© Kurier/Juerg Christandl

Reportage
07/23/2021

Swapfiets: Das Fahrrad zum Mieten im Test

Absolut praktisch: Das neue Mobilitätskonzept wird jetzt auch in Wien angeboten. Es hat durchaus Potenzial.

von Uwe Mauch, Jürg Christandl

Um falsche Erwartungen erst gar nicht aufkommen zu lassen, sei es gleich eingangs angemerkt: Ja, die High-Tech-Rennräder des Teams Jumbo-Visma machten bei der Tour de France weltweit Werbung für den Mobilitätsanbieter „Swapfiets“ aus den Niederlanden. Ihre vorderen Reifen fielen mit exakt demselben Hellblau auf wie die Leihfahrräder, die man nun auch in Wien zu sehen und ebenso zu fahren bekommt.

Aber damit hat es sich auch. Die „Swapfiets“, zu deutsch Mieträder, wirken neben den hochgezüchteten Zeitmaschinen der Radprofis wie Traktoren im Vergleich zu den filigranen Boliden der Formel 1. Woraus sich ergibt: Alpen- und Pyrenäenpassstraßen sind damit tunlichst weitläufig zu umfahren.

Der KURIER-Redakteur ist mit einem Testrad mehrere Tage lang unterwegs gewesen. Kreuz und quer durch die Stadt, auch übers Land. Diese Tage waren anstrengend, teilweise schweißtreibend, aber auch geprägt vom Genuss des sich ganz ohne Stress vorwärtsbewegenden Flaneurs auf zwei Rädern. Er weiß jetzt, für was das Fahrrad, das er nicht kaufen kann, gut ist – und für was eher nicht.

Dazu einige Notizen aus seinem Fahrtenbuch:

Ein Hollandfahrrad par excellence! Ja, das ist dieses „Swapfiets“. Sehr nett zum Ansehen und auch nur wenig anfällig für Pannen unterwegs. Allerdings wird es zur Qual auf jeder Kellerstiege, beim Anfahren an der Ampel, beim Rauftreten (Berggasse, Wiental, Wienerwaldbezirke usw.) und beim Gegen-den-Wind-Ankämpfen (für alle Radelnden in Wien die Regel und nicht die Ausnahme).

Die aufrechte Sitzposition erlaubt dem Leihradfahrer viel mehr Überblick als auf einem schnittigen Rennrad. Immer gemächlich kann er so das Geschehen vor seiner Lenkstange studieren. Optionen für aerodynamisches Fahren gibt es naturgemäß nicht.

Die sieben Gänge sind eine gewisse Hilfe bei zügigen Abfahrten (zum Beispiel auf der Höhenstraße) oder aber bei den als quälend empfundenen Bergwertungen der höchsten Kategorie (die Erklimmung des Küniglbergs von Lainzer Seite her wirkt auf „Hollandradler“ wie ein Glockner-Etappensieg). Auf die Nabenschaltung ist jedenfalls Verlass, selbst bergauf ist Schalten reibungslos möglich.

Das Verleihsystem spricht in Berlin bereits 10.000 und in Wien immerhin 500 Kunden an. Sehr unterschiedliche Charaktere sind das, erklärt dazu Vinzenz Goidinger, der den Store in der Josefstädter Straße 55 leitet: „Studenten, die erst kurz in der Stadt sind und schnell mal ein Fahrrad benötigen. Menschen, die das Radfahren für sich einmal ausprobieren möchten, auch Essenszusteller, nicht zu vergessen die ältere Generation, die unsere E-Bikes ausborgt. Aber auch Achtsame, die im Überfluss nicht mehr jedes Teil besitzen möchten, Radsportler, die für den täglichen Bedarf ein Fahrrad benötigen, sowie jene, die es nicht weit zu ihrer Arbeitsstelle haben.“

Eine Art Versicherung und damit verbunden ein gutes Gefühl der Sorglosigkeit bietet „Swapfiets“ nachweislich auch. Zum einen wurden bisher nur wenige Räder gestohlen, betont Goidinger. Zum anderen trifft ein Diebstahl den Vermieter härter als seine Kunden. Der Tester hätte 60 Euro verloren, hätte er nach Abhandenkommen des Rads den Schlüssel des Schlosses vorlegen können. Dieser lässt sich nur dann abziehen, wenn es doppelt versperrt wurde.

Ein spezielles Service ergibt sich auch aus dem Angebot einer kostenlosen Reparatur. Egal, ob platter Reifen, streikende Kette oder Gangschaltung. Die jungen Mechaniker von „Swapfiets“ sind zu den Öffnungszeiten bereit, Mängel zu beheben. Sie legen aber nicht nur im Shop Hand an, sie kommen sogar frei Haus zu ihren Kunden, sofern diese das wünschen. Damit ist auch Menschen mit zwei linken Händen geholfen.

Die Welle der Sympathie hat auch den Berichterstatter erfasst. Noch ist das Ausleihen von Fahrrädern nur in der urbanen Radszene und nicht einmal dort zur Gänze bekannt. Derzeit gibt es bereits drei Anbieter in Wien (siehe oben). Doch überall stößt man auf großes Interesse, und das nicht nur wegen des blauen Vorderreifens.

Swapfiets: Das Unternehmen wurde  im Jahr 2015 von Studenten in der niederländischen Stadt Delft als Start-up gegründet und 2018 von Investoren übernommen. Inzwischen wurden Filialen in Deutschland, Dänemark und Spanien eröffnet. In Wien gibt es drei Modelle zum Mieten, auch ein E-Bike. Das Testrad (Foto) kostet 19,90 € pro Monat; die Anmeldegebühr von 19,50 € entfällt nach sechs Monaten. Das Abo ist monatlich kündbar. Mehr Infos hier.

Eddi Bike: Ein Start-up, von vier Studenten der Wirtschaftsuniversität Wien gegründet. Eddi ist die Abkürzung für „ecological, diverse,  dynamic, innovative“. Verliehen werden 12,4 kg leichte Stadtflitzer mit auffallend breiten Reifen und 3-Gang-Schaltung. Ab 24,90 €/Monat, Anmeldegebühr: 15 €. So bald wie möglich wollen die Eddis den Fuhrpark erweitern. Und noch ein ganz feiner Zug: Eddi kooperiert mit "Jugend am Werk" und beweist damit eindrucksvoll, dass Geld nicht alles im Leben ist. Mehr Infos hier.

Bike Gorillaz: So wie die Eddis ein Wiener Lokalmatador, der sich auf das Freizeitradeln konzentriert. Bietet Marken-Elektrofahrräder (Mountain- und Trekkingbikes sowie für Kinder) – alle auch mit Kaufoption! Ab 69 €/Monat für Kinder bzw. ab 89 €/Monat für  Erwachsene. Kosten im Falle eines Diebstahls: keine. Mehr Infos hier.

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