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freizeit Leben, Liebe & Sex
03/08/2021

Über dümmliches Lächeln und vorgetäuschte Orgasmen

Zwei Generationen, zwei Vorbild-Frauen: Aida Loos und Alice Schwarzer im Interview über Klugscheißer und falsche Entschuldigungen

von Laila Docekal, Yvonne Widler

Frauen müssen nicht erst sichtbar gemacht werden – sie sind überall sichtbar. Was man aber nicht sieht, sind sich rasch verändernde Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern. Man sieht auch keine Abnahme von Sexismus oder körperlichen Übergriffen von Männern gegen Frauen. Oder eine Zivilgesellschaft, in der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern herrscht.

Zwei Drittel der systemrelevanten Jobs sind mit Frauen besetzt. Im Vergleich zum Februar des Vorjahres ist die Arbeitslosigkeit von Frauen um 40 Prozent gestiegen – bei den Männern sind es 25 Prozent. Corona tat das Übrige. Ganz zu schweigen von Frauen in Führungspositionen. Einfaches Beispiel gefällig? Österreichweit sind gerade einmal neun Prozent der Bürgermeister weiblich.

Im Jahr 2010 hatte die Feministin Alice Schwarzer zum ersten Mal für die Abschaffung des „gönnerhaften“ 8. März als „Frauentag“ plädiert. Heute, elf Jahre später, spricht der KURIER mit ihr und der Kabarettistin und Schauspielerin Aida Loos über unfeministischste Geständnisse, über Männer, die Frauen unterbrechen, und darüber, ob Frauen mehr für sich einstehen sollten. 

KURIER: Was feiern Sie heuer am Frauentag?

Aida Loos: Ich werde eine Flasche Champagner öffnen und gemeinsam mit meiner Mutter, meinen drei Schwestern und zwei Töchtern die Göttinnen feiern, die wir sind.

Alice Schwarzer: Ich feiere nie den 8. März. Ich kann zwar sehr gut verstehen, dass manche Frauen die Gelegenheit zum Anstoßen nutzen. So viele Anlässe gibt es ja nicht, schon gar nicht in diesen Zeiten. Aber ich finde den 8. März einen Witz, um nicht zu sagen: den reinen Hohn. 1 Tag von 365 im Jahr für die Frauen, die Mehrheit der Menschheit? Wie gönnerhaft von der Männerwelt, uns das zuzugestehen.

Was war das Unfeministischste, das Sie jemals gemacht haben? 


Loos: Ich habe vor Kurzem bei einer gynäkologischen Untersuchung aus Versehen einen Orgasmus vorgetäuscht. Das war sehr unfeministisch von mir.

 

Schwarzer: Über Dummheiten, die Männer sagen, dümmlich lächeln. Das tue ich leider manchmal noch heute. Um des lieben Friedens willen.

Wie hat sich das Corona-Jahr auf die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft ausgewirkt? 

Loos: Seitdem wir Mundschutz tragen, hören wir viel seltener, dass wir doch mal lächeln sollten. Das ist gut. Schlecht ist die häusliche Gewalt gegen Frauen, die klar gestiegen ist und die unerträglich hohe Zahl der Frauenmorde, die gerne als „Beziehungsdrama“ abgetan wird. Ein Wasserrohrbruch ist ein Beziehungsdrama. Wenn er sie deswegen umbringt, dann ist es ein Mord.

Schwarzer: Wir wissen es ja schon: Corona kracht den Frauen noch mehr auf die Füße. Stichworte: Homeoffice, Haushalt inklusive Homeschooling etc.

Frau Loos, sind selbst Mutter zweier Töchter – wie erklären Sie Ihren Kindern Feminismus? 

Loos: Ich arbeite nicht gegen den Willen meiner Töchter. Ich will, dass sie viel wollen. Dieses elendige: „Immer nur: Ich will, ich will! Weißt was ich alles will?“ gibt es bei uns nicht. Meine ältere Tochter hat mich neulich gefragt: „Gibt es eigentlich auch Männer, die Kabarett machen?“ Das ist ihre Realität.

Frau Schwarzer, wie würden Sie es einem Kind erklären? 

Schwarzer: Gleiche Rechte und Chancen für alle Menschen. Und gleiche Pflichten!

Voriges Jahr hat Österreichs Frauenministerin Susanne Raab anlässlich des Frauentags behauptet: „Feminismus trennt die Frauen mehr, als er verbindet.“ Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Loos: Die Tatsache, dass es ein Frauenministerium gibt, ist eine hundertprozentige Folge des Feminismus, also tritt sie mit dieser Aussage genau das mit Füßen, was ihr überhaupt ermöglicht hat, Ministerin zu werden. Wäre sie konsequent, dann müsste sie eigentlich die Abschaffung des Frauenministeriums fordern, das ergäbe Sinn. Ein Gesundheitsminister muss keinen Krebs überlebt haben, aber eine Frauenministerin, die sich nicht als Feministin begreift, ist ähnlich schlüssig besetzt wie Werner Kogler als Sportminister. Aber Susanne Raab ist nun mal die ideale Vorzeigefrau für die ÖVP: Sie ist zwar gebildet, hat aber wenig Selbstvertrauen und ist frei von einer eigenen Meinung. Ich finde Raab und ihren populistischen Einserschmäh unerträglich, wie auch ihre schmerzverzerrte Mimik, mit der sie inhaltsleere Phrasen und vor allem Klischees von sich gibt und dabei einzelne Silben übertrieben betont, um so etwas wie Bedeutungsschwere vorzutäuschen.

Schwarzer: Ich kenne den Kontext nicht, in dem die Ministerin das gesagt hat. Aber wenn sie es so gemeint haben sollte, irrt sie gewaltig. Der Feminismus ist ganz im Gegenteil angetreten damit, zu zeigen, wie viel alle Frauen trotz der Unterschiede verbindet. In den 1970er Jahren hatte eine große Traumstudie in den USA herausgefunden, dass die Träume weißer Amerikanerinnen denen der australischen Ureinwohnerinnen, den Aborigines, ähnlicher sind als denen ihrer eigenen Männer, der weißen Amerikaner. Und mein 1975 erschienener „Kleiner Unterschied“ – in dem es um die Rolle von Liebe, Sexualität und Sexualgewalt im Leben von Frauen geht – war ein internationaler Bestseller, ist bis hin nach Brasilien und Japan erschienen. Da haben sich also Frauen in der ganzen Welt mit diesen von mir 18 exemplarisch ausgesuchten deutschen Frauen identifiziert. Feminismus leugnet nicht die Unterschiede, zum Beispiel geht es einer Frau in Wien heute schließlich anders, tausendmal besser als einer Frau in Kabul. Aber Feminismus zeigt auf, dass wir Frauen in der ganzen Welt mehr gemeinsamen haben, als uns lieb sein kann.


Der Begriff Quotenfrau hat oft einen negativen Beigeschmack – die Diskussion kochte zuletzt rund um die Virologin Sandra Ciesek auf, die neben Christian Drosten einen Podcast mit Coronavirus-Updates macht. Wie stehen Sie zu Quotenfrauen und Frauenquoten?

Loos: Es gibt kein anderes Mittel, das so wirksam ist wie eine gesetzliche Quote, denn wenn in den entscheidenden Positionen nur Männer sitzen, die ausschließlich Männer gut finden und kein Wille für Veränderung da ist, dann muss es halt erzwungen werden, auch um Vorbilder für Frauen zu schaffen.

Schwarzer: Die Virologin Ciesek, die wir auch in der aktuellen EMMA porträtieren, hat natürlich eine ebenso große Kompetenz wie der Virologe Drosten. Dass man da, nur weil es eine Frau ist, gleich von Quotenfrau spricht, ist eine Frechheit. Es ist Zeit, dass die vielen kompetenten Frauen sichtbarer werden, auch in den Medien!

Mansplaining und Manterrupting sind zwei inzwischen häufig genutzte Begriffe, wenn Männer Frauen unterbrechen, um ihnen von oben herab die Welt zu erklären. Wie können sich Frauen dagegen wehren?

Loos: Vor Kurzem hat mir ein Typ ungefragt seine Religion, den Evangelismus, erklärt. Es war quasi Amensplaining und ich antwortete freundlich mit: „Danke, jetzt weiß ich endlich alles über euch Katholiken!“ Die beste Waffe bleibt der Humor.

Schwarzer: Indem die Frauen lernen, auch selber die Welt zu erklären – und sich trauen, den vielen Klugscheißern auch mal zu widersprechen.

Sexismus zeigt sich am Lohnzettel, lautet eine häufige Kritik – der viel zitierte Gender Pay Gap bestätigt das. Sind Frauen Opfer des Systems oder stehen sie zu wenig für sich ein? 

Loos: Laut dem Gender Gap Report dauert es auch weitere 217 Jahre, bis Frauen das Gleiche verdienen wie Männer, aber nur, wenn es in dem Tempo weitergeht. Das wäre dann 2238, also kurz nachdem wir alle geimpft sind. 217 Jahre sind lang und dann sind wir alle tot. Tot, aber gleichberechtigt. Es liegt also schon in der Verantwortung der Frauen, was natürlich keine gerne hört. Die sagen dann: „Ich? Na entschuldige!! Wieso ich?? Ich hab doch nichts getan!“ Ja stimmt, das ist ja das Problem und bitte hör auf mit diesem Entschuldigen.

Schwarzer: Die Kluft zwischen dem Verdienst von Frauen und Männern und die darauf zwangsläufig folgende Altersarmut von Frauen ist vor allem eine Folge der strukturellen Benachteiligung von Frauen und ihrer Zuständigkeit für die Gratisarbeit im Haus und mit den Kindern. Erst wenn diese fatale Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern aufgehoben ist, erst wenn Männer ebenso zuständig sind für das Haus und Frauen für die Welt, erst dann wird sich diese Einkommenskluft schließen.

Welche war die letzte Situation, in der Sie sich als Frau ungerecht behandelt gefühlt haben?

Loos: Jetzt gerade zum Beispiel. Dass man mich nur am Weltfrauentag zum Thema Gleichstellung fragt, ist ungerecht.

Schwarzer: Ach, da gibt es so viele. Natürlich ist der Blick auf mich als Frau – wie der auf alle Frauen – ein ganz anderer als der Blick auf Männer. Was bei Männern gelobt wird, zum Beispiel Konfliktfähigkeit, gilt bei Frauen als zänkisch. Es gibt Tausende Beispiele.

Und das letzte persönliche Erfolgserlebnis im Sinne der Gleichberechtigung, das Sie positiv in Erinnerung haben?

Loos: Die Senkung der idiotischen Tamponsteuer und dass sie in vielen Ländern Europas (also in etwa 10 Jahren dann auch in Österreich) auf öffentlichen Toiletten gratis zur Verfügung stehen. Das hat viele Männer erbost, weil sie sich benachteiligt fühlten. Vielleicht kann man für diese gratis Taschentücher bereitstellen, damit sie was zum Reinweinen haben.

Schwarzer: Auch dafür gibt es unendlich viele Beispiele. Vielleicht sollte ich als positiv verbuchen, dass ich das Leben trotz meines feministischen Kampfes so genieße. Oder wegen?

Was feiern wir in 10 Jahren am Frauentag? 

Schwarzer: Hoffentlich keinen Frauentag! Sondern einen Tag von 365 für Menschen – die Tiere und die Natur gleich mit.

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