© Kurier/Gilbert Novy

Interview
07/18/2020

Was ist mit dem Sommer los, Marcus Wadsak?

Im Gespräch am Neusiedler See verrät der Meteorologe, wieso uns Extreme bereits normal vorkommen, die Menschen mit Prognosen unzufriedener werden und was es mit seinen T-Shirts auf sich hat.

von Julia Pfligl

Auf der Seeterrasse des In-Lokals „Das Fritz“ herrscht Frühsommerfeeling: Im Wasser schaukeln Segelboote, nebenan füllt sich das Strandbad. Marcus Wadsak, Chef-Meteorologe beim ORF, wohnt da, wo andere Urlaub machen – vor zehn Jahren ist er der Liebe wegen von Wien an den Neusiedler See gezogen, wo seine Lebensgefährtin Sylvia Saringer ein Haus hatte.  „Sie hat mich eingeladen, dann bin ich geblieben“, erzählt der 49-Jährige bei Kaffee und Porridge. Sein Fakten-Buch über den Klimawandel eroberte die Bestsellerliste und auch sonst hat der dreifache Vater  allen Grund, entspannt zu sein. Wäre da nicht der nahende Fünfziger ... 

freizeit: Wir sitzen hier am Ufer des Neusiedler Sees, ganz in der Nähe von Ihrem Zuhause – welche Bedeutung hat der See für Sie?

Marcus Wadsak: Der See ist seit zehn Jahren mein Lebensraum – es gibt keinen Tag im Jahr, an dem ich nicht hier herlaufe oder mit dem Rad herfahre, auch heute war ich schon um acht Uhr Früh da. Ich brauche diese Weite und die Ruhe, um loslassen und entspannen zu können.

Ironischerweise wurde ausgerechnet  der Neusiedler See zu einem Sinnbild für den Klimawandel in Österreich ...

Es gibt in Österreich sicher Orte, an denen sich der Klimawandel deutlicher zeigt – man muss nur auf einen Gletscher fahren, die rinnen im Sommer nur so dahin. Beim Neusiedler See haben wir heuer das Phänomen, dass wir nach zwei viel zu trockenen Jahren im Mai und im Juni den niedrigsten Wasserpegel seit Messbeginn hatten.  Er hat keinen Zufluss und keinen Abfluss, das heißt, er speist sich einzig und alleine vom Regenwasser. Das ist aber noch kein Grund, in Panik zu verfallen – ich denke, das wird sich wieder ausgleichen.

Den Mai und vor allem den Juni haben viele als regnerisch und zu kühl empfunden. Zu Recht?

Der Mai war leicht unterdurchschnittlich, doch der Juni hat sein Soll erfüllt. Wir haben das erlebt, was früher ein normaler Sommer war: In meiner Kindheit in Wien gab es einen Sommer, 1974, in dem es an keinem Tag 30 Grad oder mehr hatte. Damals war das nicht so tragisch, man ist bei 28 Grad genauso baden gegangen. Heute ist so ein Sommer undenkbar. Wir erleben keinen Tag mehr, an dem die globale Temperatur unterdurchschnittlich ist. Der Juni 2019 lag um 4,7 Grad über dem Schnitt, da haben wir an vielen Stationen Temperaturen gemessen, die es sogar im Hochsommer noch nie gegeben hat. So gesehen war der heurige Juni natürlich frischer. Das Extreme ist für viele gefühlt schon das neue Normal geworden.  

„Das Klima hat sich immer schon gewandelt“ ist an dieser Stelle ein populäres Gegenargument. Was entgegnen Sie?

Natürlich hat es das, viel wilder sogar! Nur hat es da  den Menschen noch nicht gegeben. Das Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10.000 Jahren hat uns stabile Klimaverhältnisse gebracht, die uns erlaubt haben, sesshaft zu werden. Jetzt sind wir am Weg, diese stabile Phase zu verlassen. Ich bin kein Freund von Panik und Drama, aber es braucht jetzt wissenschaftsbasierte Maßnahmen, damit wir weiter die Garantie haben, in einer so guten Welt leben zu können.

Sie betonen in Ihrem Buch, dass Klimaschutz keinen Verzicht darstellen muss. Wo zeigt sich das in Ihrem Leben?

Ich glaube, jeder kann und soll einen Beitrag leisten – was genau, muss jeder für sich entscheiden. Ich habe vor einigen Jahren begonnen, mit dem Zug nach Wien zu pendeln. Das sind 40 Minuten Lebenszeit, die ich sinnvoll nützen kann. Unsere Lebensmittel kaufen wir direkt und je nach Saison beim Bauern und ich fahre so oft es geht mit dem Rad. All diese Dinge haben mein Leben entspannter und besser gemacht.

Und nun zum Wetter. Das Satireportal Die Tagespresse titelte  kürzlich: „Noch genauer: ORF führt Wettervorhersage künftig mit Glücksrad durch“. Ist es schwieriger geworden, das Wetter vorherzusagen?

Das habe ich auch gesehen! (lacht) Ich mache seit 25 Jahren Prognosen, habe davor fünf Jahre Meteorologie studiert. Als ich begonnen habe, konnte man sinnvollerweise  für drei bis fünf Tage das Wetter vorhersagen, jetzt sind es zehn bis 15 Tage. Die Modelle haben sich also rasant entwickelt und werden immer besser. Ja, manche Wetterlagen sind schwierig  vorherzusagen. Voriges Jahr im Sommer war es einfach, da hatten wir wenige Gewitter, viel Sonnenschein und es war immer heiß. Das war heuer im Juni nicht der Fall. Was sehr zur Unzufriedenheit der Leute beiträgt, sind Wetter-Apps.

Wieso denn das?

Die Menschen wissen nicht, woher die Prognose kommt, es gibt keinerlei Kommunikation über Unsicherheiten. Vor Kurzem hat mich jemand auf Twitter gefragt, ob er am Abend draußen oder drinnen einen Tisch reservieren soll.  Ich habe gesagt:  Es wird den ganzen Tag schütten, aber am Abend wird es schön sein, das wissen wir. Manchmal ist es nicht so eindeutig, dann sage ich, reservier draußen mit der Möglichkeit, reinzugehen. Diese Unsicherheit kann dir eine App nicht vermitteln.

Marcus Wadsak, geboren  am 5. Oktober 1970 in Wien, leitet seit 2012 die Wetterredaktion des ORF. Der studierte Meteorologe  heuerte mit 25 Jahren beim ORF an, erst bei Ö3, später beim ZiB-Wetter. Aus seiner ersten Ehe hat er zwei Kinder, Jan (21) und Ina (20), mit seiner Verlobten, der ATV-Moderatorin  Sylvia Saringer, Sohn Tim (8).

Werden die Leute kritischer, was die Wettervorhersagen betrifft?

Prognosen liegen nur noch selten daneben, sodass das kein großes Thema mehr ist. Die Menschen begegnen mir meist freundlich und mit dem klassischen Schmäh „Na, heut habts aber daneben g’haut“. Was wir schon merken, ist, dass die Leute zunehmend unzufrieden sind, wenn das Wetter nicht so ist, wie sie es gerne hätten. In diesem Juni waren viele angefressen auf die Prognosen – nicht, weil sie nicht gestimmt hätten, sondern weil es nicht beständig sonnig war.

Haben sich also die Ansprüche verändert?

Als ich ein Kind war, hatten wir am Samstag noch Schule. Das heißt, das Wochenende beschränkte sich auf den Sonntag und es war relativ egal, wie das Wetter war. Heute sind die Menschen viel flexibler. Sie hören am Mittwoch, das Wochenende wird schön, und planen spontan einen Kurztrip an den See oder im Winter auf den Berg. Es wird heute viel mehr und kurzfristig nach dem Wetter geplant – zum Leidwesen des Tourismus. Man wartet zu oder verschiebt den Urlaub, wenn das Wetter nicht so gut wird.

Früher war das Wetter einmal ein unverfängliches Smalltalk-Thema. Kann man noch unbeschwert darüber sprechen?

Das Wetter ist nach wie vor eines der beliebtesten Smalltalk-Themen und wird es auch bleiben, weil jeder etwas dazu zu sagen hat. Ich glaube, es hat eine zusätzliche Komponente bekommen. Nämlich, dass wir mehr und mehr verstehen, dass es nicht ausreicht, das Wetter rein egoistisch zu sehen, also wie hätte ich es gerne ... Dass wir mehr  den Blick für das Ganze bekommen – also verstehen, dass das, was mir guttut, für andere schlecht oder schädlich sein kann. Das führt uns zur Klima-Solidarität und dem Gefühl, dass es für andere Menschen wegen des Klimawandels bereits eng geworden ist.

Ihre beiden älteren Kinder gehören zur „Fridays for Future“-Generation. Stimmt Sie die Jugend optimistisch?

Das Lustige ist, dass ich schon vor vier Jahren mit meiner Tochter beim Klimamarsch um den Ring dabei war – lange, bevor es „Fridays for Future“ gab. So eine Bewegung macht mir große Freude – wir brauchen alle, um den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Die jungen Leute erreiche ich nicht mehr so gut wie das tendenziell ältere Fernsehpublikum. Die Jungen haben eine andere Erzählweise, eine andere Art, Politiker aufzufordern,  eine irrsinnige Ungeduld. Die sagen: Jetzt gehen wir schon ein Jahr demonstrieren, und es ist noch immer nichts passiert! Wir Alten sind gewohnt, dass es immer noch eine Sitzung gibt. Es war ein großer Fehler zu glauben, dass die Jungen für nichts mehr zu bewegen sind.

Apropos jung. Googelt man Ihren Namen, schlägt die Suchmaschine automatisch „T-Shirts“ vor. Was hat es damit auf sich?

So ganz habe ich das nie verstanden. (lacht) Als ich mit Mitte 20 beim ORF begonnen habe,  waren  Carl Michael Belcredi und Andreas Jäger meine Kollegen: Der eine stand für seine Pullover, der andere für Hosenträger. Irgendwann hat es sich eingebürgert, dass ich im Umfeld der ZiB der einzige Mann bin, der ohne Krawatte und in T-Shirts auftritt. Ich mache mir gar nicht so viele Gedanken darüber. Oft stehe ich beim Einrichten im Studio und die Regie fragt: Was hast du denn heute schon wieder auf dem T-Shirt stehen? (lacht) Sie wurden also ganz automatisch mein Markenzeichen – und ich bin froh darüber, weil ich mich mit Krawatten in meiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt fühle. 

Sie werden im Oktober 50. Was nervt Sie mehr – die Zahl an sich oder dass Sie ständig darauf angesprochen werden?

Ich werde eigentlich gar nicht darauf angesprochen – es ist einzig und allein mein Thema. Es beschäftigt mich, seit ich 49 bin. 50 ist das Alter, in dem du öfter Weihnachten erlebt hast, als du es noch erleben wirst. Der 30er war bahnbrechend, der 40er war super, beim 50er stellt sich die Frage – was jetzt?  Die vergangenen Jahre waren geprägt  von so vielen unerwarteten Highlights, ich habe drei großartige Kinder, von denen zwei schon in die weite Welt entlassen sind. Man hat das Gefühl, mit 50 muss noch irgendwas kommen, aber was genau das sein soll, habe ich noch nicht herausgefunden.  

Ihre Verlobte (die TV-Journalistin Sylvia Saringer, Anm.) ist ausgebildete Lebens- und Sozialberaterin – hilft sie Ihnen, auf Fragen wie diese eine Antwort zu finden?

Sylvia ist eine hervorragende  Beraterin und ihre Praxis „Die Lebensmeisterei“ läuft gut an. Für mich war sie schon die Antwort auf so viele große Lebensfragen und ich hoffe, dass sie das auch mit 50 plus bleiben wird. Natürlich ist sie bei großen Entscheidungen, offenen Fragen, Plänen, aber auch Ängsten stets meine erste Anlaufstelle  – und meist auch rasche Rettung und Hilfe.

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