Tausend Paar Schuhe gehen in einem Jahr durch die Hände des Profihandwerkers Asad Mardany.

© Kurier/Juerg Christandl

freizeit Leben, Liebe & Sex
09/05/2020

Wo alte Bergschuhe nicht in den Mistkübel wandern

In diesem Wiener Betrieb machen Profihandwerker gut eingegangene Treter mit abgelösten Sohlen wieder einsatzbereit.

von Uwe Mauch, Jürg Christandl

Wer in der Windmühlgasse in Wien-Gumpendorf am Haus Nr. 9 vorbeispaziert, kann dort ein ständiges Kommen und Gehen beobachten. Bereits seit 1905 ist der Bergschuhspezialist R. Mörtz eine Anlaufstelle für Bergsportler.

Die meisten Kunden betreten das Geschäft mit einem prall gefüllten Sack, um diesen sodann auf der Budel von seinem Inhalt zu befreien.

Tengis Kozhiashvili, der den Betrieb vor zweieinhalb Jahren in fünfter Generation übernommen hat, begutachtet das deutlich ramponierte Schuhwerk zum Bergsteigen, Wandern und Klettern. Dann wiederholt er zumeist seinen Lieblingssatz: „Ihre Schuhe können wir noch retten.“

Echte Laufkundschaft

Von den meisten Tretern hat sich die Sohle gelöst. „Deshalb muss man den Schuh aber nicht gleich zum Müll tragen“, erläutert Herr Kozhiashvili, der sein Handwerk und den freundlichen Umgang mit den Kunden von seinem inzwischen pensionierten Vorgänger Kurt Hofmann erlernt hat. Das Gros der Eintretenden ordnet der neue Inhaber übrigens unter „Laufkundschaft“ ein: Sie fanden den Weg zu ihm in den sechsten Bezirk aufgrund von Empfehlungen – nicht selten von ihren Bergfreunden.

Sie haben gute Gründe für diesen kleinen Umweg: „Zum einen helfen meine Kunden, den Müllberg nicht zusätzlich zu belasten, zum anderen können sie ihre vertrauten, bereits eingegangen Schuhe nach der Reparatur weiterhin wie gewohnt tragen.“

Nichts geht heute ohne Asad Mardany beim „Mörtz“: Der orthopädische Schuhmacher aus Afghanistan werkt in der Werkstatt neben dem Geschäftslokal. Man könnte ihn auch als Bergschuhdoktor bezeichnen. Mehr als 1.000 Paar Schuhe gehen in einem Jahr durch seine Hände. Alle kann er am Leben erhalten.

Arbeitsschritt für Arbeitsschritt bringt er die Schuhe wieder in Form: Zunächst erwärmt er sie auf 60 bis 80 Grad Celsius, um die Sohle abzulösen. Auf der Maschine schleift er dann die Unterseite des Oberschuhs ab, ehe er den Klebstoff dort und auf der neuen Sohle aufträgt. Eine Presse vereint beide, mit 30 Bar, 45 Minuten lang. Am Ende bekommen die Schuhe noch einen Feinschliff und eine Bienenwachs-Politur.

Nur freitags händigt er den Kunden die reparierten Schuhe aus: „Jene, die am Anfang skeptisch waren, sind dann oft sehr angetan.“

Seine Erfahrung lehrt Tengis Kozhiashvili: „Ein guter Bergschuh sollte zwischen zehn bis 15 Jahre halten. Dazwischen sollte man ihn vielleicht ein Mal neu besohlen.“

Nur selten muss er einem Kunden erklären, dass sich eine Reparatur nicht mehr auszahlt: „Das ist eigentlich nur dann, wenn das Obermaterial kaputt ist, oder sich die Ösen schon gelöst haben.“

Dass der Schuhmacher trotz der Langlebigkeit seiner Produkte gut von seinem Handwerk leben kann, sollte vielleicht jenen zu denken geben, die die Produktzyklen in den vergangenen Jahren absichtlich verkürzt haben, um so mehr Geld zu verdienen.

Der Kaukasus ruft

Selbst kommt der Schuhmacher derzeit nur selten zum Wandern und Bergsteigen. Seine Arbeit und drei kleine Kinder halten ihn anderwertig auf Trab. Am Plan des gebürtigen Georgiers ändert das jedoch nichts: „Einmal möchte ich mit meiner Frau und den Kindern in das Land meiner Kindheit fahren und dann auch im Kaukasus wandern gehen. Meine Kunden erzählen mir, dass es dort ganz wunderbar ist.“

Mehr über dieses Service: www.bergschuhe.at

Gar nicht mögen diese speziellen Modelle – auch wenn das speziell im Sommer für seine Träger bequem sein mag – einen längeren Aufenthalt im Kofferraum eines Wagens. Erklärt der Bergschuhspezialist seinen Kunden. Am liebsten haben sie die Kühle des Kellers. Im Schuhschrank im Vorzimmer halten sie es aber auch ganz gut aus.

Und dann gilt es noch, auf einen landläufigen Irrtum hinzuweisen: Nicht die Bergschuhe, die oft getragen werden, gehen schneller kaputt, sondern die, die lange ruhen. „Weil der Klebstoff schneller spröder wird und sich die Sohle schneller  löst“, sagt Tengis Kozhiashvili. Vielleicht eine zusätzliche Motivation für die nächste Wanderung?

Den guten alten Lederschuh empfiehlt er, mit einem Fett auf Bienenwachsbasis zu behandeln:  „Das macht das Leder geschmeidig.“ Für die Schuhe mit Textil und Goretex eignet sich ein Imprägnierspray. Abputzen, abwaschen reicht, die Waschmaschine sei hingegen ein No-Go.

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