Topmodel Elsa Hosk posiert für Fotografen beim Filmfestival von Cannes, 2019

© REUTERS/ERIC GAILLARD

freizeit Leben, Liebe & Sex
04/25/2021

Woher der rote Teppich kommt - und warum er so bedeutend ist

Mit den Oscars kehrte nach einer großteils virtuellen Award-Season eine Minimalversion des Red Carpet zurück.

von Julia Pfligl

Ganze Heerscharen von Stars, Assistenten und Begleitern tummeln sich normalerweise auf dem 300 Meter langen Teppich im Vorfeld der Oscar-Verleihung, hinter den Absperrungen klicken unzählige Kameras. Gestern bot sich ein anderes Bild. Nur Nominierte und Laudatoren durften den cayenneroten Stoff entlangschreiten, statt Gedränge gab es viel Abstand, keine Zuschauer und nur wenig Presse.

Obwohl die USA rasch impfen, standen die 93. Academy Awards im Zeichen der Pandemie. Die Freude, dass Hollywood nach einer Saison mit Zoom-Dankesreden und Roben-Schnappschüssen aus dem Privatgarten endlich wieder einen Red Carpet ausrollte, war dennoch groß. Damit kehrt ein Stück Glamour zurück, das seit den goldenen Zwanzigerjahren untrennbar mit dem Showgeschäft, aber auch mit Staatsempfängen, Adelshochzeiten, Bällen und Eröffnungen verbunden ist.

Wandelnde Werbefläche

„Der rote Teppich ist die letzte Bastion der klassischen, alten Prominenz“, erklärt der Kommunikationswissenschafter und Trendexperte Thomas Neubner den Status des purpurnen Stoffs, der heute nicht mehr Götter, sondern Stars von Normalsterblichen unterscheidet. „Die Akteure werden automatisch veredelt, wenn sie darauf stehen. Wenn es keinen Teppich gibt, fehlt dieses offizielle, edle Setting.“ Private Fotos aus dem Zuhause seien zwar persönlich und geben dem Prominenten (vom lateinischen Verb prominere, herausragen) die Möglichkeit, nahbarer zu wirken. „Dadurch wird aber auch alles etwas beliebiger.“

Bevor Stars auf Instagram bereitwillig Einblick in ihr Privatleben gaben, waren Red Carpets für Fans die einzige Möglichkeit, einen Blick auf Reich und Schön zu erhaschen. Und auf deren Outfits. Experten nennen das durchsichtige Glitzer-Ensemble, in dem Barbra Streisand 1969 den Oscar holte, als Wegbereiter für ein lukratives Geschäftsfeld: die Red-Carpet-Mode.

Heute beginnen Stylisten bereits Monate im Vorfeld mit der Auswahl möglicher Outfits, A-Lister wie Jennifer Lawrence (Dior) oder Emma Stone (Louis Vuitton) haben millionenschwere Verträge mit Designern und Juwelieren, deren Kreationen sie für einen bestimmten Zeitraum tragen müssen. Red-Carpet-Roben können für Designer und Träger große Karrieren einläuten: Das „Sicherheitsnadelkleid“, in dem Liz Hurley 1994 an der Seite von Hugh Grant eine Filmpremiere besuchte, machte die unbekannte Schauspielerin weltberühmt und bescherte Versace einen unbezahlbaren Werbeeffekt.

Drei Jahre später erhielt Nicole Kidman zwei Millionen Dollar, damit sie zu den Oscars gelbgrüne Couture von Galliano ausführte. Bis heute kommt keine Best-dressed-Liste ohne die Bilder aus.

2013 entspann sich um Anne Hathaway ein wahres Roben-Drama: Als die oscarnominierte Schauspielerin einen Tag vor der Verleihung erfuhr, dass Amanda Seyfried ein ähnliches Kleid wie ihre rote Valentino-Wahl tragen würde, entschied sie sich in letzter Minute um. Die blassrosa Prada-Robe saß suboptimal und veranlasste Hathaway letztendlich sogar zu einer öffentlichen Entschuldigung bei Valentino und ihren Fans.

Neue Akteure

Wie sehr Modeschöpfer von roten Teppichen profitieren, weiß auch der Wiener Couturier Juergen Christian Hoerl. Seit er Conchita für den Song Contest und Mirjam Weichselbraun für den Opernball einkleidete, ging es für den 46-Jährigen steil bergauf. „Der rote Teppich ist eine Bühne. Der Künstler braucht die Aufmerksamkeit genauso wie die Kleider, die er trägt“, sagt er zum KURIER. „Red-Carpet-Auftritte unterstreichen die Marken-Identität: Künstler und Designer finden sich automatisch, da die gemeinsame Außenwirkung und die Idee, für die man steht, Hand in Hand gehen.“

"Erst durch den roten Teppich kommt wahrer Glamour in die Modewelt und somit war er auch dafür verantwortlich, dass zahlreiche Modelabels die Fühler Richtung Haute Couture ausgestreckt haben. Welchen Look eine bekannte Persönlichkeit vor den Blitzlichtern präsentiert, kann entscheidend für die Imagebildung der Prêt-à-Porter-Häuser sein", sagt Gloria Traxl, deren Agentur PR International Kunden wie Louis Vuitton und Anelia Peschev betreut. "Die Ausstattung von Prominenten für diese Anlässe ist daher eine wichtige Aufgabe für uns, um das Image von Fashion Labels zu stärken."

Ohne den Heerführer Agamemnon gäbe es heute womöglich keine roten Teppiche. Vor 2.500 Jahren beschrieb der Dramendichter Aischylos, wie Klytämnestra ihrem untreuen Ehemann nach dessen Rückkehr aus Troja purpurrote Tücher ausbreiten ließ. Weil Rot den Göttern vorbehalten war, weigerte er sich zunächst aber, das Gewebe zu betreten.  
Der rote Stoff blieb über die Jahrhunderte ein Merkmal für Adel, Macht und Status. 1821 wurde er zu Ehren des Präsidenten der USA, James Monroe, in Georgetown ausgebreitet. 

Hundert Jahre später schritten die Stars bei der Filmpremiere von „Robin Hood“ in Hollywood über roten Stoff. In den 1920ern wurde er zum Synonym für Glamour und vor genau 50 Jahren, damals noch in Santa Monica, erstmals auch vor den Academy Awards ausgerollt. Die Einführung des  Farbfernsehens machte ihn endgültig zu einem Dreh- und Angelpunkt der Celebrity-Kultur. 

Zuletzt zeichneten sich auf den Red Carpets  gesellschaftliche Umbrüche ab. Im Fahrwasser von #MeToo rebellierten Schauspielerinnen  gegen die so genannte „Mani Cam“, die ihre Maniküre in Großaufnahme zeigte, trugen Schwarz als Zeichen gegen Sexismus oder protestierten barfuß gegen den High-Heel-Zwang am Filmfestival von Cannes.  Die Twitter-Kampagne #AskHerMore fordert  Pressevertreter seither auf, Frauen nicht nur nach dem Designer ihres Kleides zu fragen, sondern auch nach ihren erbrachten Leistungen. 

Für Agamemnon nahm der Gang über den roten Teppich letztlich kein gutes Ende: Er folgte seiner Frau dann doch  in den Palast, wo sie in wenig später mit einer Axt ermordete. 

Die Generation Netflix könne mit dem Konzept des roten Teppich oft gar nichts mehr anfangen, beobachtet Neubner. "Sie haben kein Verständnis mehr von alter, klassischer Prominenz." Durch die neuen Medien hat sich die Bedeutung des Red Carpet verschoben. „In Deutschland tummelten sich plötzlich Tiktok-Stars auf dem roten Teppich. Die Fotografen wussten gar nicht mehr, wen sie da vor sich hatten.“

Doch je mehr selbstgemachte Internet-Stars es gibt, desto wichtiger könnte der gute alte, analoge Teppich werden. „Es kann ja nicht jeder eine bekannte Person sein, an der man sich orientiert. Wenn alle berühmt sind, braucht es erst recht eine Bühne, auf der man hervorstechen kann.“

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