo Begegnungen nicht ad hoc entschieden werden müssen, entsteht Entlastung. Wiederholte Treffen und gemeinsames Tun wirken verbindender als schnelle Einordnung. Der Faktor Zeit zählt. Was die Studie nahelegt, ist ein Perspektivenwechsel: Begegnung braucht Räume, in denen Unsicherheit nicht sanktioniert, sondern gehalten werden kann – über Zeit, Wiederholung und Begegnungen hinweg.

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