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04/12/2020

"Werden zur Generation Corona": Was die Krise aus Millennials macht

Jugendforscher Tristan Horx über die Rolle der Jungen in der Krise und das Ende des Handschlags.

von Julia Pfligl

Der Essay seines Vaters über die Welt nach Corona hat in Woche eins des Ausnahmezustands einen Nerv getroffen. Auch Tristan Horx, 26, Sohn von Zukunftsforscher Matthias Horx, macht sich Gedanken, wie es nach der Krise weitergeht – vor allem mit seiner Generation, den Millennials. Jahrelang wurde ihnen nachgesagt, vergnügungssüchtig, unpolitisch und egoistisch zu sein – Vorurteile, die durch Corona wohl verschwinden werden. Ein Gespräch zwischen zwei Millennials (daher in Du-Form) über Solidarität mit Babyboomern, Social Media und Begrüßungsrituale.

KURIER: Dein Vater prognostizierte in seinem Essay „Die Welt nach Corona“ ein neues Miteinander – wie wird Corona deiner Meinung nach das Verhältnis zwischen den jüngeren und älteren Generationen beeinflussen?

Tristan Horx: Ich habe dazu den Begriff Corona-Vertrag geschaffen. Überspitzt gesagt: Vor Corona haben Jüngere von Älteren Solidarität in Sachen Klimakrise verlangt – rettet doch bitte unsere Zukunft! Wenn wir uns ehrlich sind, ist da wenig passiert, die Machtstrukturen haben eher auf Selbsterhalt gesetzt. Statt den Leuten wirklich zuzuhören, haben alle nur ein Riesen Tamtam gemacht und die Experten weitgehend ignoriert. Jetzt schränken vor allem die Jüngeren ihr Leben massiv ein, um die ältere Generation zu schützen. Ich denke aber, dass danach die Anforderung kommen wird: Wir haben unseren Anteil geleistet, jetzt seid ihr dran.

Fomo, die Angst, etwas zu verpassen, war unter Millennials stets weit verbreitet. „Genießen“ wir den globalen Stillstand insgeheim?

Es war längst nötig, dass wir alle mal in Jogginghosen zu Hause sitzen. Bei dieser permanenten Beschleunigung, die wir zuvor im analogen und digitalen Leben gespürt haben, hat man sich ja insgeheim nach Entschleunigung gesehnt. Deswegen drehen die meisten jungen Leute jetzt auch noch nicht durch. Hätte man das früher gemacht, wäre man ein Verlierer im Rennen gewesen, weil einen alle überholen. Das ist jetzt ein wunderbarer Moment für Reflexion und Katharsis. Die Entschleunigungsbewegung hat man schon vor Corona gesehen, jetzt wurde sie durch die Krise bestärkt: Achtsamkeit, bewusster digitaler Konsum. Wer nach Corona mit seinen Freunden essen geht und dabei immer noch am Handy hängt, der kann sich gleich wieder in die Isolation zurückziehen.

Apropos: Wie wird Corona unseren Umgang mit Social Media verändern?

Die sozialen Medien waren davor kaum sozial. Jetzt, wo sie der einzige Kanal sind, über den Menschen in die Welt kommunizieren, müssen sie sozial sein. In Zeiten der Krise sucht man nach etwas, das einen zusammenhält, in diesem Fall ist es ein gemeinsamer Feind, das Virus. Im Grunde wollen wir sozialen Austausch ja positiv und produktiv betreiben. Früher konntest du auf Social Media gehen und jeden „Idiot“ schimpfen, weil du im echten, analogen Leben einen Ausgleich hattest. Der ist flöten gegangen. Die physische Distanz bringt uns seelisch näher.

Was macht das mit einer Generation, der stets nachgesagt wurde, besonders Ich-bezogen zu sein?

Wir sind eine individualisierte Generation, keine egoistische. Das Schöne ist, dass man Unterschiede aneinander schätzt. Man kann auch gemeinsam individualisiert sein. Ich habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, dass sich die individualisierte Kultur mehr zu einer neuen Wir-Kultur hin wandelt. Der Prozess wurde durch Corona beschleunigt.

Ist das ein Prozess, der bereits in der Vergangenheit nach tiefen Einschnitten zu beobachten war?

Die These ist, dass Gesellschaftskohorten nach großen gesellschaftlichen Krisen homogener werden. Die Generation nach dem Zweiten Weltkrieg war unglaublich homogen, hatte ein ähnliches Mindset usw. In der Nachkriegszeit haben die großen Krisen abgenommen, danach gab es eine Individualisierung. Ich bin optimistisch, dass auch die Corona-Krise zu einer leichten Homogenisierung führen wird. Allerdings unter allen Altersgruppen. Wir werden somit alle zur „Generation Corona“. Die ewigen Altersdivisionen waren ja vor der Krise auch nicht mehr wirklich zutreffend. Es leben die Werte!

Tristan Horx
Der Sohn des deutschen Publizisten Matthias Horx und der britischen Journalistin Oona Strathern wurde 1993 geboren, er lebt in Österreich und besitzt die britische Staatsbürgerschaft. Nach seinem Studium der Kultur- und Sozialanthropologie begann er, am Zukunftsinstitut mit Schwerpunkt auf die jüngeren Generationen zu forschen. 

Millennials und Corona
Geburtsjahrgänge von ca. 1985 bis 1999 (zwischen Generation X und Generation Z)  werden als Millennials oder Generation Y („Why“) bezeichnet. 2019 lebten in Österreich ca. 1,7 Mio. 20- bis 35-Jährige. Im Zuge der Covid-19-Pandemie wurden sie angehalten, zum Schutz der Älteren zu Hause zu bleiben – das Virus trifft sie in der Regel seltener und mit milderen Symptomen.

Wird sich die Generation Y nach Corona immer noch über Reisen nach Kapstadt und Bali definieren – oder werden sich die Statussymbole durch die Krise ändern?

Grundsätzlich wird es natürlich eine instinktive Bewegung in Richtung Sicherheit, Subsistenz, Absicherung geben. Das ist ganz natürlich nach einer Tiefenkrise. Allerdings wird nach der Krise eine weite Reise noch mehr Gewicht haben. Weil sie einerseits hoffentlich entschleunigter stattfindet und wieder besonders geworden ist. Gerade weil der Tourismus jetzt innerhalb der eigenen Nation stattfinden muss, bevor wir wieder global reisen können, lernen wir die weiten Urlaube wieder neu zu schätzen. Die waren ja etwas selbstverständlich geworden. Ich vermute eine Entwicklung zu Slow Travel und Resonanztourismus.

Das Krisenmanagement der Regierung erfuhr unerwartet viel Zuspruch, auch von Jungen, die nicht türkis gewählt haben. Wird sich das im Wahlverhalten niederschlagen?

Wen sie wählen, ist für mich weniger interessant, als dass sie endlich wählen gehen. Die Wahlbeteiligung unter den jüngeren Generationen weltweit war ziemlich enttäuschend – siehe Brexit und Co. Jetzt, wo auch die Jungen sehen, wie Regierungen in Krisen doch auch autoritär handeln müssen und das Volk ihnen diese Macht gibt, steigt hoffentlich die Partizipation. Wenn man zu dem Negativbeispiel des östlichen Nachbarlandes schaut, erkennen die Jungen sicherlich, wie wichtig ihre Stimme in der Demokratie ist.

Werden wir Millennials uns zukünftig noch per Handschlag begrüßen?

Händeschütteln war schon längst uncool. Nach der Krise werden wir unsere Nächsten vermutlich eher umarmen.

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